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, so gib dereinst nicht mir die Schuld für die verlorenen Jahre. Ich weiss nicht, wann ich des Vaters Einwilligung bekomme. Hab' ich sie aber, so gehe ich in's Kloster. Ach Uriel, warte nicht."

"Lass mich warten," sagte er, "das ist schon eine Art von Glück."

"Welche Qual bereiten sich die Menschen unter der Firma: Liebe!" seufzte Regina aus tiefster Brust.

"So jung und schon so weise!" rief er mit einem Anflug von Spott. Sie verteidigte sich nicht; als ob sie wisse, dass sie in seinem Herzen ihren sichersten Verteidiger habe. Er setzte auch gleich zärtlich hinzu: "Du bist bei den Engeln in die Schule gegangen und hast bei ihnen so viel Himmlisches gelernt, dass Du wohl die Dinge der Erde richtiger betrachten magst, als wir."

"Sage das dem Vater, lieber Uriel!" sagte sie. Er wollte sie nicht verstehen. Er wollte da bleiben, in dem stillen Zimmer, wo er nichts sah, nichts hörte, nichts dachte, nichts wusste, als sie! gleichviel ob mit Schmerz, mit Leid, mit Freude, mit Wonne, nur sie! das war genug. Er liebte sie eben. Da stand Regina auf, legte ihre hände bittend zusammen und winkte so leise mit ihrem blick nach der tür, dass man ihr recht tief in's Auge sehen musste, um sie zu verstehen. Uriel gehorchte der leisen Bewegung ihrer Augenwimpern; er ging; aber er sagte:

"Weil Du meine Königin bist, Regina."

Der Graf hörte Uriels Bericht gelassen an und sprach tief seufzend: "Wir müssen uns mit Geduld waffnen. Es ist eine gute Vorschule für Deinen Eintritt in den Ehestand. Welch ein Mass der Geduld man der Frau gegenüber haben muss, davon weiss nur der Eheherr ein Lied zu singen! Heute Migräne, morgen Nervenweh, übermorgen ein Raptus f ü r eine höchst gleichgiltige Sache und übermorgen g e g e n eine sehr wichtige! Bald Entusiasmus ohne Ziel, bald Abneigung ohne Grund! Jetzt Tränenströme um ein Nichts, dann Skrupel um ein Garnichts! Zur Ehre der Wahrheit muss ich sagen, dass ich von dem allen bis jetzt keine Spur bei Regina gefunden habe; allein der Trotz, der Eigensinn, die bei ihr zum Vorschein kommen, zeigen deutlich, dass es Dir an einem Hauskreuz nicht fehlen wird, was freilich kein Verliebter glaubt! Nun wollen wir aber ihrem Trotzkopf einen so weiten Spielraum öffnen, dass er vor Ermüdung zusammenbrechen muss. Ich werde ihr erklären, dass ich ihre Klosteridee auf eine zehnjährige Prüfung setze. Das hält sie nicht aus! Nichts macht die gespannten Kräfte so gründlich morsch, als langes Warten in's Blaue hinein. Ein Jahr, auch zwei und sogar drei Jahre warten auf die Erfüllung des Lebensglückes, das hat etwas Reizendes, davor schreckt niemand zurück; allein zehn Jahre ...." –

"Lieber Onkel!" unterbrach ihn Uriel, "ich warte mit Freuden zehn Jahre auf Regina."

"Die Freuden werden doch wohl mit einiger Ungeduld vermischt sein," entgegnete der Graf. "Uebrigens findest Du denn doch am Ende von zehn Jahren in Regina eine Realität; aber was würde sie bei ihren Karmelitessen finden? eine Chimäre, vor der sie selbst sich entsetzen würde. Das wird sie auch schon einsehen und zu rechter Zeit Kehrt machen."

Er kündigte ihr seinen Entschluss an. "Zehn Jahre sollst Du Dir die Welt und die Menschen ansehen und Dich besinnen über Glück und Pflicht," sagte er.

"Und dann darf ich mit Deiner Einwilligung zu den Karmelitessen?" fragte Regina gespannt.

"Ja," sagte der Graf; "wenn Du uns allen während zehn Jahren das Leben verbittert hast, anstatt es, wie eine gute Tochter, zu verschönern: dann will ich Dir erlauben, Deine Verkehrheit in einem beliebigen Kloster zu beweinen."

Regina sank vor dem Grafen auf die Knie und bedeckte seine hände mit Küssen und Tränen, indem sie rief:

"O, mein lieber Vater! wie dank' ich Dir! so ist es recht; so muss es sein: über allerlei Dornen geht mein Weg; aber ich komme zum Ziel .... ich danke Dir."

Was war mit einer person anzufangen, die sich für jedes rauhe Wort bedankte und in jeder Strenge eine Gnade sah! Dieser Charakter ging über des Grafen Massstab und Erfahrungen so weit hinaus, dass es ihm manchmal ganz unheimlich war, der Vater einer solchen Tochter zu sein. Er teilte inzwischen der ganzen Familie die Parole aus, um einen Chor der Klage über Regina's Entschluss zu bilden: die Baronin Isabelle, Corona, Orest, Florentin, sogar einige der alten treuen Dienstboten, deren Leben mit dem Leben der Familie zusammen gewachsen war, und die mit einem rührenden Gemisch von Stolz und Zärtlichkeit die Kinder des Hauses "unsere Kinder" nannten; alle sollten bei jeder passenden Veranlassung ein Klagelied anstimmen über die Kalamität, welche Regina über ihre ganze Familie verhänge, was natürlich ihrem Herzen sehr wehe tun musste. Und mit seltener Übereinstimmung gingen alle auf die Absicht des Grafen ein, jeder in seiner Weise. Niemand machte ihr Vorwürfe, aber niemandLevin und Hyazint ausgenommensympatisierte mit ihr. Wie mit einer Kranken, deren elenden Zustand man beweint und auf deren Genesung man sehnlichst hofft