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! niemals. Ich will nicht lieben, denn lieben tut wehund ich will nicht, dass ein Mensch mir weh tue; ich will nicht leiden."

"Ohne Leid und ohne Liebe lebt man hienieden nicht!"

"Nun, so mögen andere durch mich leiden, wenn ohne Leid nicht gelebt werden kann!"

"Immer bessere Vorsätze, fräulein Judit! Wenn Sie das alles ausführen, werden Sie auf einer erstaunlichen Höheder Unmenschlichkeit anlangen."

"Meine Eltern nehme ich aus," sagte sie.

"Das ist etwas Trost," entgegnete er lächelnd. "Aber nun genug des Geplauders! Der Unterricht darf nicht versäumt werden."

"Es kann Ihnen ja ganz einerlei sein, wofür Sie Ihre Bezahlung bekommen, wenn Ihr Gespräch mir besser gefällt, als Ihr Unterricht," sagte Judit mit dem schneidenden Hochmut, der sie zuweilen abstossend machte.

"Mit nichten, mein fräulein," erwiderte Ernest ruhig. "Ich habe mich gegen Ihre Eltern verpflichtet, Ihr Talent für die schöne Malerkunst auszubilden, und eine Verpflichtung ist heilig. Wollen Sie aber nicht länger bei mir Unterricht nehmen, so sagen Sie es nur. Dann komm' ich nicht wieder. Aber die Sibylla persica lasse ich Ihnen doch sehr gern zum Kopierenund wenn sie fertig und gelungen ist, schicke ich Ihnen auch meine Sibylla cumana, Kopie nach Domenichino, welche von einigen der persica noch vorgezogen wird."

"Sie sind ein prächtiger Mann, Herr Ernest! wir müssen gute Freunde bleiben!" sagte Judit und die Lehrstunde begann. –

Judit war ein sehr verwöhntes Kind, besonders seitdem sie das einzige und ihre ältere Schwester etwa ein Jahr vorher gestorben war. Ihre Schönheit, ihre Talente waren so ungewöhnlich, dass ihre Eltern die glänzendsten Hoffnungen für die Zukunft ihrer Tochter hegten und der Vater sich bemühte, derselben eine solide Basis im Sinn der Welt zu geben, nämlich ein grosses Vermögen. Darauf war sein ganzes Streben gerichtet. Das Streben seiner Frau ging dahin, sich und ihrer Tochter die Vorzüge der Genüsse einer glänzenden Existenz zu verschaffen, und blendend wie ein Meteor in der Welt zu erscheinen. Sie selbst war noch schön und sie hing mit leidenschaft an Luxus, Eleganz und allen Arten und Abarten modischer Verfeinerung. Dies zu bedenken, anzuschaffen, einzurichten füllte ihre Zeit dermassen aus und nahm alle Stunden, die nicht den Pflichten und Freuden der Gesellschaft gewidmet waren, so ganz in Anspruch, dass sie sich nur noch mit der Leitung ihres Hauses, doch unmöglich mit der Erziehung und Bildung ihrer Tochter abgeben konnte. Sie hielt derselben die besten Lehrer und Meister, gab ihr in London eine Französin, in Paris eine Deutsche zur Gouvernante, und als Judit bei sechszehn Jahren fünf Sprachen redete und schrieb, eine ganz brillante stimme hatte und ein ungewöhnliches Talent für Malerei entwickelte, frohlockte die Mutter über ihr Meisterwerk von Erziehung. Die Seele ihrer Tochter war ihr gänzlich fremd; oder besser gesagt: sie wähnte, dass die Summa des Erlernten, durch das Urteil des Verstandes gelichtet und geordnet, das geistige Sein ihrer Tochter ausmache; sie hielt Bildung für Seele. übrigens liebte sie Judit zärtlich, kam allen Wünschen zuvor, erfüllte jedes Begehren und bedauerte nur immer, dass Judit nicht das enorme Vergnügen empfinde, welches sie selbst bei jeder Art von geselliger Unterhaltung, und bei allem, was Tand und Flitter war, mit vollen Zügen genoss. Judit war ernst und blieb ernst, im Salon ihrer Mutter, im Teater, auf dem Ball; sogar bei der Toilette, wenn die reizendsten Kleider, Blumen und Bänder ihr zur Auswahl vorlagen; sogar bei den Huldigungen, welche die junge Männerwelt ihr darbrachte. Sie wusste, dass sie schön und dass ihr Vater reich sei; sie wusste, dass man damit in der Gesellschaft herrscht; sie sah durchaus nicht ein, weshalb sie sich geschmeichelt fühlen sollte, wenn andere das anerkannten. Ihr mit äusserem Glück überschüttetes Dasein ermattete sie, ohne zufrieden zu stellen. Aus dieser bleiernen Windstille konnte wohl ein Sturm der leidenschaft jäh auffahren und da, wo ein Charakter jeden inneren Halt entbehrt, furchtbare Verwüstung anrichten. Judit hatte das erlebt an ihrer Schwester, die in einem solchen Sturm zugrunde ging und mit zwanzig Jahren am gebrochenen Herzen starb. Die Tiefe des Jammers und das Wie und Warum war ihr wohl nicht klar; allein es genügte, um ihr einen Abscheu vor Verhältnissen beizubringen, in denen so viel Verrat und Lüge zu haus sein konnten. Judit hatte mit zärtlicher Liebe an ihrer Schwester gehangen; deren Verlust erbitterte sie, wie der Tod jeden erbittern muss, der glaubenslos an einem teuren grab steht. Kein Funke eines religiösen Trostes leuchtete ihrem Herzen. Ihre Eltern gehörten dem Rationalismus an, der sich im Judentum sowohl als im Christentum überall breit macht, wo der Erdgeist im Menschen gepflegt und wo dessen Wirken und Walten als die höchste Bestimmung des Menschen verherrlicht wird. Man ist reich, man ist klug, man ist gebildet, man ist angesehen, man zählt in der Gesellschaft; das alles hat man erlangt ohne Gott; höheres als das gibt es nicht: also weshalb sich um Gott bekümmern? Ohnehin ist es so ziemlich erwiesen und abgemacht, dass nicht bloss der alte, ausserweltliche, persönliche Gott längst von seinem Nimbus entkleidet und von seinem Tron verschwunden ist, sondern auch, dass er aufgehört hat, als Weltseele des Alls sein Dasein zu fristen, welches man ihm in dieser Form eine