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lehrt, der ausdrücklich den jungfräulichen Stand über den ehelichen stellt, und zwar deshalb, weil dieser seine Richtung auf das Wohlgefallen des Geschöpfes, jener auf das des Schöpfers nehme. Wer das Verlangen nach irdischem Glück spürt, wähle den Stand, der es ihm durch das geschöpf und durch menschliche Verhältnisse darbietet; das tun viele Millionen, und wir wollen ihnen von Herzen wünschen und hoffen, dass sie sich heiligen. Diese in's Ordensleben zu versetzen, wäre grausam und unsinnig. Wer aber sagt und mit dem Herzen sagt: Solo Dios basta, und die jungfräuliche Gottesmutter und den heiligen Apostel Paulus, und Tausende von Heiligen und von frommen Ordensleuten, und den ganzen Priesterstand der heiligen Kirche für sich hat und leben will wie sie: der fasst es nicht, lieber Uriel, wie man ihm ein solches Leben als Egoismus vorwerfen könne, weil, so lange die Welt steht, der egoistische Mensch sein Glück nicht in Gott gesucht hat, sondern in allem anderen, was Gott nicht ist."

"Das geb' ich zu, Regina; aber das opferwillige Herz findet in allen Verhältnissen Veranlassung zu Entsagung."

"Ja," sagte sie, "es wird sich mannigfachen Entsagungen unterziehen; aber es macht nicht, wie das Ordensleben, seinen Stand und seine Pflicht aus der vollkommenen Weltentsagung."

"Es ist schwerer zu entsagen inmitten grosser Versuchungen, als hinter Klostermauern."

"Das zu entscheiden ist nicht meine, sondern Gottes Sache, bester Uriel. Ich denke ja nicht daran, eine Heldin zu werden, nur eine demütige Braut Christi. Das hab' ich dem Vater gesagt und das wiederhole ich Dir."

"Du beraubst den Vater seiner liebsten Hoffnung und zerreisst ein Band, welches zwei Familien in zärtlicher Übereinstimmung geknüpft haben."

"Ich weiss es, Uriel!" rief sie schmerzlich, "und gäbe es nichts Höheres als den Wunsch der Eltern, o glaube mir, ich gehorchte. Nun aber geht es mir, wie dem heil. Pionius bei seinem Martertode, als er sagte: Ich fühle wohl die Wunden und den Schmerz, aber mein Gott ruft mich zu sich."

"Du bist eine himmlische Schwärmerin," sagte er, in ihren Anblick verloren; "aber die Erde hat auch Rechte an Dich."

"Ich entziehe mich ihnen nicht, Uriel; denn ich leide und werde noch viel mehr leiden. Das ist mein Anteil an den Rechten der Erde."

"Leid ohne Liebe, das ist fürchterlich!" rief er in heftiger Bewegung.

"O Du Tor!" sagte sie lieblich und mit einem seligen Lächeln, "kannst Du wähnen, dass der göttliche Vielgeliebte keine Liebe zu seiner Braut hat?"

Uriel schüttelte leise den Kopf und erwiderte:

"Regina, Du machst mir den Eindruck einer Nachtwandlerin, die mit leichtem und sicherem Schritt am rand eines Abgrundes geht, wohin kein menschlicher Fuss sich wagt. Sie geht sicher, so lange sie nicht sieht; schlägt sie aber ihre Augen auf und wird den Abgrund gewahr, so ergreift sie Schwindel und sie stürzt hinab. Deshalb ist es wohl recht wunderbar, sie wandeln zu sehen; aber man erschauert vor Angst."

"Lieber Uriel, die Mondsucht ist eine körperliche Krankheit, durch die ich weiss nicht was für Kräfte im Menschen geweckt, hingegen seine Willensfreiheit gefesselt wird. Daher entsetzt sich der Mondsüchtige über seine Wege und Stege, wenn er plötzlich geweckt wird, denn er hat sie nicht mit Bewusstsein gewählt. Dein Vergleich passt also nicht auf mich."

"Doch!" sagte er traurig; "Du wandelst in Nacht; die Sonne der Liebe ist Dir nicht aufgegangen."

"Du hast so ganz nicht Unrecht mit der Nacht;" erwiderte sinnend Regina. "Ja, Uriel, ich wandele in Nacht, in der heiligen Sternennacht des Glaubens, und Du wirst wohl wissen, dass dessen Gestirne lichter und treuer sind, als die Sonne der Welt."

Mit einer trostlosen Bewegung bedeckte Uriel sein Gesicht mit beiden Händen und seufzte beklommen:

"Ich fasse es nicht, dass ich Dich verlieren soll."

"O nein!" rief sie lebhaft, "nicht verlieren, Uriel! ich bleibe mit Euch allen in süsser Verbindung."

"Mit uns allen!" sagte er bitter. "Hättest Du doch wenigstens gesagt: mit dir, Uriel! Sag' es, Regina, sage wenigstens das!"

Regina schwieg. Er liess seine hände vom Gesicht sinken und sah sie an. Seine schönen Züge voll Adel und Empfindung wurden noch schöner und seelenvoller durch den Ausdruck von Trauer und Bitte in seinen Augen.

"Nun?" sagte er, "sind drei Worte zu viel für mich?"

"Auch mit Dir, Uriel," sagte Regina leise.

"O schweige!" rief er heftig; und nach einer Pause setzte er hinzu: "Regina, Du bist allzu vollkommen! Lassen wir das; aber hör' mich an. Du glaubst mir keine Hoffnung, auch nicht die allergeringste, geben zu können; doch ich, ich lasse sie mir noch nicht nehmen. Du bist erst siebenzehn Jahre alt: ich warte. Bei siebenzehn Jahren kann jeder Tag sowohl eine Revolution in der inneren Welt machen, als auch eine allmälige Umgestaltung derselben bewirken. Und darauf wart' ich."

"Uriel," sagte Regina beängstigt, "wenn Du vergebens wirst gewartet haben