hervorrufen, gerade so, wie der Mörder aus Gewissensangst verzweifelt, weil er ein göttliches Gebot verletzt hat."
"Du hast nur die Hälfte jenes Ausspruches Christi gesagt. Der Nachsatz wird Dir zeigen, dass man nicht in egoistischer Vereinzelung sein Glück verfolgen darf. Wie heisst es weiter?"
"Der Ausspruch Christi lautet: Liebe Gott über alles und deinen nächsten wie dich selbst. Ich habe also Uriel zu lieben, nicht wie ich Gott liebe, sondern wie ich mich selbst liebe; und das tue ich, indem ich aus ganzer Seele wünsche, dass er in den geistlichen Stand treten möge."
"Regina!" donnerte der Graf; aber Levin legte ihm besänftigend die Hand auf die Schulter und sagte:
"Regina, Du wirst wohl wissen, dass das Gebot, Gott über alles zu lieben, Weltleute wie Klosterleute angeht und durchaus nicht zum Ordensleben verpflichtet; und dass grosse Heilige, ja ich möchte sagen, die berühmtesten, die populärsten, Frauen gewesen sind, die im Ehestand lebten, wie die hl. Elisabet von Türingen, die heil. Franziska Romana, die heil. Brigitta von Schweden, die heil. Katarina von Genua, die heil. Johanna von Chantal und viele, viele Andere."
"Ich weiss es, lieber Onkel," erwiderte Regina, "und ich freue mich, dass es Seelen gibt, die gross und stark genug sind, um in den ermattenden, zerstreuenden weltlichen Verhältnissen ihr Herz in unzerstörbarer Vereinigung mit Gott zu halten. Aber ich weiss auch, dass im Evangelium der jungfräuliche Stand höher geschätzt wird, als der eheliche, weil er auf einem Rat des göttlichen Heilandes beruht, und weil es eine vollkommenere Liebe voraussetzt, den besonderen Rat anzunehmen, als dem allgemeinen Gebot zu gehorchen. übrigens wirst Du wohl wissen, dass all' jene heiligen Frauen, teils nach dem tod ihrer Ehemänner, teils bei deren Lebzeiten noch, aber mit ihrer Erlaubnis, aus den weltlichen Verhältnissen sich zurückzogen, um sich durch die Befolgung der evangelischen Räte desto vollkommener mit Christus zu vereinigen. Was sie also am Ende ihres Lebens ausführten, weil sie es für das höchste Glück hielten, sie, diese grossen, herrlichen Frauen, denen es nicht an Erfahrung fehlte, um die Freuden und Vorteile weltlicher Verhältnisse richtig zu schätzen: das möchte ich im Anfang meines Lebens tun. Kann das bedenklich sein?"
"Es ist ein Riss im Familienleben, eine Lücke im haus, eine Kluft zwischen traulichem Verkehr, mein Kind."
"O lieber Onkel, wenn ein russischer Fürst käme und Corona heiraten wollte und sie ihn, so würde der gute Vater sie getrost ziehen lassen bis nach Archangel, ohne die Lücke im Familienleben zu beachten und ohne zu fürchten, dass ihm seine Tochter im fremden land, unter fremden Leuten entfremdet werden könnte; denn ihr Glück und der Wille Gottes brächten das mit sich. Und mit welchen Sorgen müsste er doch auf sie schauen! Um mich hingegen braucht er gar keine Sorgen zu haben, sobald ich bei den Karmelitessen bin. Da kann ich nichts verlieren! Da tut mir Niemand weh! da gibt's keine Nöten und Ängste des Irdischen! Solo Dios basta! Wer sich Gott allein in die arme wirft, der fährt wohl und wird sicherer getragen, als wenn noch der und der Mensch sich auch damit abgibt. Glaubst Du das nicht, lieber Onkel Levin?"
"Ich glaube' es, mein Kind," sagte er zärtlich, "aber Dein Vater bezweifelt es."
"O mein lieber Vater!" rief sie, und ihre Augen leuchteten in himmlischer Zuversicht auf; "auch Du wirst es glauben!"
Sie kniete vor ihm nieder und küsste seine Hand.
"Es ist gut, Regina, Du kannst gehen; morgen wollen wir weiter sprechen," sagte der Graf und versenkte sich stumm in seinen Lehnstuhl, nachdem sie das Kabinett verlassen hatte. Auch Levin versank in Schweigen und Nachdenken über den wundersamen mystischen und doch so wahrhaften Zusammenhang im übernatürlichen Leben; über die Blitze und Funken, die von der ewigen Liebe entsendet, heimlich in die Menschenherzen fallen, hier in ihrer Finsternis untergehen, dort in ihrer Kälte erlöschen; aber auch zuweilen, wie auf einem Opferaltar, das Feuer zum Opfer entzünden. Und an den unberechenbaren Einfluss heiliger Gesinnung dachte er! Eines der gnadenreichsten Gottesgeschöpfe, das je auf Erden gelebt hat, die heilige Terese, spricht in drei schlichten Worten den Kern ihres Lebens, ihrer Vollkommenheit aus, und durch die Jahrhunderte klingen sie in einer frommen Seele wieder, in einem treuen Mutterherzen, das mit diesen Worten, ahnungslos wie tief sie greifen, dem geliebten kind eine himmlische Richtung gibt. Die heilige Terese wird Regina schon zum mystischen Karmel führen, dachte er, wenn sie den langen Atem des Herzens, die heilige Beharrlichkeit hat. Sein Opferleben, sein Gebet, seine übernatürliche Liebe und Geduld brachte Levin nicht in Anschlag, dachte gar nicht daran, obwohl gerade sie zu den wesentlichen heiligenden Einflüssen, zu den Kanälen des göttlichen Gnadenstromes gehörten, die Regina umgaben.
Es war so still im Kabinett, dass der Pendelschlag der altertümlichen Wanduhr ein grosses Geräusch machte. Plötzlich fuhr der Graf aus seinen Träumen auf, strich mit der Hand über Stirn und Augen und sagte: "Lieber Onkel, was hat sie gesagt? was haben wir gehört? was ist das nur?" "Das ist die Christusliebe in einem reinen