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zu geraten und den Moment günstig dafür, als sie nach jahrelanger Entfremdung, beide aus der Kindheit in die Jugend übergetreten, sich wiedersahen. Florentin nannte in seinem Sinn Regina "aristokratisch und fanatisch"; was ja nach seiner Ansicht unsäglich verkehrt und schlecht war: und dennoch! dennoch! hatte er seine innerliche Freude daran, dass Regina gar nicht Uriels Neigung beachtete. Auch jetzt auf dem Ball, wo so leicht in der allgemeinen lärmenden Erregung die gewohnte Haltung nachlässt und wo Florentin immer sein Augenmerk auf beide richtete, fühlte er sich über diesen Punkt vollkommen beruhigt und in gänzlicher Vergessenheit, dass sein Glückseligkeitssystem den lieben Gott enttront habe, seufzte er aus tiefster Brust, als er einmal Regina mit Uriel sprechen sah: Gott Dank! sie liebt ihn nicht! –

Dem Grafen mochte sich auf dem Ball dieselbe Überzeugung aufgedrängt haben. Wenigstens ging diese Angelegenheit nicht so rasch vorwärts, als er es wünschte; daher nahm er sich vor, sie auf die bündigste Weise zu Ende zu bringen. Er liess eines Morgens Uriel in sein Schreibkabinet rufen und sagte:

"Mein lieber Junge, ich sehe, dass Du Regina sehr gern hast. Das freut mich ausserordentlich, denn ich habe immer Eure Verbindung gewünscht und gewollt. Ich finde zu meiner Freude Regina so weit über ihre Jahre hinaus vernünftig und geistig entwickelt, dass mir nichts lieber wäre, als Euch bald verheiratet zu sehen. Bringe also die Sache in Ordnung. Meinen Segen hast Du."

"Aber nicht Regina's Herz," entgegnete Uriel, auf dessen Zügen Freude und Trauer kämpften.

"Larifari! soll sie Dir etwa ihr Herz anbieten?"

"Sie hat entschieden Hyazint lieber als mich. Sie spricht mehr mit ihm, beschäftigt sich mehr mit ihm ...." –

"Lieber Junge, das verstehst Du nicht! das alles kann gerade ein Beweis sein, wie ungefährlich Hyazint für sie ist, der ohnehin ein pures Kind ist. Ich begreife Dich gar nicht! Du hast Regina gernich freue mich darüberund Du siehst aus, als wäre Dir ein Unglück widerfahren! Wie kann ein Verliebter so zaghaft sein? Solche Schüchternheit überlasse doch den jungen Mädchen. Allons! heute noch sprichst Du mit Regina, nicht wahr?"

"Nein, lieber Onkel, das ist unmöglich! sie wird vor Erstaunen aus den Wolken fallen ..."

"Und Du wirst sie auffangen in Deinen Armen! das macht sich ja ganz vortrefflich!"

"Es ist unmöglich, mit Regina von Liebe und von Ehe zu reden, denn sie denkt nicht entfernt daran, bester Onkel."

"Uriel, mache mich nicht böse! Was soll ich von Dir halten, dass Du nicht im stand bist, einem siebenzehnjährigen Mädchen ein paar Liebesgedanken beizubringen! Es gibt ja nichts Leichteres auf der Welt!"

"Je nachdem das Mädchenund der Bewerber ist. Regina ist ein sehr seltenes Mädchen und ich bin ein ganz gewöhnlicher Mensch."

"Du hast wohl nicht Lust zu dieser Ehe?" fragte der Graf unmutig und mit gerunzelter Stirne.

"Nur zu dieser Ehe, lieber Onkel," antwortete Uriel mit grosser Bestimmteit.

"Gut, mein Junge," sagte der Graf erheitert. "Da Du aber ein so entsetzlich blöder Schäfer bist, was, unter uns gesagt, das schöne Geschlecht gar nicht besonders liebt: so werde ich Deine Bewerbung vorbringen. Glaube mir! unter fünfhundert Mädchen, die ganz kalt und spröde scheinen, befindet sich kaum eine einzige, welche einen jungen, charmanten Mann, der zugleich eine gute Partie ist, ausschlüge. dafür hat die natur gesorgt. Geh' jetzt! ich bringe Dir bald das Jawort der Herzenskönigin."

Der gute Graf hatte sich selbst Mut und Zuversicht eingesprochen. Es war ein Etwas in seiner Tochter, das ihn heimlich ängstigte, sie könne unter jenen fünfhundert jungen Mädchen eine Ausnahme machen, oder wenigstens machen wollen. Aber wenn sie auch ihren eigenen Willen hat, wie ich fürchte: so ist sie doch gehorsam, murmelte er, in seinem Kabinett aufund niedergehend, schellte, sagte zu dem eintretenden Bedienten: "Die Gräfin Regina!" und überlegte, in welcher Weise er am eindringlichsten zu ihr reden könne.

Regina hatte eben ihre schöne Stickerei vollendet und aus dem Rahmen genommen. Sie freute sich kindlich ihrer Arbeit, schlug sie in Seidenpapier ein und nahm sie mit, um sie dem Grafen zu zeigen, als sie zu diesem gerufen wurde.

"Was bringst Du da?" rief er ihr freundlich entgegen; denn er hatte sich vorgenommen, ungemein liebevoll zu sein.

"Einen Umhang um das Ciborium, lieber Vater. Ich hab' ihn gestickt. Gefällt er Dir?" sagte Regina und breitete froh ihre prächtige Arbeit aus.

"Ja, ja, ganz gut!" rief der Graf schnell verdüstert, schob die Stickerei so hastig bei Seite, dass sie vom Tische fiel und setzte hinzu: "Lass jetzt die Kindereien, wir haben von ernsten Dingen zu reden."

Regina nahm ihre Stickerei auf, schlug sie sorgsam wieder ein und sah dann ihren Vater in unbefangener Erwartung mit ihren strahlenden Augen an.

"liebes Kind," sagte der Graf entschlossen, "ich spreche jetzt nicht als Vater zu Dir, sondern im Auftrage eines anderen, der eine herzliche Liebe zu Dir hat und um Dich wirbt."

"Bitte, lieber Vater, danke ihm für diese