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das ganze Epos des Menschengeschlechtes, von der Schöpfung bis zum Weltgerichte, in grossartigen Gemälden an den Wänden und der Decke geschrieben, und Michel Angelo's Sibyllen, als die Verkünder des Erlösers in der Heidenwelt, schauen mit den Propheten des Alten Testamentes vom Gewölbe herab auf den Altar des Neuen Bundes, wo das Lamm Gottes im ewigen Opfer geschlachtet wird; auf den mystischen Kalvarienberg, den sie am Horizont der Zukunft mit dem Auge des Glaubens aufsteigen sahen. Und da man in Rom keinen Schritt tun kann, ohne auf Spuren vom Göttlichen im Menschen nach der Gnadenordnung zu stossen, Spuren, die sich bald als Genie, bald als Seelenadel, bald als Liebeskraft, bald als Geistesgrösse aussprechen: so findet man denn auch eine zahllose Menge von Kirchen, welche fromme Andacht gebaut hat, und welche daher, mögen sie gross oder klein sein, ihren Schmuck, ihren Reichtum, ihre Kunstwerke, ja Meisterwerke haben. Ein solches ist in der Kirche Sta. Maria della pace die Gruppe der vier Sibyllen von Rafael. Das sind Fresken, fräulein Judit! die müssen Sie sehen, um eine idee zu bekommen, wie warm und lebendig die Freskomalerei auf dem kalten Stein sich ausnehmen kann."

"Schade, dass ein solches Kunstwerk in einer Kirche versteckt ist," bemerkte Judit.

"Nicht schade, mein fräulein! Sehen Sie, die alten Ägypter, ein tiefsinniges Volk, aber wandelnd in den Schatten der Unerlösung, höhlten die Felsen ihres Landes zu Palästen aus, mit Hallen und Sälen, mit Treppen und Säulen; und alle Wände dieser geheimnisvollen Behausung bemalten sie im buntesten Farbenglanz mit tausend Göttergestalten, mit Kriegsszenen, mit Bildern aus dem volkes- und dem häuslichen Leben; dann stellten sie in das allerinnerste und letzte Gemach einen Sarkophag mit der Mumie eines Königs auf, und dann wälzten sie vor den Eingang dieses Grottenpalastes gewaltige Felsblöcke, entzogen ihre Mühe, ihre Arbeit, ihre Kunst jedem menschlichen Auge und fanden es höchst geziemend und gar nicht schade, all' jene Herrlichkeit einer Königsmumie zu weihen. Wie könnten wir den Schmuck unserer Kirchen beklagen, in denen Gott selbst geheimnisvollerweise wohnt und weilt? übrigens sehen in deutschen Landen nicht wenige Kirchen so aus, als fände man für sie alles gut genug, was der Rumpelkammer angehört, und Motten-, Mäuse- und Wurmfrass, den die Menschen nicht mehr haben mögen, ist beinahe noch zu schön für das Haus und den Dienst des lieben Gottes."

"Ach, Herr Ernest," sagte Judit ungeduldig, "Ihre Kirchen, mit oder ohne Mäusefrass, interessieren mich gar nicht."

"Gut!" entgegnete er gleichmütig; "nun an die Staffelei!"

"Nein, auch das nicht!" rief sie. "Erzählen Sie mir noch etwas von den Sibyllen. Herr Ernest! ich höre gern von grossen Frauen redenund höre es nie!"

"Die Sibyllen sind aber nur dadurch gross, dass sie auf unsere Kirchen und auf den, der sie gestiftet hat, hinweisen, fräulein Judit. Ihre Grösse bestand eben darin, dass sie die Wucht der Offenbarung durch die sündenkranke Welt zu tragen vermochten, und sie waren begnadete Weiber, weil sie die Gebenedeite unter den Weibern, die jungfräuliche Mutter Gottes und den menschgewordenen Gott prophezeiht haben. Diesen Zusammenhang hat die bildende Kunst in einer weltberühmten Kirche Italiens, in Loretto, wundersam schön aufgefasst und dargestellt. Der Kern dieser Kirche ist das Häuschen, in welchem die allerseligste Jungfrau Maria zu Nazaret lebte und welches in einer Weise, die nur Gott bekannt ist, auf die Höhe des Appenins versetzt wurde. Um dies Heiligtum läuft eine Kolonnade von prächtigen Marmorsäulen und zwischen ihnen stehen paarweise die Propheten und Sibyllen, welche die glor- und freudenreichen Gnaden der Mutter Gottes vorhergesagt haben. Sie bilden gleichsam eine Prozession durch die Jahrtausende bis zu der Stätte, wo das Wort Fleisch ward und im feierlichen Reigen schliessen sie sich huldigend dem Gruss des Engels an. Der unsterbliche Meissel von Cioli, Lombardo, della Porta, Sansovino und von anderen berühmten Bildhauern hat sie verherrlicht und sie sich selbst in ihnen."

"Ich möchte nach Loretto, um das zu sehen!" rief Judit.

"Ich will Ihnen sagen, wie Sie sich dabei zu benehmen haben, fräulein Judit. Zuerst müssen Sie in eine prachtvolle Kapelle sich begeben, in deren Mitte eine kolossale Schale von Bronze sich befindet, die mit Basreliefs aus der geschichte des Alten und Neuen Bundes verziert und von vier Engeln getragen ist. Vier wunderbar schöne Statuetten, ebenfalls von Bronze, ruhen am rand der Schale und sind gleichsam ihrer Tiefe entstiegen. Es sind vier Tugenden und sie heissen Glaube, Hoffnung, Liebe, Beharrlichkeit. Unter dem Glauben stehen die Worte: Nescio falli; er wird nicht getäuscht. Unter der Hoffnung: Nescio flecti; sie wird nicht erschüttert. Unter der Liebe: Nescio scindi; sie wird nicht geteilt. Unter der Beharrlichkeit: Nescio frangi; sie wird nicht gebrochen. In dieser Schale ist wasser, das mystischer Weise dem Blute des Kreuzes beigemischt ist und die Kraft des heiligen Geistes ruht darauf. Und ein paar Tropfen dieses Wassers auf Ihrem haupt bewirken, dass Ihre Seele fähig wird, jene Tugenden in sich aufzunehmen. Und dann gehen Sie in die Kirche selbst und schliessen Sie sich den Sibyllen und Propheten an, und dann erst werden Sie verstehen, was Sie sehen. Denn jene Schale ist das Taufbecken und jene Tugenden sind die,