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Arcaden des Koliseums melancholisch in die Arena hinein und auf den stillen Kämpfer, der dort in den Tiefen seines Herzens eine Geisterschlacht bestand. Auf dieser Stätte verhauchte der heil. Ignatius Bischof von Antiochien, unter den Zähnen der Löwen seine Seele; der heilige Greis, der diejenigen, die ihn retten wollten, anflehte: "Lasst mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein!" Zu dieser Stätte und mit diesen Worten hatte Levin Uriel gesendet, und Uriel betrachtete sie als ein Vermächtnis des seligen Greises, der ihn so sehr geliebt und so gut gekannt hatte. Sollte er es nun im vollen Umfang annehmen? das war sein Kampf. Der Zug der Seele, die innere stimme, das Verlangen des Geistes trieben ihn dazu an; aber die natur wehrte sich. Der himmlische Mensch sehnte sich nach der unbegrenzten Hingebung an das vollkommenste Opferleben unter den evangelischen Räten; der irdische Mensch entsetzte sich vor einem solchen Opfer. Die furchtbaren Erschütterungen der letzten Zeit, verbunden mit diesem inneren Kampf, prägten sich durch den Ausdruck tiefen Leidens in seinen Zügen aus. Mit geschlossenen Augen, die bleiche Stirn in die Hand gestützt, sass er am Fuss des Kreuzesdieses wunderbaren, armseligen, hölzernen Kreuzes, welches als eine Reliquie von Golgata, in seiner Unscheinbarkeit das ganze Koliseum überragt. Wie in inneren Gesichten zogen Bilder auf Bilder durch Uriels Seele. Er sah die geheimnisvollen Gnadenströme, welche vom Kreuz ausgehen; er sah die Gottestaten, welche in den Menschenschicksalen still sich erfüllen; er sah aber auch den Widerstand des Menschen gegen Gnade und Heil und wie gerade in seiner Familie die Gegensätze so schroff auseinander gingen. Über ein halbes Jahrhundert war der gottselige Priester, Onkel Levin, der geistige Mittelpunkt der Familie, der Ruhepfeiler des Hauses gewesen, aus dessen Fülle sie alle schöpfen, von dessen Reichtum sie alle zehren, an dessen Kraft sie alle sich lehnen konnten. Er war so recht der Priester, den Gott der Welt gibt als seinen "Helfer und Mitarbeiter", wie der Apostel Paulus sagt, und der kein anderes Streben kennt, als die Welt geheiligt an Gott zurückzugeben. Die einen entsprachen seinem Streben; die andern nicht. Zu glänzender Blüte entfaltet sich in Regina Gnade und geheiligter Wille, Gottestat und eigene Mitwirkung. Ihr Einfluss zog die ganze Familie, jeden in seiner Art, zum Gnadenleben, zur Liebe der himmlischen Dinge hin: sie brachte Hyazint zum Entschlussvielleicht zum Bewusstsein über seinen Beruf. Sie sänftigte ihren Vater aus dem starren Widerspruch der Selbstsucht in das Opfer seines Lieblingswunsches hinein. Sie warf in Corona's junge Seele ein strahlendes Beispiel, wie man die Welt überwindet. Sie übte auf Uriel selbst einen so überwältigenden Einfluss, dass er auf dem Punkt stand, die Wege der vollkommenen Entsagung einzuschlagen und von allen Gütern des Daseins nichts zu wählen, als das Leiden aus Liebe, als den Dienst Gottes im unbedingten Opfer. Und zu dieser himmlischen Macht hatte sie sich erschwungen unter einer Flut von Missbilligung und Widerspruch. Die Familie und die Welt hatten nur Tadel für ihre Neigung und ihren Schritt. Kein Lob, keine Ermunterung wurde ihr zu teil. Niemand erleichterte ihr Opfer; Jeder erschwerte es; aber allen wurde es zur Gnade. Nicht umsonst war ihr Wahlspruch: "Solo Dios basta." – – Und dieser Tochter Gottes gegenüber stand Orest unter der Signatur des natürlichen Lebens, verloren an das Irdische, geknechtet von leidenschaft unerweckbar aus dem Opiumrausch und dem schweren Schlaf der Sünde, bis zu jener furchtbaren Katastrophe, die seine zügellose innere Verwilderung herbeiführte. Taub gegen die stimme der Vernunft, der Pflicht, der sittlichen Würde, der Religion, überliess ihn Gott den Gelüsten seines Herzensund als er sich ihnen mit voller Entschiedenheit und bis zur Verachtung der heiligsten Schranke hingab: da stürzte er in den Abgrund und riss all' die Seinen in ein Meer von Schmerz hinein. Gegen den Willen Gottes hatte er sich empört: da verfiel er, auf Zulassung Gottes, dem Verhängnis, das mit eigener und fremder leidenschaft ihn umspann. Die Welt, die für eine Regina nur bittern Tadel oder ein verächtliches Achselzucken kannte, hatte für Orest kaum einen Anflug von Missbilligung, und hätte sie Reginas Ende gekannt und mit Orests verglichen, so würde sie ohne Zweifel seinen Tod, als ein höchst tragisches Opfer der leidenschaft, unendlich viel interessanter gefunden haben, als ihren Opfertod der heiligen Liebe. Und dennoch bot der Gott, den Orest verachtete, ihm in seinen letzten Stunden die Versöhnung anund das vor Selbstsucht erstarrte Herz, das höherer Einsprache unzugänglich war, musste erst im Herzblut des Bruders schmelzen und zermalmt werden, bevor es sich in das Blut Gottes mit all seinem Elend und seiner späten Reue untertauchte.

O, das Opfer! das Opfer! sprach Uriel zu sich selbstes ist allmächtig bei Gott. Es nimmt teil am Kreuz, es nimmt teil an der Rettung der Seelen, welche die Folge der Kreuzigung ist. O Herr! o gekreuzigter Heiland, lass mich Dir dienen! lass mich das Opfer meiner geliebten verklärten Seelen fortsetzen, zu Deiner Verherrlichung und lass mich zu meinem Heil Busse tun für meine Sünden und für den Armen, der hienieden nicht Busse tun konnte! O dass ich würdig wäre, ein Nachfolger der Leiden meines Gottes zu sein! –

Eine gute wohlbekannte stimme weckte ihn aus seinem tiefen Sinnen. Pater Bonaventura hatte ihn schon einige Zeit mit ernster Teilnahme von fern beobachtet. Jetzt sagte er:

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