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die Menschen nicht sowohl, weil ich mich ihnen gegenüber ungeschickt benehmen, sondern weil ich mich in ihrem Tumult und zwischen all' dem Gerede aus der Gegenwart Gottes verlieren könnte. Man sagt ja, das geschehe sehr leicht und sehr häufig in solchen rauschenden Lustbarkeiten."

"Freilich ist es leichter, in der stillen Kapelle oder im einsamen Zimmer in der Gegenwart Gottes sich zu halten, als auf einem Ball! Aber ich hoffe, Du willst für Gott nicht bloss das tun, was Dir leicht wird. Also hebe in Gedanken Dein Herz zuweilen von der Nichtigkeit eines Balles zu den Freuden der Ewigkeit empor und wirf zuweilen einen blick hinüber nach Engelberg oder nach unserer Kapelle. Dann wird Dir eitler Tand gewiss nicht lieblicher erscheinen, als das höchste Gut. Aber munter Kind, heiter, fröhlich! das bitte ich mir aus!" setzte er hinzu, freundlich mit dem Finger drohend. "Und damit Dir das alles ganz leicht werde, wollen wir am Morgen in aller Frühe zur ersten Messe nach Engelberg hinüber fahren und den himmlischen 'Morgenstern' anrufen, der an diesem Tage der Welt aufgegangen ist, und zu ihm flehen, dass er der Stern unseres Lebens und dereinst unser Abendstern sei."

In der Morgendämmerung des Tages Maria Geburt glitt der Nachen von Windeck leise über den Main nach Engelberg, wo schon fromme Wallfahrer sich eingefunden hatten. Mit einer Wallfahrt begann Regina ihren Eintritt ins Lebenins Leben, das ja selbst eine höhere Wallfahrt, ein Wandeln nach einer übernatürlichen Gnadenstätte sein soll. Als sie an den Fuss der grossen Treppe kamen, welche von vielen Pilgern auf den Knien erstiegen wird, legte Regina plötzlich die Hand auf Levins Arm und sagte:

"Lieber Onkel, sieh'! da ist ja Hyazint!"

Er war unter jenen Pilgern das schönste Bild der Demut, die ein hohes Ziel erreicht. Unten in der Kapuzinergruft ruhte der Staub der Mütter dieser beiden Kinder; aber wie mögen sie von den Höhen der Ewigkeit so zärtlich auf diese jungen Seelen herabgeschaut haben, die sich nicht gefangen gaben an die Gedanken und Bestrebungen der irdischen Welt.

Gegen Abend musste Regina in ihrem Ballanzuge vor dem Grafen erscheinen. "Denn ich muss in ruhe beurteilen, ob Du auch einigermassen präsentabel bist," sagte er. Höchst gleichmütig sagte Regina, als sie sich vor dem Vater hinstellte:

"Es wird wohl so ganz gut sein."

Sie trug ein äusserst einfaches weisses Linonkleid und einen Kranz von frischen Scabiosen, deren tiefes Violet einen eigentümlich reizenden Kontrast zu ihrem blonden Haar und ihrem blühenden Antlitz bildete. Der Graf, ganz überrascht von ihrer Schönheit, vergass, dass er sich vorgenommen hatte, einige Bemerkungen über die notwendigkeit der modischen Toilette zu machen und sagte:

"Es ist sehr gut so."

Orest, der leidenschaftlich alles liebte, was Bewegung warReiten, Fechten, Schwimmen, Turnen, Tanzenwar bereits ballmässig gekleidet in ungeduldiger Erwartung bei dem Grafen. Er sagte in seiner ungenierten Weise, die Uriel ihm als burschikos vorzuwerfen pflegte, indem er seine fünf Fingerspitzen an die Lippen legte und leicht küsste:

"Regina, Du bist zu schön für diese Welt."

"Das hör' ich gern," erwiderte sie munter.

"O Du Heuchlerin!" rief er. "Wir halten Dich sämtlich für eine Sainte N'y touche und nun kommt es zum Vorschein, dass das kolossalste Kompliment Dir das liebste ist."

Der Graf dachte bei sich selbst, es würde geradezu ein Verbrechen gegen die menschliche Gesellschaft sein, wenn eine so schöne und anmutige person sich im Kloster vergraben wollte. Das könnten ja die Hässlichen tun, die Dummen und Krummen, die Lahmen und Kranken, die in der Welt weder Freude hätten noch Freude machten; für die sei das Klosterleben erfunden, denn einen irdischen Bräutigam fänden sie nimmermehr und dem himmlischen fielen sie nicht zur Last. Regina aber sei eine person, die, sobald sie nur eine andere Wendung nehmen wolle, unfehlbar von der Welt vergöttert werden müsse; und es sei doch höchst angenehm, der Vater eines solchen Idols zu sein.

Wie Regina mit Orest gesprochen hatte, so blieb sie, und diese unbefangene gleichmässige Munterkeit zeigte am besten, dass nichts von allem, was sie sah und hörte und tat, ihr Herz berührte. Hyazint tanzte nicht; er sagte, er habe es nicht gelernt. Orest tanzte mit leidenschaft, um zu tanzen, nicht wegen dieser oder jener Tänzerin. Uriel hätte am liebsten nur mit Regina getanzt; da das aber unmöglich war, so machte ihm der ganze Ball gar kein Vergnügen. Er fand es im Gegenteil höchst lästig, sich mit einem solchen Schwarm von Damen zu unterhalten. Florentin tanzte nur mit den elegantesten Tänzerinnen oder gar nicht. Die Teorie der allgemeinen Gleichberechtigung ging in der Praxis nicht weiter, als dass e r sich für berechtigt hielt, nach Lust und Laune unter dem Ausgezeichneten zu wählen. Er verlor Regina nicht aus den Augen. Er hatte Anwandlungen von Hass gegen sie, weil sie mit solcher klaren Entschiedenheit seine Ansichten verwarf und vielleichtweil er Neigung gehabt hätte, sie zu lieben. Es hatte ihn tötlich verletzt, dass Regina ihn nicht mehr mit dem schwesterlichen "Du" begrüsst und ihm dadurch einen anderen Platz angewiesen hatte, als ihren Vettern, was doch niemand sonst in der Familie getan. Sie aber fand es passend, die kindliche Gewohnheit aufzugeben, um nicht in unnütze äussere Vertraulichkeit