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Graf Uriel! Sie dürfen nicht in dieser Jahreszeit und zu dieser Stunde im Freien sitzen. Das ist sehr schädlich! der Abendtau fällt."

"Und Sie, mein Pater, gehen barhaupt und barfuss durch Tau und Regen, durch Sonnenglut und Wintersturm," entgegnete Uriel.

"Ah, ich! das ist etwas anderes!" sagte Pater Bonaventura, indem er sich zu Uriel setzte, während sein Gefährte die Stationen betete.

"Nun Sie! sind Sie nicht ein Mensch wie ich? und überdies .... schon recht bejahrt?"

"Mein heiliger Ordenshabit bringt das so mit sich. In meiner Kindheit bin ich ohnehin barhaupt und barfuss gelaufen! da ist es nicht schwer, diese Gewohnheit wieder anzunehmen. Und wäre es schwer, so hätte das auch nichts zu sagen! der Weg von Getsemane nach Golgata war dem göttlichen Heiland auch schwer."

"Mein Pater, weshalb wurden Sie Kapuziner?"

"Um ein wenig Busse zu tun, Herr Graf."

"Für fremde Sündennicht wahr?"

"Die Welt nennt nur Mord und Totschlag, Brandstiftung, Räuberei und was in diese Kategorie fälltSünde, und dass ein Mensch, ohne solche Verbrechen begangen zu haben, von der Erkenntnis seiner tiefen Sündhaftigkeit durchdrungen und von Schmerz ergriffen werde, die unendliche Liebe Gottes täglich und stündlich beleidigt zu habendas fasst sie nicht. Sie denkt, dass hinter dem Bussgeist entweder grosse Missetaten, oder der Drang stecken müsse, für andere genug zu tun. Hat mich nun zwar Gottes Gnade davor bewahrt, ein Räuber oder Mörder, ein Spieler oder Trunkenbold zu sein: so versichere ich Sie, dass ich dennoch schwer genug an meinem Päckchen Sünden trage. Als der heilige Vater aus Gaëta zurückkehrte, verliess ich meine Heimat und meine Familie und ging nach Romfür das der Maler und der Katolik stets eine Vorliebe hat. Die Erlebnisse der Revolutionsjahre waren derart, dass ich sie nicht vergessen konnte. Was war der letzte Grund dieser Revolutionen? Jeder suchte seinen Willen durchzusetzen; keiner dachte daran, den Willen Gottes zu tun. Jeder betrachtete die Welt als sein ihm gebührendes Opfer; keiner wollte Opfer bringen. Diese Erkenntnis führte mich in mich selbst zurück und ich suchte in mir nach Opfern, die ich Gott zulieb gebracht haben könnte. Ganz ängstlich suchte ich .... und es schien mir auch wohl, als hätte ich dies und das und jenes zum Opfer gebracht und in die durchwundeten hände meines Heilandes gelegt; nur war das alles so entsetzlich gering! Woran ich aus ganzer Seele hing und was ich liebte wie mein Lebendas hatte ich ganz still für mich behalten. Das war nicht Geld und nicht Gut, das war nicht Ruhm und nicht Sinnenlust; das war meine Unabhängigkeit, wie ich es nannte; meine Wanderlust, meine Freiheit, meine Ungebundenheit; zu kommen, zu gehen, nirgends gefesselt zu sein, durch die Welt zu ziehen, wie es mir gefiel. Ich durfte es tun! ich verletzte keine Pflicht dadurch! Aber es war nun einmal dies Licht von wegen des Opfers mir aufgesteckt .... und wo ich ging und stand, und was ich tat und triebeine stimme sagte mir: Das ist es, was du Gott zulieb opfern könntest! willst du nicht? willst du nicht? Da ging ich in mich und sprach zu mir selbst: Die stimme kommt von Gott! so spricht nicht der Teufel, nicht die Welt, nicht Fleisch und Blut. Ich höre sie, ich verstehe sie, ich muss ihr folgen. Da ging ich zu den Kapuzinern am Platz Barberini und vor dem Bilde in ihrer Kirche, das der Erzmaler Raphael vom Erzengel Michael gemalt hat, flehte ich St. Michael an, der Führer meiner Seele zum Himmel zu seinging an die Klosterpforte und bat um Aufnahme als Laienbruder, denn an den heiligen Priesterstand dachte ich armer Priester nicht im Traum. Die Väter wollten mich aber auch gar nicht als Laienbruder aufnehmen, meinten, ich käme ein Vierteljahrhundert wenigstens! zu spätund dies und das. Ich war jedoch Zeit meines Lebens eigensinnig und bat und betete so lange, bis man mich versuchsweise annahm. Nun hatte ich, was ich wolltenämlich nichts mehr. Nun war ich froh und merkwürdigerweise! nun fühlte ich mich wundersam frei. Wie das Fischlein in seinem Element, schwamm ich im süssen, im angebeteten, im heiligsten Willen Gottes, indem ich meinen Oberen gehorchte und die heilige Ordensregel beobachtete. Nur einmal kam ein Chocein gewaltiger. Nicht des Ordens Laienbrudersondern Priester sollt ich werdenich Armseliger! Das grämte mich furchtbar. Ich dachte, ich würde dem Orden Schmach und Schande bereiten. Ich sträubte und wehrte michaber diesmal waren die Oberen noch eigensinniger als ich und ich musste gehorchen. Nun, ich war ja Kapuziner geworden, um zu gehorchen und um im Opfer meines Willensdas ja immer eine Busse für die sündige natur istdie selige Freiheit von der Last meines Ichs zu finden; also ich gehorchte in Gottes Namen. Und so, Graf Uriel, treffen wir uns hier in Rom, bei mannigfachen Leiden in Ihrer Familie, die mir unvergesslich geblieben istund am Fuss des Kreuzes."

"Wir werden uns hoffentlich auch noch anderswo treffen, mein Pater," sagte Uriel, "denn auch ich gedenke Kapuziner zu werden."

"Unsinn