Sie sah nach der Uhr: es war gleich vier. Der Triumphzug meines Lebens beginnt, mit dir, für dich, zu dir, mein Erlöser! mein Herr und mein Gott! frohlockte ihr Herz. Sie hüllte sich in einen dunkeln Mantel, zündete einen kleinen Handleuchter an, nahm den Schlüssel und verliess ihr Zimmer. Als sie durch das ihrer Kammerfrau ging, sagte sie zu Fanny, die schlaftrunken auffuhr:
"Schlafen Sie ruhig fort: in einigen Stunden bin ich wieder da."
Dann ging sie die Treppe hinab der kleinen Tür zu, hörte ausserhalb ein leises Husten, schloss auf, fand Lelio und ging mit ihm durch das Seitengässchen dem Wagen zu, der in einiger Entfernung vom Palast auf dem Korso hielt. Sie stiegen ein und fuhren gegen Trinità dei Monti. Mit ihnen, auf dem Lakaiensitz – fuhr Gaetano.
Er hatte gut aufgepasst! Als er das ferne Wagenrollen hörte, spitzte er die Ohren, und als er in Judit's Zimmern Türen sich öffnen und schliessen hörte, verliess er seinen Wachposten auf der kleinen Treppe, um sich hinter einen Pfeiler des inneren Hofes zu stellen, indem er das Licht in seiner Blendlaterne verdunkelte. Kaum sah er Judit die Treppe hinabgehen und den Weg zur kleinen Tür einschlagen, so sprang er mit katzenhafter Behendigkeit und schnell die Umstände im Zusammenhang auffassend, in die Portierloge, ergriff den Schlüssel zum grossen Eingang, schloss mit gewandter Behutsamkeit auf und wieder zu, und erreichte früher als Judit den Platz, wo der Wagen hielt Da drängte er sich in den Schatten einer vorspringenden Säule, und erst als der Wagen dahinrollte, sprang Gaetano ihn nach und schwang sich hinten auf. – –
Als es vier Uhr schlug, trat Hyazint in der Kirche Santa Maria dell' anime zum Altar, um das heilige Messopfer darzubringen. Er war so erschüttert und bewegt durch die verschiedenen Ereignisse, die in seiner Familie zusammentrafen, und die doch so scharfe Gegensätze bildeten, dass auch er wenig Schlaf gefunden hatte. Onkel Levin's und Regina's Tod gingen ihm schneidend durch's Herz. Ihnen hatte er auf Erden am nächsten gestanden; mit Regina's und an Levin's Seele hatte sich seine Seele entwickelt; Regina's Entschluss hatte den seinen gereift und über jede Schwankung und jedes Bedenken hinweg gehoben; Levin's Vorbild zog ihn tief und immer tiefer in das geistliche Leben hinein. Mit ihr betrat er die Tempelschwelle und mit ihm wandelte er zum innersten Heiligtum. Und jetzt waren Beide auf einmal von der Erde verschwunden! das geistige Band, das ihn mit Beiden verknüpfte, war so innig, dass ihm zu Sinn war, als müsse er ihr seliges Leben auf Erden führen – aber selig, wie der Mensch selig sein kann: nicht in den Wonnen und Freuden der überströmenden Liebe, sondern in ihren heissesten Opfern. Mehr denn je fühlte er sich entflammt zur unbedingten Hingebung seines Herzens, seiner Seele, seines Wesens an die leisesten Bewegungen der Gnade, und er flehte zu Gott, dass dieser himmlische Gnadenhauch ihn ebenso zu Orest wie zu Judit leiten möge. Dass Orest's leidenschaft durch Judit's Verlust weder gebrochen noch besiegt sei, war für Hyazint ganz klar. War es nicht schon ein Gnadenwunder, dass Judit zur Erkenntnis kam! es konnte sich um so weniger sogleich für Orest wiederholen, als Beide einen ganz verschiedenen Standpunkt einnahmen. Sie war unwissend über die Dinge des Heiles; er verschmähte sie – und dieselbe Offenbarung, welche Judit bis in's Herz hinein erschütterte, verleugnete Orest. Ach, und welcher Trotz, welche unsinnige Erbitterung gegen die Kirche liess sich von Orest's zügelloser Aufregung gerade jetzt erwarten, da die leidenschaft ihm immer vorspiegeln werde, die katolische Kirche habe ihm Judit geraubt. Sie war gerettet – aber er! aber er! seufzte Hyazint; wie ist sein Herz zu schmelzen, wie ist sein Wille geschmeidig zu machen? was wird ihn zur Reue bringen? was mit Gott versöhnen? ach, er schwebt in solcher Gefahr einer immer wachsenden Verfinsterung durch leidenschaft zu verfallen, dass sein nächster Schritt ihn in den Abgrund stürzen kann. O, dass er gerettet werde! dass die Finsternis von ihm weiche! dass er nicht in seinen Sünden dahin taumele, eine Beute des Bösen. O, dass ich mein Leben für ihn hingeben, mein Blut für ihn vergiessen dürfte – welch' seliges Opfer wäre das! Er beschloss sogleich nach Judit's Taufe mit Orest zu sprechen, und damit der heilige Geist ihm das rechte Wort auf die Lippen legen, und keine sündige Unvollkommenheit von seiner Seite die Gnadenwirkung hemmen möge, empfing er mit grösster Andacht das heilige Sakrament der Busse. Jeden Fehltritt, jede Schwachheit, jede irdische Regung, die seine zarte Gewissenhaftigkeit ihm als Versündigung gegen die göttliche Liebe vorführte – jede Unvollkommenheit in der Ausübung seines Amtes und jede Aufwallung von Ermüdung in seinem Beruf, wodurch er fürchtete, den heiligen Geist betrübt zu haben: Alles fasste er in demütiger, reuevoller Anklage zusammen und badete seine Seele fleckenrein in der reinigenden Kraft des Blutes Jesu, welche das Sakrament der Busse vermittelt. Und so erneuert im Geist und "angetan mit weissem Kleide, gewaschen im Blut des Lammes," – trat er zum Altar, um die heiligsten Geheimnisse zu feiern, um die Gnaden des ewigen Opfers den beiden Seelen zuzuwenden, die ihm so nahe standen, und um sich selbst durch die heilige Kommunion zu