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werde, dass Niemand an Widerstand denkt," sagte Florentin patetisch.

"Denn sonst müsste man leider! die Guillotine als Autorität einsetzen," sagte Uriel.

"Lieber Schwager," rief die Baronin Isabelle, "tun Sie doch diesen greulichen Gesprächen Einhalt, von denen man ganz nervenschwach wird."

"Ei Tantchen," sagte Orest, "man darf nicht mehr hypersentimental sein, seitdem der Hypersentimentalsten einer, der berühmte, bewunderte, gefeierte lyrische Dichter Lamartine, bei dessen poetischen Meditationen Du gewiss vor zwanzig Jahren süsse Tränen der Rührung geweint hast, seitdem er in höchst interessanter Weise die tragische notwendigkeit der Guillotine in seinen 'Girondisten' dargestellt hat, und seitdem dies Buch einen so rasenden Beifall findet, dass es weniger gelesen, als verschlungen wird von Männern und Frauen, Jung und Alt, Vornehm und Gering, Aristokraten und Liberalenund seitdem ich, sage ich! kein passionierter Leser, wahrhaftig! – es von Anfang bis zu Ende gelesen habe."

"Da sieht man, wie unwiderstehlich die Wahrheit ist!" rief Florentin. "Sie ergreift sogar den Mann der Herzensempfindungen und Gefühlsschwärmereien, eröffnet ihm den grenzenlosen Horizont der neuen Äraund er, berauscht und bezaubert, stimmt an das Lied von der Göttin Revolution und zieht Völker und Nationen unwiderstehlich zu ihrer Huldigung nach sich."

"Da gleicht er ja dem famosen Rattenfänger von Hameln," sagte Uriel, "dem ganz unwiderstehlich die Kinder nachzogen."

"Wo blieben die Kinder?" fragte Corona.

"Sie gingen unter, man weiss nicht wie", sagte Uriel.

"Die grossen Wahrheiten in der Weltgeschichte bereiten hingegen den Aufgang, nicht den Untergang der Völker," erläuterte Florentin.

Hyazint hatte bisher ganz eifrig mit Corona Schach gespielt und sie so eben durch "Matt!" erschreckt. Nun sagte er: "Heute hab' ich im heiligen Augustinus die Frage gelesen: 'Warum wird die ewige Wahrheit der Offenbarung oft so gehasst? und warum finden ihre Verkünder so viele Feinde?' Darauf antwortet der Heilige: 'Weil der Mensch eine solche Neigung zur Wahrheit hat, dass er, was er auch lieben möge, immer behauptet, gerade d a s sei die Wahrheit. Weil niemand betrogen werden mag, so mag auch niemand eingestehen, dass er betrogen ward, und die Wahrheit wird gehasst wegen des Gegenstandes, der statt ihrer geliebt wird.' So geht es Dir wohl auch, Florentin, mit Deinen Revolutionsliebhabereien? Du liebst die Wahrheit, aber Du lässt Dich täuschen."

"Nun, Regina, freut sich wohl Dein Herzchen, da Du von den Heiligen sprechen hörst," sagte der Graf. "Aber woran denkst Du denn? Du bist ja mäuschenstill geworden!"

"Ich denke an den gekreuzigten Heiland," sagte sie sanft.

"Erzähle uns etwas von Deinen Reisen, lieber Uriel," nahm die Baronin das Wort; "aber etwas Freundliches, was uns ein angenehmes Bild vorführt und nicht aufregt."

"In England und Schottland," sagte Uriel, "gibt es eine Menge schöner Ruinen von Kirchen und Klöstern, die, wie bekannt, im Namen des reinen Evangeliums bei dem Abfall im sechszehnten Jahrhundert geplündert, zerstört und aufgehoben wurden. TinternAbbei, Melrose-Abbei sind allbekannt durch englische Stahlstiche, die freilich ihre romantische Schönheit durch einen gewissen modischen Anstrich abschwächen. In der Umgegend von Edinburg befindet sich eine Ruine, die an Grossartigkeit zwar jenen nachsteht, aber äusserst anmutig zwischen grünbelaubten Hügeln liegt. Sie heisst Rosslyn Chapel. Ihre reiche Architektur nimmt sich in der Zerfallenheit eigentümlich melancholisch aus und trägt so recht das Gepräge eines verwüsteten Heiligtums. Auf einem Pfeiler dieser Kapelle stehen in lateinischer Sprache die Worte eingegraben: 'Stark ist der Löwe; stärker der König; noch stärker das Weib; am stärksten die Wahrheit.' Sieh Regina, welch' ein Trost für Dich: bist Du im Bunde mit der Wahrheit, so trägst Du den Sieg davon."

"Ach, an meinen Siegen liegt mir nichts!" entgegnete sie gleichgiltig. Alles, was wie eine Huldigung klang, die ihr dargebracht wurde, verstand sie gar nicht; davor trat sie zurück in die Region der Kindheit.

"Das ist gewiss!" rief Florentin, "die Frauen haben bei der Lösung der sozialen fragen im Geist des Fortschrittes ein ungeheures Interesse, und deshalb schliessen sich auch die eminentesten unter ihnen, eine George Sand, eine Christina Belgiojoso, eine Fanny Wright, derselben als ihre Apostel an und verbreiten sie durch Schrift und Wort, durch Lehre und Leben. Unter welchem dreifachen Druck, dreifach gelähmt im Geist, im Herzen, in ihrer Stellung zur Welt, schmachten die Frauen, so lange die Religion der Vergangenheit, d.h. der kirchliche Glaube, und die daraus entspringenden Institutionen der Ehe und des Privateigentums, aufrecht gehalten werden."

"Florentin, ich glaube, Du bist berauscht!" rief der Graf verblüfft. "Wir wollen es zu Deiner Entschuldigung annehmen."

"Ich spreche von Tatsachen," entgegnete Florentin unverzagt, "indem ich sage, was die ganze Welt weiss und die halbe bewundert: dass Frauen von genialischem Kopf und grossen Herzen das Banner des Fortschrittes nicht nur frohlockend begrüssen, sondern in ihren schönen Händen weiter tragen. Ist das nicht Glück und Ehre, Regina, die Fahne der Wahrheit im Kampf gegen die Lüge zu schwingen?"

"Ich habe nie etwas von