ihm aber ging die natürliche Liebe des Sohnes in die übernatürliche des Priesters auf, dessen Beruf es ist, alle Tage seines Lebens für die Sünden der Welt und des einzelnen nicht bloss als Opfernder, sondern auch als Opfer, unter dem Kreuze nach Kalvaria zu gehen. Die bejahrte, kranke Frau hing noch immer an allem Tand der Eitelkeit, als ob sie zwanzig Jahre alt sei. Wenn die Wucht der Leiden ein wenig nachliess, schminkte sie ihre abgezehrten Wangen mit dem schönsten Karmin und versuchte vor dem Spiegel ein Häubchen nach dem andern, bis ihre Wahl sich für das jugendlichste und eleganteste entschied. Dann nahm sie gern solche Besuche an, die von neuen Moden und neuen Romanen zu erzählen wussten. Eine ihrer Kammerfrauen verstand gut vorzulesen und hatte dadurch einen schweren Dienst; denn sie musste viele Stunden des Tages, zuweilen sogar der Nacht, solche Bücher vorlesen, in welchen die Kranke eine Erinnerung oder Wiederholung der nichtigen Freuden und törichten Leiden ihrer Vergangenheit fand. Sie hatte ihre Seele dermassen an äussere Dinge gehängt, dass ihr Sinn wie tot für das Höhere war.
Levin hatte keine Vorstellung von dieser seelischen Abgestorbenheit seiner Mutter. Nicht er, sondern sein älterer Bruder, der Stammherr, war der Gegenstand ihrer Zärtlichkeit und Sorgfalt gewesen, und in diesem Punkt – dem einzigen in ihrer Ehe – stimmte sie mit ihrem Gemahl überein. Die engen Herzen fassten die Familie nur in ihrem Zusammenhang mit der Welt auf. Glanz und Ansehen, Reichtum und Grundbesitz, Vertretung des uralten Namens – alles knüpfte sich an den Erstgeborenen. Levin war überflüssig, wurde auch immer so behandelt und in den geistlichen Stand wie in ein Exil geschickt. Vielleicht war es diese irdische Enterbung, die ihm das himmlische Erbe zuwendete. Die Geringschätzung von Seiten der Eltern bewirkte, dass er sich selbst von Herzen geringschätzte und sich von Kindheit auf daran gewöhnte, für nichts zu gelten und seine Wünsche wie seine Persönlichkeit nie in Anschlag zu bringen. Er hätte kleinmütig, feig und misstrauisch werden können; aber er hatte die Geisterweihe der Frömmigkeit empfangen: er wurde demütig. Er traute sich selbst nichts Gutes zu; darum flüchtete er, wenn das Böse sich ihm nahte, zu der göttlichen Gnade – und sie erhielt ihn gut. Je mehr er diese wirkung der Gnade in sich erkannte, desto entschiedener und inniger hing er sich ihr an, folgte ihr und suchte mehr und mehr aus seiner Seele zu räumen, was an Eigenliebe und Selbstsucht ihr entgegenstand. Der ersten, der natürlichsten Liebe, der Elternliebe beraubt, senkten seine Herzfasern sich überhaupt nicht mehr in eine Erdenliebe ein. D e r Boden war zu kalt und zu arm für sie; sie richteten sich aufwärts; sie fassten Wurzel im Stamme des Kreuzes; und seine Liebe wurde der Gekreuzigte. Mit dieser Liebe kam er zu seiner Mutter, betrat er ihr Krankenzimmer und verliess es Jahr um Jahr nicht mehr. Sie lebte jetzt auf Schloss Windeck, dessen Stille ihren Leiden wohltat und wo sich immer einige Glieder der Familie aufhielten und ihr Gesellschaft leisteten, am seltensten ihr Gemahl und ihr ältester Sohn. Levins Vater hatte sich wenig um seine Frau bekümmert, ihr schon früh das Beispiel seiner Irrwege gegeben und oft jahrelang von ihr getrennt gelebt. Das ging auch jetzt so fort. Der älteste Sohn war verheiratet und in der Nähe seiner Schwiegereltern angesessen; überdies wenig geneigt, die Einsamkeit eines Krankenzimmers zu teilen. Levin war seiner Mutter kaum willkommen. Sie hatte nie ein Herz für ihn gehabt und traute ihm daher auch keines für sich zu.
"Er will mich gewiss bekehren," sagte sie zu fräulein Leonore, ihre Cousine und Busenfreundin, die sich fast immer bei ihr aufhielt und noch oberflächlicher und weltlicher war, als sie.
"Bekehren? warum denn?" fragte fräulein Leonore ganz verwundert. "Ich dachte, man bekehrte nur die Heiden, die Wilden und solche Völker."
Zwischen fräulein Leonore, einigen anderen Verwandten dieses Schlages und den Kammerfrauen mit Romanen und Modejournal wollte Levin Fuss fassen, um das Herz seiner armen Mutter der Welt abzuringen. Für diesen Kampf musste er seine Festung haben. Die Schlosskapelle war ganz vernachlässigt oder – richtiger gesagt – vergessen. Man hatte die Erlaubnis, das Sanktissimum darin aufzubewahren; statt dessen bewahrte man altes Hausgerät darin auf, das man zum eigenen Gebrauch zu schlecht und für die Armen zu gut fand. Ein Hauskaplan, eine tägliche Messe – das waren Dinge, die nicht im Gedankenkreise von Levins Eltern gelegen hatten. In aller Stille und Ruhe machte Levin dem Haushofmeister begreiflich, dass es sich zieme, die Kapelle in Ordnung zu setzen, damit er nicht ausserhalb des Schlosses die Messe zu lesen brauche. Der Haushofmeister meinte: wenn sich gräfliche Gnaden damit bemühen wollten, so sei es allerdings geziemend, es im Schloss zu tun; und die Kapelle wurde eingerichtet. Altargerätschaften, Paramente, Weisszeug waren teils verschwunden, teils unbrauchbar durch lange Vernachlässigung. Levin schaffte alles Notwendige aus seinen Mitteln an. Aber diese waren beschränkt durch seine unbeschränkten Almosen. Nur die Gefässe, welche bei der Feier der heiligsten Geheimnisse dienten, liess er prächtig und kunstreich anfertigen; alles andere konnte nur ganz schlicht sein. Aber welch ein Frohlocken durchströmte seine Seele, als nun alles geordnet und bereitet – und er selbst so glücklich war, den "verborgenen Gott", wie der Prophet Isaias ihn nennt, "dessen Lust es ist, bei den Menschenkindern zu sein" – wieder zu dem verlassenen Altar zurückzuführen und