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die Sonne golden auf. Nichts änderte sich in Orest's Zustand.

"Wenn doch Pater Bonaventura kämeoder für ihn betete," sagte eine Laienschwester zu dem Hausgeistlichen, der mit Lelio und Corona das Sterbebett bewachte.

"Wer ist das?" fragte Corona.

"Ein frommer Kapuziner, den man sehr verehrt, und zu dessen Fürbitte man viel Vertrauen hat," entgegnete der Geistliche.

"Ich hole ihn!" rief Lelio. "Der Wagen ist noch immer bereit." Er eilte hinaus und fuhr eilig zum Kapuzinerkloster auf dem Platz Barberini am andern Ende von Rom. Ein weiter Weg! In dumpfer Angst harrte Corona. Jede Minute erschien ihr wie eine Ewigkeit, und wie manche Minute musste vergehen!

Judit schleppte sich auf den Knien zu Corona.

"Hassen Sie mich!" sagte sie tonlos. "Es wird mir ein Trost sein, so verabscheut zu werden wie ich es verdiene."

"Die christliche Seele hasst nie," erwiderte Corona. "Wie könnte ich hassen so bitterer Todesnot gegenüber." –

Endlich kam Lelio und mit ihm Pater Bonaventura. Als er eintrat, riefen Corona und Judit:

"Herr Ernest!" – und es war, als empfänden sie einen inneren Trost durch seine Ankunft.

Lelio hatte ihn bereits von dem ganzen Vorfall und den betreffenden Personen in Kenntnis gesetzt.

"Retten Sie seine Seele!" flehte Corona.

"Wo so viel fromme Seelen schon beten und mit Gottes Gnade Erhöhrung finden werden, da ist mein unwürdiges Gebet recht unnütz," sagte er demütig.

Die Pförtnerin trat ein und meldete, dass Corona's Kammermädchen höchst beunruhigt Nachfrage um die Gräfin halte. Niemand wisse, was aus ihr geworden sei, und der Herr Graf habe so eben den Diener nach dem Hotel Meloni geschickt.

"O mein unglücklicher Vater .... bringen Sie ihm die Schreckenskunde!" seufzte Corona zu Pater Bonaventura gewendet.

"Vor einem solchen Auftrag darf man zittern," sagte er und ging zu Graf Damian.

Nicht zehn Minuten verstrichen und er kam mit dem unglücklichen Grafen zurück, der gebrochen, wie ein siebzigjähriger Greis, vom sterbenden Orest zum entseelten Hyazint wankte. Bald darauf kam auch Uriel, beängstigt durch die Nachfrage nach Corona im Hotel Meloni und durch die Aussage des Portiers, dass Graf Orestes gegen fünf Uhr morgens mit einem Herrn, der ihn abgeholt, das Hotel verlassen habe. Die Gruppe der Leidtragenden war vollständig. Aber Felicitas fehlte.

"Sie soll kommen," sagte Corona, "sie soll eintreten in die Schule des Lebensin's Leiden."

"O Raserei der leidenschaft!" sagte Ernest; "in Wölfe und Tiger verwandelt sie die Seelen, welche bestimmt waren, Lämmer des guten Hirten zu sein."

Als Felicitas kam und sich angstvoll in die arme ihrer Mutter warf, schlug Orest seine blutigen geschwollenen Augenlieder auf. Corona seufzte beseligt:

"Gott Dank! ach, lieber Orest, kennst Du uns?"

Seine Augen blickten: "Ja!" Er konnte weder sprechen, noch den Kopf bewegen; das ganze Untergesicht war zerschmettert. Alle traten zu ihm heran klagend, fragend, tröstend. Er konnte nichts tun, als mit bittenden Augen sie ansehen und einen mühseligen Versuch machen, seine hände zu falten. In einem Winkel des Zimmers, ihr Gesicht auf einem Stuhl verbergend, niemand beachtend und von niemand beachtet, lag Judit. Jetzt schleppte sie sich an's Bett und sagte:

"Graf Orestes, können Sie mir vergeben?"

Bei dem Ton ihrer stimme fuhr er zusammen, schloss die Augen und machte eine sanfte Handbewegung.

"Er verzeiht mir und will mich nicht sehen: so muss es sein!" sagte sie, küsste Corona's Hand und begab sich in das andere Zimmer zu Hyazint's Leiche.

"Willst Du das heilige Busssakrament empfangen?" fragte Corona zärtlich über Orest gebeugt.

Er bejahte es in seiner Weise, und man liess Pater Bonaventura allein bei ihm. Durch die fragen, welche dieser ihm mit einer Präcision vorlegte, die es möglich machte, sie durch Pantomimen zu beantworten, stellte sich die Beruhigung heraus, dass Orest keinen Mord, am wenigsten einen Brudermord beabsichtigtsondern im Wahnwitz der leidenschaft den erstenin besinnungsloser Verzweiflung den zweiten Schuss getan habe. Da Orest kaum je eine solche Reue und Aufrichtigkeit bei dem Empfang des Busssakramentes gehabt haben mochte, als eben jetzt mit dem gewissen blick auf sein nahes Ende, so war diese letzte Beicht vielleicht die beste seines ganzen Lebens. Die heilige Wegzehr konnte man ihm wegen seiner Verstümmelung nicht reichen. Allein die letzte Ölung stärkte ihn zu dem grausigen Todeskampf, den er zu bestehen hatte. Gegen Abend war er verschieden und, wie zu hoffen war, in der Gnade Gottes.

Judit hatte schon vorher durch Pater Bonaventura die Nottaufe empfangen und war dann in einem bewusstlosen Fieberzustand in ihren Palast zurückgebracht und durch Lelio ihrer Mutter übergeben worden. Sie schwebte sechs Wochen lang zwischen Leben und Tod. Das Leben siegte und die Gnade auch: nach ihrer Genesung wurde aus der Judit eine Taïs.

Der letzte Windecker

Im Koliseum am Fuss des Kreuzes sass Uriel. Der glühende Sonnenuntergang tauchte den rötlichen Travertinstein der Riesenruine in flammendes Rot. Sie sah aus wie in Blut gebadet. Die stillen, dunkeln, unbeweglichen Cypressendiese Bäume der Trauer und der Gräberschauten von Monte Cölio, durch die gebrochenen