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der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution, die tabula rasa mache mit dem Christentume, mit der falschen Religion des Kreuzes, damit endlich, endlich! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glückes für alle auf Erden anbreche."

Als Florentin endlich in diesem Erguss seiner Begeisterung eine Pause machte und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung über den neuen Propheten verstummte, stand Regina auf, ging zum Flügel, winkte Hyacint herbei, machte ein brillantes Vorspiel, eine wahre Schlacht von brausenden widerstrebenden Akkorden, deren Dissonanzen spät sich lösten; dann fielen Sturm und Wellen auf diesem Meer der Töne, wie die See zuweilen ruhig wird, wenn der Mond aufgeht, und die zwei glockenreinen Stimmen huben an zu singen: "O sanctissima, o piissima, dulcis virgo Maria! mater amata, intemerata, ora pro nobis." Es war die Antwort, welche die Kinder des Glaubens dem Sohn des Wissens gaben. Während er dem Erdgeist in der Menschheit und in der eigenen Brust huldigte, brachten sie ihre Huldigung der sündenlosen Fürbitterin des gefallenen Menschengeschlechtes dar. Es machte einen so lieblichen Eindruck, dass der Graf am Schlusse rief:

"Da capo! singt weiter und singt mehr! es ist, als ob der Hirtenknabe David vor dem irren König Saul sänge."

Nichts tat Regina lieber! Von Melodie und Rhytmus getragen, fand der Schwung ihrer Seele ein klingendes Flügelpaar, mit dem sie aufstieg und sich wiegte in den Regionen, wo die ewige Harmonie zu haus ist. Uriel setzte sich so, dass er sie im Profil sehen konntedies zarte und doch so bestimmte Profil, das, ganz charakteristisch für ihr Wesen, etwas von der Schönheit und dem Schmelz der Blume, etwas von der des Edelsteines hatte, Grazie ohne Weichlichkeit, Kraft ohne Härte, Adel ohne Stolz: ein holdseliges Menschenbild. Zuerst sah und horchte er auf sie; dann flossen Bild und stimme in einander, wie am Horizont das Morgenrot mit den sanft rauschenden Meereswellen zusammenfliesst, und es ging ihm ein Singen und Klingen durch die Seele, das uralte Lied der erwachenden Liebe, das uralte Echo aus dem Paradiese, bevor die Schlange es vergiftete, der uralte Sehnsuchtsseufzer des Menschenherzens nach einem Glück, dessen Urbild ihn nach Oben, dessen Schatten ihn nach Unten zieht. Uriel kannte den Wunsch der Familie. Er wusste, dass er dereinst Herr auf Windeck sein werde. Er fand es ganz in der Ordnung, dass er der Schwiegersohn des Mannes werde, der ihn mit der innigsten Vaterliebe gehegt und gepflegt hatte und dessen Erbe und Nachfolger er war. Sein edles Herz hatte früher immer eine Pflicht der Dankbarkeit darin gefunden. Jetzt, da er Regina nach fünf Jahren wiedersah, jetzt freilich wünschte er, sie möge ihm erlauben, dankbar sein zu dürfen, und er gestand sich ein, dass dazu wenig Hoffnung sei. Um sich etwas zu trösten, dachte er an ihre grosse Jugend, an ihre Erziehung im Kloster, und hoffte auf unbestimmte himmlische Fügungen, wie man eben hofft, wenn man auf einen Würfelfall die Erfüllung des Glückes gesetzt hat.

Nachdem man sich spät getrennt hatte und Regina einsam in ihrem Zimmer war, dachte sie nach über Florentins Reden und Ansichten. Bittere Tränen traten ihr in die Augen. Der Unglückliche! dachte sie. Es ist der Weg des Seelentodes, den er wandelt: er verachtet Gott, er verschmäht die gekreuzigte Liebe. Ach, und er ist der Pflegesohn meiner Mutter! Ob er wohl betet? .... Könnte er sich so weit von der Offenbarung verirrt haben, wenn er betete? Sie nahm ihren Rosenkranz und stieg die enge Wendeltreppe hinab, die aus ihrem Zimmer in die Kapelle durch eine Seitentür führte, um für Florentin den Rosenkranz zu beten. Als sie leise die tür öffnete, sah sie vor dem Altare Hyacint knien. Mit ausgespannten Armen und mit unaussprechlicher Inbrunst lag er da. Der Schimmer des ewigen Lichtes in der Ampel fiel auf seine blonden Locken und goss einen goldenen Glanz um sein Haupt. Überall sonst war es dunkel. Regina trat nicht in die Kapelle ein; sie fürchtete, diese Gebetsstille zu stören. Sie kniete auf der untersten Stufe der Treppe nieder und empfahl Florentin der Fürbitte der heiligen Gottesmutter; und als der Rosenkranz zu Ende war und sie einen blick in die Kapelle zurückwarf, kniete Hyazint noch immer im stummen Herzensgebet vor dem Altare.

Solo Dios basta

Der Balltag kam heran. Der Graf sagte, er habe eigens den Tag dazu gewählt, wo Regina ihr achtzehntes Jahr antrete, um mit einem fest, wie es sich für die Jugend schicke, einen neuen Abschnitt ihres Lebens zu bezeichnen.

"Und besorge Dir ein Ballkleid, Regina," setzte er hinzu, "von Flor oder Krepp, oder wie der Stoff heisst! recht leicht, recht luftig. Es wird wohl am besten sein, wenn die Tante dafür sorgt."

Damit war Regina ganz einverstanden. Sie ging zu Onkel Levin und sagte kleinlaut:

"Ach, lieber Onkel, der erste Ball!"

"Ja, mein Kind, der erste, aber gewiss nicht der letzte," entgegnete er scherzend.

"Ich fürchte mich vor den vielen fremden Menschen."

"Ganz unnütz, Kind! sei freundlich zuvorkommend gegen alle Frauen und freundlich zurückhaltend gegen alle Männer, so bist Du, wie Du sein sollst, und hast nichts zu fürchten."

"Lieber Onkel," sagte sie errötend, "ich fürchte