auf einem dürren – wie das so geht in einer zahlreichen Familie! Mein Pinsel tut noch immer seine Schuldigkeit. Aber meine jüngste Schwester, die Klara, hat mich auch königlich belohnt."
"Das glaube' ich nimmermehr!" rief Judit. "Dann würden Sie nicht in diesem kalten Nebelwetter ohne Paletot im Sommerrock gehen."
"Was Rock! was Paletot! Nein, fräulein Judit, einen Lohn, der durch Schneiderhände – unbeschadet dem Respekt vor dem ehrsamen Handwerk! – einen Umweg macht, hat die Klara zu gering für mich erachtet. O nein! die Klara ist ein Nönnchen geworden bei den ehrwürdigen Frauen Benediktinerinnen auf dem Nonnberg zu Salzburg, und betet Tag und Nacht für mich armen Sünder."
Judit sah ihn starr an, als erwarte sie einen Aufschluss, eine Erklärung dieser Worte. Aber Ernest, der immer so sprach, als gebe es auf der ganzen Welt nur gute katolische Christen – Ernest schwieg und es flog nur ein blick voll seliger Freude aus seinem lichten Kinderauge dankbar zum Himmel auf.
"Sie sind sehr exzentrisch, wie man in der Welt sich auszudrücken pflegt, Herr Ernest," sagte sie endlich.
"Exzentrisch sein, bedeutet ausserhalb des Zentrums oder ohne Mittelpunkt sein," erwiderte er. "Es kommt also ganz darauf an, was man zum Mittelpunkt des Menschenlebens oder Wesens setzt. Die Welt nimmt an, ihre gesetz, ihre Vorschriften wären das notwendige Zentrum, um welches man sich zu bewegen habe. Da ich nun das nicht tue, so mögen Sie mich meinetalben exzentrisch nennen, fräulein Judit! ich weiss ja doch, dass ich mein Zentrum, und zwar ein ganz festes, unerschütterliches, in Gott habe."
"Da Sie es so schön finden, dass Ihre Schwester Nonne ward, warum sind Sie denn nicht Mönch geworden?"
Ernest lachte hellauf und erwiderte: "Weil es zweierlei ist, etwas schön zu finden und schön zu sein. Ich mit meiner Wanderlust, mit meinem ungebundenen Sinn – ein Mönch, der unter dem Gehorsam und nach der Ordensregel lebt! nein, das ist mir nie eingefallen. In's Heiligtum muss man durch die Gnade berufen werden, nicht sich hineindrängen."
"Und an wen ergeht ein solcher Ruf?"
"An die, welche Gott so lieben oder so lieben wollen, dass sie sich mit der Welt und ihren Gestalten nicht befreunden mögen."
"Das wäre etwas für mich," sagte Judit, "wenn ich einen Gott hätte, den ich lieben könnte. Aber auf solche phantastische Träumereien lass' ich mich nicht ein."
Ein Wagen fuhr vor; Türen öffneten sich. In einen superben persischen Shawl gehüllt, mit Boa und Muff von Zobel, rauschte Madame Miranes durch die Gemächer und ins Zimmer ihrer Tochter. Die Lektion war zu Ende. Ernest verbeugte sich tief vor der prächtigen Dame, die ihm in ihrer Art recht gut gefiel, denn sein Wohlwollen umschloss alle Geschöpfe Gottes. Sie entliess ihn huldreich und er dachte auf dem Heimweg bei sich selbst: In einem Gemälde, als die stolze Königin Vasti, würde sie sich trefflich machen! recht eine Gestalt für den Pinsel des Veronese!
Der Beruf
Nachdem sich Graf Damian von der Verwunderung erholt, in welche Regina ihn versetzt hatte, überlegte er, was nun zu tun sei. Zwang, Befehl würden vergeblich sein gegen diesen festen Entschluss, das sah er ein. Auch würde Uriel darauf nicht eingehen. Widerspruch reizt zum Eigensinn, besonders so einen kapriziösen Mädchenkopf, der sich einbildet, die Welt müsse nach seiner Pfeife tanzen. Sie muss dahingebracht werden, von selbst ihre Klosterideen aufzugeben. Das dauert vielleicht ein Jahr oder zwei und dann lässt sie sich überwinden. Uriel muss Geduld haben und soll immer in unserer Nähe sein. Wäre der politische Horizont nicht so wetterdrohend, so ginge man nach Italien oder Paris und Uriel reiste mit. Es ist aber nicht geheuer in der Ferne und Fremde, man könnte in ein Wespennest hineingeraten! So mag sich denn Uriel der Gesandtschaft in Frankfurt attachieren lassen. Ein wohlerzogener Gesandtschaftsattache, aus gutem haus, der sein eigenes Geld splendid ausgibt, ist überall willkommen. Wir gehen dann auch hin. Regina ist wie eine Festung, die man mit dem Glück, den Freuden, den Zerstreuungen und Unterhaltungen der Welt blockieren, und der man die Zufuhr religiöser Lebensmittel möglichst abschneiden muss. Mit diesem Plan zu einer Wetterkampagne gegen seine Tochter war der Graf äusserst zufrieden. Er teilte ihn Levin mit, welcher erwiderte:
"Es ist gut, dass sie geprüft werde; Gott wird ihr beistehen. Nicht umsonst heisst es in der heiligen Schrift: Das Himmelreich leidet Gewalt und nur die Gewaltigen werden es an sich reissen"
Als Uriel erfuhr, mit welchem Rival er um Reginas Herz zu kämpfen hatte, geriet er in heftige Aufregung. Er fand es geradezu empörend. Es gefiel ihm ausserordentlich gut, dass Regina so fromm war und wie in einer Glorie von Glaubensglut stand; aber, dass Gott dies gleichsam benutzte, um ihr Herz an sich zu reissen – nein! das war unerträglich! das ging über die Rechte Gottes hinaus! ein solcher Eingriff in die heiligsten Verhältnisse und süssesten Empfindungen war nicht zu dulden! Hätte sie einen anderen geliebt, nun, so resignierte man sich zum Schmerz; oder niemand geliebt, so hatte man Hoffnung! Aber Gott zu lieben, Gott allein, Gott ausschliesslich und dabei gar nicht das zerstörte Glück eines