den die demütige Kreuztragung verleiht.
Da fuhr ein Wagen heran. Beide riefen:
"Er kommt!"
"Ha, da kommt er!" rief auch Orest. "Ich zwing' ihn gleich, mit mir fortzufahren!"
Er riss die Pistolen aus dem Kasten und stürzte zur Klosterpforte. Der Wagen hielt, Hyazint sprang heraus und Orest ihm entgegen, indem er rief:
"Nicht herein! fort mit mir! auf der Stelle fort."
Als Hyazint die stimme seines Bruders erkannte, glaubte er, dass dieser Judits Taufe verhindern wolle, und ahnungslos über dessen eigentliche Absicht, stiess er ihn mit eisernem Arm zurück und wollte der Pforte zuspringen, welche eben von inwendig aufgeschlossen wurde. Als Orest das hörte und nun fürchtete, sein Todfeind werde ihm feig entfliehen, warf er sich ihm in den Weg, und mit dem wütenden Aufschrei:
"So stirb, Du Elender!" drückte er die Pistole auf ihn ab.
Hyazint sank zu Boden und seufzte: "Jesus Maria!"
In demselben Augenblick rief Lelio:
"Graf Orest, es ist Ihr Bruder!"
Und da die erschreckte Pförtnerin nicht öffnete, setzte er hinzu laut rufend:
"Licht! um Gottes Barmherzigkeit! Licht!"
Sie öffnete. Der volle Strahl ihres Lichtes fiel auf Hyazint, der lang ausgestreckt am Boden lag. "Hyazint! Hyazint!" schrie Orest mit heiserer stimme und irrem blick.
"Er ist tot!" sagte Lelio, der neben dem Entseelten kniete.
"Hyazint .... vergib mir .... mein Gott!" stammelte Orest, setzte die Pistole in den Mund, drückte ab und sank zur Erde.
Dies alles fiel mit furchtbarer Geschwindigkeit in ein paar Minuten vor. Die Oberin erschien voll Entsetzen an der Pforte, als eben Lelio mit Hilfe des Kutschers Hyazint hineintrug. Die Kugel hatte ihn mitten durch's Herz getroffen, und ohne Kampf, fast ohne Schmerz hatte er sein Leben ausgehaucht. Der milde Ernst, der seinem Antlitz einen so engelhaften Ausdruck gab, ruhte in der vollen Majestät eines unerschütterlichen Friedens auf seiner marmorweissen Stirn. Dann wurde Orest gebracht. Der Unglückselige lebte, aber die grässliche Verwundung machte ihn fast besinnungslos vor Schmerz. Er konnte nur wimmern, sprechen nicht.
Für den Auftritt, der mit Judit und Corona erfolgte, gibt es keinen Ausdruck. Sie begriffen das Ereignis gar nicht; Lelio konnte ihnen ja nur den letzten Akt mitteilen und Orest war sprachlos. Dass Florentin dabei gewesen, wusste niemand. So wie der erste Schuss fiel, war er die spanische Treppe hinab geeilt. Aller Wahrscheinlichkeit nach war jetzt ein verruchter Jesuit oder jesuitischer Dunkelmann weniger auf der Welt! er suchte sich an diesem Gedanken zu freuen; aber das Gewissen wollte es nicht zulassen. Bei dem zweiten Schuss floh er entsetzt von dannen. Da war Unheil geschehen! Ist nicht meine Schuld .... nicht meine Schuld! wiederholte er vor sich selbst halblaut, um die stumme Sprache des Gewissens zu übertäuben. Aber seine Pulse klopften wie Hämmer, und Schweisstropfen standen auf seiner kalten Stirn; ein namenloses Grauen überfiel ihn – das entsetzlichste, was es auf Erden gibt – das Grauen vor sich selbst. Fort! zu Rita! zu Rita! rief er. Wer war Rita? ein schönes elendes Weib – Gaetano's Frau!
Lelio schickte sogleich den Wagen nach einem Wundarzt, der schleunig kam und auch einen Verband anlegte, doch gleich erklärte, der Verwundete werde schwerlich den Tag durchleben und das sei zu wünschen wegen seiner folternden Schmerzen. Auch der Hausgeistliche war gerufen, aber vergeblich, wie es schien, da Orest nicht bei Besinnung war. Corona kniete neben ihm, gefoltert wie er, aber von Mitleid und von Seelenangst.
"Betet, betet!" sagte sie zu einigen Ordensfrauen, die mit grösster Schnelligkeit ihm ein Lager bereitet und den Entseelten in ein anderes Zimmer getragen hatten; o betet vor dem Sanktissimum, dass er nur eine Minute zum Bewusstsein gelange, und mit einem Akt der Reue vor dem ewigen Richter erscheine."
"Es knieen schon zwei Schwestern in dieser Intention vor dem Sanktissimum," entgegnete die Oberin; "und die Messen, die heute gelesen, und die heiligen Kommunionen, die empfangen werden, wollen wir sämtlich dafür aufopfern."
"Gott vergelts!" sagte Corona; "denn ich ... ich kann nicht beten .... ich ächze nur!"
Es war ein Jammer sie zu sehen mit diesem Ausdruck von Seelenangst um den Sterbenden, ihr prächtiger Anzug mit seinem Blut überströmt, die Spitzen zerrissen, Handschuhe und Taschentuch blutig am Boden. Sie dachte nicht an Felicitas, nicht ihren Vater und Uriel rufen zu lassen. Sie dachte nur daran, dass hier eine Seele in der vollen Ungnade Gottes von der Erde abscheiden könne.
So weit gingen Judit's Gedanken nicht. Sie machte es gerade umgekehrt, wie Florentin. Meine Schuld! meine Schuld! seufzte sie in stumpfer Trostlosigkeit. Mord und Selbstmord – meinetwegen! zwiefache Mörderin! Sie fiel aus einer Ohnmacht in die andere. Der Gegensatz zwischen der heiligen Feier, zu der sie aus allen Kräften ihres geistigen Wesens hinstrebte und verlangte – und dieser blutigen Tragödie war so gewaltsam, so unerwartet, dass sie von diesen Schrecknissen aus ihrer hohen Spannung herausgerissen und bis zur Ohnmacht übermannt wurde.
Über diese Bilder des Jammers brach der Tag an, sanken die Nebel, ging