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Als nun die selige Zeit der heiligen Erstkommunion für mich kam, als ich mehr und mehr erfuhr von dem Wunder der Liebe Gottes, das er im eucharistischen Opfer für uns wirkt, um unsere Seelen auf dem Pfad der Gnade zum Tron der Glorie hinzuziehen, und von der unendlichen Verdemütigung der ewigen Liebe, die nichts so sehr begehrt, als die armselige Liebe des staubgeborenen Geschöpfes, und wie sie statt dessen Verschmähung, Beleidigung, Verlassenheit erfährt, und wie die Seelen, ach, so leicht! alles für Glück halten, was Gott n i c h t ist: da kam mir das Solo Dios basta gar nicht mehr aus dem Sinn. Ich dachte es nicht und wollte es auch gar nicht denken; aber wohin ich sah und hörte, überall sah und hörte ich Solo Dios basta! Am Tage der heiligen Feier konnte ich mich gar nicht fassen vor Übermass der Freude, dass meine Seele mit dem König der Ewigkeit ein himmlisches Brautfest, eine Vereinigung für die Ewigkeit gefeiert habe und dass ich jetzt, wie die selige Mutter gesagt hatte, alles Glück, alle Liebe und alle Befriedigung wechsellos und unvergänglich mein nennen durfte. Als wir am Abend wieder in der herrlich erleuchteten Kapelle waren, wir Erstkommunikanten in unseren weissen Kleidern, mit dem Kränzchen im Haar, wie Bräute, alle so froh und glücklich, und die übrigen so teilnehmend und gerührt, und alles ringsumher so festlich geschmückt: da fiel mir ein, ich weiss nicht wie! dass wohl manche aus dieser Schar dereinst ein Brautfest im Sinne der Welt feiern werde. Da schaute ich auf den Tabernakel und sagte innerlich: Aber ich, Herr, ich werde das nicht tun. Ich bleibe Deine Braut in Ewigkeit. Ich trage Deinen Brautkranz; keinen anderen! und diesen Kranz lege ich dereinst vor Deinem Trone nieder, so gewiss ich hoffe, mit Deiner Gnade meine Seele Dir zu bringen, die ich in diesem Kranz Dir anvermähle, geliebter Herr, Dir und keinem anderen. Das sagte ich innerlich ganz entschieden und wurde so froh, als ob ich schon unter den Seligen wäre. Während der Andacht bat ich unaufhörlich die heilige Mutter Gottes und meine liebe Mutter um ihre Fürbitte, dass ich der Gnade, eine Braut Christi zu sein, auch recht würdig werden möge, und als zum Schluss der Andacht der Segen mit dem Sanctissimum gegeben wurde und einige von uns, unter denen auch ich war, mit dem 'O salutaris hostia' es begrüsst hatten, da schaute ich auf die Monstranz und sagte: So wahr, wie Du da geheimnisvoll und wesenhaft in die Gestalt der Hostie Dich verschleiert hast, und so wahr, wie Du Dich heute geheimnisvoll und wesenhaft im teuersten heiligsten Sakrament mir geschenkt hast: so schenke ich mich Dir, ohne Rückhalt, ohne Teilung, für Zeit und Ewigkeit, und will als Klosterjungfrau für Dich leben und sterben. Und bei dem Entschluss ist es denn geblieben."

Regina hatte mit einer so ruhigen Fassung gesprochen, als erzähle sie die einfachste Begebenheit von der Welt, über die man gar nicht viel Worte zu verlieren brauche.

"Ist ein solches Gelübde gültig, lieber Onkel?" fragte der Graf.

"Gewiss!" entgegnete Levin.

"Aber der Bischof oder der Papst kann eine Dispense geben, nicht wahr?"

"Wenn sie verlangt wird, allerdings."

"Verlange sie nicht für mich, lieber Vater," sagte Regina bittend, "denn ich werde doch nie Gebrauch davon machen."

"Dispense für's Gelübde und Dispense für die Ehe wegen der Verwandtschaft," fuhr der Graf fort, ohne sich stören zu lassen. "Ich denke, wir betreiben das persönlich in Rom. Die Grillen eines dreizehnjährigen Kindes fallen nicht in's Gewicht neben dem Glück einer Familie."

"Aber, lieber Vater, zu dieser Familie gehört doch auch dies Kind und sein Glück, und es ist nicht mehr dreizehn Jahre alt."

"Allein es ist ganz unerfahren über sich selbst und Welt und Leben, und weiss daher nicht, wo sein Glück liegt."

"Ich weiss, dass es nicht in der Welt und nicht in mir selbst liegt, sondern in Gott; und da ich das weiss, weshalb soll ich denn noch Erfahrungen machen, die mir zu keiner höheren Erkenntnis verhelfen? Solo Dios basta! Wer das weiss, der weiss genug und hat genug."

"Aber begreifst Du denn gar nicht, dass es auch in weltlichen Verhältnissen Glück geben könne?"

"Ich begreife das sehr gut für diejenigen Menschen, welche von Gott in die weltlichen Verhältnisse hineingeführt werden; also für die grosse Mehrzahl. Aber nicht für mich; denn Gott führt mich aus ihnen heraus."

"Und begreifst Du denn gar nicht, dass dereinst bittere Reue, ja Verzweiflung Dein Los sein können?"

Regina sah den Grafen mit einem reizenden schelmischen Lächeln an und fragte zurück:

"Wirst Du je darüber in Verzweiflung geraten können, lieber Vater, dass Du in Deinem Leben keinen Mord begangen hast?"

"Alberne Frage!" brummte der Graf.

"Sieh, Du selbst hältst es also für unmöglich, Reue zu empfinden über die Befolgung eines göttlichen Gebotes. Da nun Christus uns über das höchste Gebot belehrt hat, indem er sagte: 'Liebe Gott über alles,' so begreife ich durchaus nicht, wie die Befolgung desselben mir je Reue und Verzweiflung zuwege bringen könnte. Die Nichtbefolgung würde sie