Zeitlang gönnte, weil man durch sie leichten Kaufs zum Anteil am göttlichen Sein gelangte, was für manche etwas Schmeichelhaftes hat. Aber auch die Weltseele ist der Welt entschlüpft und nichts übrig geblieben, als die Materie, seitdem die Erforschung der natur, ihrer Kräfte und ihrer gesetz eine sehr bewunderte Schule bildet, die es sich zur Aufgabe macht, die Schöpfung von der Offenbarung abzulösen, die geschichte der Menschheit, welche deren Zusammenhang beweist, beiseite legt, mit dem vereinsamten Ich an das Studium des Universums geht, insofern dieses nicht über die fünf Sinne und deren Erfahrungen und Schlüsse hinaus reicht, und dann, bewaffnet mit Lupen, mit Seziermesser, mit Fernröhren, mit Destillierkolben und ungeheurem Apparat der Wissenschaft die Bildungen der natur so sicher und fest auf ihren Gesetzen von Mass und Zahl und Kraft beruhend findet, dass sie in dieser abgerundeten und geschlossenen natürlichen Vollkommenheit einen Grund zu finden wähnt, um mit dem Astronomen Lalande zu erklären: "Ich habe den Himmel durchsucht und nirgends die Spur Gottes gefunden." Dies ist nun gar nicht überraschend; mit Lupe und Fernrohr entdeckt man Gott nicht. Sehr überraschend ist aber der Schluss, den jene Schule daraus macht: Also gibt es keinen persönlichen, ausserweltlichen Gott, Schöpfer und Gesetzgeber dieser natur. Ebensogut könnte ein Kind sagen, nachdem es das Einmaleins durchgerechnet hat: Das ist ganz richtig und keine Spur von Gott ist darin; also gibt es keinen Gott. Am allerüberraschendsten würde es sein, dass eine solche Schule gläubige Adepten findet, wüsste man nicht, dass der Erdgeist, der in jeder Menschenbrust sich regt, wenn er nicht von geheiligter Willenskraft gebändigt wird, die brücke schlägt, auf der die Lehren, die ihm zusagen, ins Menschenherz einziehen. Aber geheiligt wird der Wille nur dadurch, dass er sich aus freiem Entschluss Gott unterwirft, und solche Unterwerfung bewirkt nur der Glaube an eine göttliche Offenbarung, weil in dieser eine göttliche Liebe sich offenbart. Doch von der wusste Judit nichts. Sie lebte unter dem Einflusse einer tiefen Glaubenslosigkeit, die ihr Innerstes zu einer Felsenöde, starr, kalt und einsam machte.
"Haben Sie viel Leid im Leben gehabt, Herr Ernest?" fragte Judit, nachdem sie eine Weile schweigend gearbeitet und den Schluss des Gespräches überdacht hatte.
"Nicht der Rede wert, fräulein Judit! Das Leid, das vor uns liegt, erscheint uns hoch wie ein Berg; hinter uns – ist's ein Maulwurfshaufen."
"Doch nannten Sie es vorhin eine Lebensbedingung."
"Gewiss! Wenn's kein Leid gäbe, woran sollte es sich bilden, das selbstsüchtige Menschenherz? Leid tut ihm weh und im Weh denkt's an Gott; und je mehr es eingenommen wird von diesem Gedanken, desto heilsamer ist ihm das Leid gewesen. Sie meinen aber wohl, weil ich ein Maler bin, so ein Stückchen von einem Genie, müsst' ich ganz idealische Leiden gehabt haben. Fehlgeschossen! Ein bischen Hunger und Kummer, einige Ängste und Nöten – Punktum."
"Auch Hunger, Herr Ernest?"
"Warum nicht, fräulein Judit? Ich bin ein armer Bauernbube, der älteste von elf lebenden Kindern, aus Berchtesgaden, wo man gar geschickt ist im Holzschnitzen. Das trieb auch der Vater und ich half ihm fleissig, suchte aber immer mein Schnitzwerk zu kolorieren, was mir verboten wurde. allmählich entdeckte man Talent in mir; ich fand gönner und Beschützer; ich kam nach München, lernte, arbeitete. Ich ging nach Italien, wie es alle Künstler zu machen pflegen, studierte dort in den verschiedenen Städten die verschiedenen Malerschulen; schlug mich durch, manchmal mühselig genug, musste Geld verdienen und in die Heimat schicken, denn ein Schlagfluss lähmte den Vater, die Mutter konnte mit all' den Kindern nicht ohne meine Hilfe fertig werden, und als sie starb, die brave, fromme Mutter, konnten's die armen Kinder noch weniger werden. Da hiess es denn arbeiten, fräulein Judit, vom Morgen zum Abend, bei knapper Kost, bis mir die Augenlider und der Arm schwer wie Blei waren, und Gott danken, wenn ich nur immer Arbeit hatte. Deshalb verlegte ich mich auf's Porträtieren; d i e Arbeit geht so leicht nicht aus, denn die Leute sind so erpicht darauf, ihr Gesicht gemalt zu sehen, als ob sie nie in den Spiegel geschaut und nie die Wahrheit von ihm erfahren hätten, dass es eigentlich nicht der Mühe wert sei, solch ein Alltagsgesicht zu verewigen. Nun, ich danke dem lieben Gott für diese allgemein grassierende Ophtalmie und malte, malte, malte ...."
"Aber das muss ja sehr Ihr schöpferisches Talent gehemmt haben," unterbrach ihn Judit.
"Ganz recht, mein fräulein, und das war vielleicht mein grösstes Leid, mein schwerster Kampf; denn es war ein Etwas in mir, das sich zu höherem Schaffen erschwingen wollte und sich ducken musste; musste, weil Gott von mir verlangte, nicht dass ich ein grosser Maler, sondern ein treuer Sohn und Bruder sei. Und sehen Sie, fräulein Judit, den Willen Gottes zu tun ist süsser, als des heiligen Vaters Vatikan mit Fresken auszumalen wie ein zweiter Rafael. Kurz, ich sorgte für meine ganze Familie und half sieben Brüdern und drei Schwestern zu einem ehrlichen Fortkommen. Alle sind rechtschaffene Leute geworden und hängen an mir wie an einem zweiten Vater. Einige sitzen auf einem grünen Zweig, andere