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einem nicht ganz unwürdigen Werkzeug der Vermittlung dieser Gnaden zu machen. Es war niemand in der Kirche ausser Hyazint's Beichtvater. Als dieser ihn vom Altar herabsteigen und zur Danksagung nach der Messe niederknieen sah, konnte er sich des Gedankens aus der Offenbarung nicht erwehren: Das ist einer von denen, die mit göttlichem Namen bezeichnet sind, die das Lied der Auserwählten singen und dem Lamm folgen werden, wohin immer es geht. Verabgründet in die selige Vereinigung mit seinem Gott, mit dem Liebhaber und Erlöser der Seelen, verharrte Hyazint im Gebet, bis Lelio's Wagen vorfuhr und ihn abholte. Während hier die Engel wachten, schlief auch der böse Feind nicht. Ein taktmässiges klopfen an seine Tür weckte Florentin, der sogleich rief: "Gaetano herein!" Dieser kam atemlos zurück, erzählte die Begebenheit und sagte schliesslich: "Vor Trinità dei Monti hielten wir. Da stieg die Signora aus und der Herr, der ihr dabei behülflich war, sprach: Um fünf Uhr bringe ich den Herrn Abbate her. Sie ging in die Pforte, die sich schon geöffnet hatte; er fuhr weiter und ich sprang die spanische Treppe hinabund da bin ich!" "Begleite mich in's Hotel Meloni," sagte Florentin, der sich inzwischen angekleidet hatte. Sie eilten fort. Nach einer Weile fragte Florentin: "Gaetano, hat der Begleiter der Signora wirklich gesagt: Ich bringe den Abbate?" "Sollte er etwas anderes gesagt haben, Signor?" "Hat er nicht vielleicht gesagt: den Jesuiten?" "Kann sein, Signor! ist nicht unmöglich. AbbatePadredas verwechselt man .... im Finstern." – Kraft dieser Verwechselung .... im Finstern, trat Florentin in Orest's Zimmer und rief: "Auf, auf! Judit ist so eben einer Zusammenkunft mit ihrem Jesuiten entgegen gefahren. Willst Du sie verhindern, so komm'! komm'! komm'!"

"Ha, die Schlange! und ich glaubte ihr!" rief knirschend vor Wut und Verzweiflung Orest.

"Lehre Du mich die Weiber kennen!" höhnte Florentin.

"Wo ist sie?"

"In einem Nonnenklosterwie sich das von selbst für dergleichen Zusammenkünfte passt."

"In einem Kloster!" rief Orest stutzend.

"Nun ja freilich! das Institut vom Sacre-Coeur ist ja eine Jesuitenerfindung, um die Frauen aus der grossen und vornehmenund aus der reichen und vornehmseinwollenden Welt in ihre Schlingen zu bekommen. Dies ist vermutlich der Beichtvater von Trinità dei Monti. Dem muss man schon etwas zu Gefallen tun! .... eine Hand wäscht die andere."

In diesem giftigen Ton, falsche und willkürliche Annahmen als unbestreitbare, anerkannte Wahrheiten hinstellend und ihnen Folgerung und Schluss gebend, welche der Gemeinheit und Bosheit der Erfindung entsprachenredete Florentin fort und stachelte damit Orest's leidenschaft zur wildesten Eifersucht auf. Als dieser nach seinem Pistolenkästchen griff, sagte Florentin mit einschneidender Parodie:

"Vorwärts, vorwärts, Don OrestesDeine Ehre ist verloren! Vorwärts, vorwärts, stolzer Cid."

"Noch nicht verloren! wo find' ich ihn! er soll mir Rede stehen!" sagte Orest mit bebender stimme.

"Um fünf Uhr wird er zu Trinità dei Monti erwartet. Da müssen wir Schildwach stehen, und wenn er kommt" ..... – –

"Ihn zwingen, in seinem eigenen Wagen mit mir in die Campagna hinaus zu fahren, und mir mit dem Pistol Rechenschaft zu geben!" rief Orest.

Sie stürmten den Monte Pincio hinauf, durch die tiefe Dunkelheit, die durch spärliche Reverbere mehr hervorgehoben, als eigentlich beleuchtet wurde. Überdas war ein feuchter Nebel in der Luft, der alle Gegenstände umhüllte und die Umrisse verwischte.

"Wenn wir nur nicht zu spät ankommen," sagte Orest, als sie am Ziele waren. Seine Aufregung war so heftig, dass er vom Scheitel bis zur Sohle zitterte, und sich an die Mauer lehnte, um Atem zu schöpfen.

"Ruhig, ruhig!" sagte Florentin; "es fehlt noch ein Viertel an fünf Uhr. Er entgeht Deiner Rache nicht." –

Draussen das Toben der Hölle, drinnen der Vorschmack des himmels! Die Oberin und Corona empfingen Judit mit d e r Freude, welche auch die Seligen empfinden: Freude über eine gerettete Seele, die dereinst vor dem Trone Gottes in alle Ewigkeit seine Barmherzigkeit preisen und die Kraft des Blutes Jesu verherrlichen wird. Strahlend von dieser Freude, hatte Corona ihre ganze Schönheit und Jugend wiedergefunden. Sie war prächtig gekleidet, in glänzendweisse Seide, umwallt von Spitzen, überrieselt mit funkelnden Diamantenwie man eben gekleidet zu sein pflegt, wenn man die heilige Ehre hat, ein Taufgelübde auszusprechen, dessen Erfüllung einer unsterblichen Seele zum ewigen Leben verhilft. Hier sprach freilich Judit selbst es aus; aber gerade dieser Umstand machte die Feier noch rührender.

"Die himmlischen Heerscharen schauen frohlokkend auf Sie herabund unsere Regina und Onkel Levin," sagte Corona, indem sie Judit freudig umarmte; "heute ist ein grosser Festtag da droben."

Neben der ernsten Judit mit ihrer tragischen Schönheit, stand Corona in ihrer zarten Lieblichkeit, wie der Schutzengel, der ein edles Menschenbild umschwebt. Und so sprachen sie auch zusammen: Judit voll tiefer sehnsucht nach dem Frieden der Erlösung; Corona aus dem stillen Frieden heraus,