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einnahmen und den zukünftigen Erlöser verkündeten. Die Geschichtsforschung verwirft sie. Poesie und Kunst lieben sie."

"Überall die Spur der Lüge, Herr Ernest!"

"Überall die Spur der sehnsucht nach Offenbarung, fräulein Judit."

"Wenn sie die Offenbarung wusste, warum trauert die Sybilla persica?"

"Sie trauert um die Sünden der Welt, die den Sohn Gottes vom Himmel herabziehen und an's Kreuz schlagen."

"Das verstehe ich nicht, oder eigentlich: das verstehen wir nicht!"

"glaube' es! das Kreuz ist Euch ein Ärgernis; uns ein Geheimnis himmlischer Liebe, voll unsäglich süsser Schmerzen und namenlos herber Wonne, und so hat es auch die Sybilla persica verstanden, obgleich sie nicht Christin war."

"Sind Sie denn ein Christ, Herr Ernest?"

"Wofür halten Sie mich denn?" fragte er höchst erstaunt.

"Für einen Papisten," entgegnete sie unbefangen.

Ernest brach in ein schallendes Gelächter aus. Judit sah ihn verwundert an und setzte hinzu:

"Ich habe gehört, das sei eine sekte, die ihr Oberhaupt, den Papst, anbete und mit dem Christentume, aus dem sie hervorgegangen ist, nichts mehr zu schaffen hätte; und Christen wären nur die, welche vom Papst, als dem Antichrist, nichts wissen wollten. Da ich nun mit den Christen nichts zu tun haben mag, so war es mir sehr angenehm, in Ihnen einen Papisten zu finden. Jetzt bin ich enttäuscht."

Ernest lachte dermassen, dass er die hände in die Seiten stemmte und sich erschöpft niedersetzte.

"werde' ich endlich erfahren, worüber Sie lachen?" fragte Judit halb lächelnd und halb unmutig.

"Es wäre zu weitläufig, Ihnen das zu erklären," sagte endlich Ernest, "und trotz aller Mühe würden Sie mich doch nicht verstehen. Aber nicht wahr, jene Erklärung, was das sei, ein Papist, hat Ihnen jemand gegeben, der sich selbst Christ nannte?"

Judit wurde noch bleicher als ihr farbloses Gesicht schon war, und erwiderte: "Ich habe es von einer anderen person in Paris gehört; denn ich meinesteils bekümmere mich durchaus nicht weiter um die Christen, als insofern es die gesellschaftlichen Verhältnisse meiner Eltern erfordernund ob sie an den Papst oder an sonst etwas glaubendas ist mir ganz einerlei, und ich spreche nie mit ihnen darüber."

"In letzterem haben Sie vollkommen recht! Der Glaube will nicht im Salon zwischen einer Tasse Tee und einer Schale Gefrorenem besprochen werden. Er will gelebt sein, fräulein Judit, gelebt im Salon wie im Dachstübchen, gelebt in der Kirche wie auf dem Markte"

"Erzählen Sie mir lieber von den Sibyllen, Herr Ernest! das freut mich mehr," sagte Judit und heftete ihr dunkles Auge sinnend auf das Gemälde.

"Die Sage spricht, dass die Sibylle von Cumä zum Beherrscher der alten Roma, zum König Tarquinius kam und ihm ihre prophetischen Schriften über Roms Geschicke um einen ungeheuren Preis anbot. Der König wollte ihn nicht zahlen; da warf die Sibylle drei ihrer Bücher ins Feuer und ging von dannen. Nach einiger Zeit kam sie wieder und bot dem König ihre um drei Bücher verminderten Schriften, aber für denselben ungeheuren Preis an. Der König fand das unsinnig und wies sie ab; da warf die Sibylle abermals drei Bücher ins Feuer und ging von dannen. Und zum drittenmale erschien sie vor König Tarquinius und forderte für ihre drei letzten Bücher den ungeminderten, ungeheuren Preis. Da kaufte sie der König und sie wurden auf dem Kapitol niedergelegt; und Tag für Tag war darin verzeichnet, welche begebenheiten das heidnische Rom treffen würden, bis es seinen Untergang fand."

"In den verbrannten Büchern stand vielleicht, wie es sich hätte retten können."

"Kann sein. Man soll eben nicht feilschen um die Wahrheit. Und mehrere hundert Jahre später, gerade am Tage der gnadenreichen Geburt des Herrn, sagt die Legende, liess Kaiser Augustus die Sibylle von Tibur vor sich rufen und fragte sie, ob es an der Zeit sei, dass er seinen Platz zwischen den Gotteiten Roms einnähme? das römische Volk wolle ihm göttliche Ehren erweisen. Da stand die Sibylle und schaute gegen Himmel und sie gewahrte die Sonne umgeben von einem leuchtenden Zirkel und in der Mitte der Sonne sass eine hehre Frauengestalt, die hielt auf ihrem Schosse ein zartes Kindlein. Die Sibylle deutete auf dasselbe und sprach zum Kaiser: 'Dies Kind ist grösser als Du! bete es an.' Da entsetzte sich der gewaltige Kaiser und liess zu Ehren dieses göttlichen Kindes auf dem kapitolinischen Hügel einen prächtigen Altar errichten. Später wurde die Kirche Ara CoeliAltar des himmelsdort erbaut und sie steht bis zu dieser Stunde auf dem Kapitol. Aber auf den reizenden Hügeln von Tivoli, über welche die berühmten Cascatellen dahin tanzen, steht der kleine, von jonischen Säulen getragene Tempel, den man den Tempel der Sibylle nennt; denn Tivoli ist das alte Tibur. Mehr weiss ich nicht von den Sibyllen."

"Aber die Kunst, sagten Sie, habe sie verherrlicht."

"Und unsterblich gemacht! ja, das ist wahr!" rief Ernest mit funkelndem blick. "In des erhabenen Vatikans feierlicher sixtinischer Kapelle, in welcher nur an den grössten Festen die heiligen Geheimnisse des Glaubens gefeiert werden, haben Perugino und Michel Angelo, der eine mit seinem holdseligen und der andere mit seinem gewaltigen Pinsel,