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"Judit ist ebenso!" sagte Florentin mit kaltem Cynismus. Er war sittlich so tief gesunken, dass er jeden Glauben an edle Gesinnung und reine Absicht verloren hatte. "Judit hat keinen Plan für ihre Zuknuft gemachtversichert sie Dir. Gut! es mag sein. Aber sei fest überzeugt: der Priesternatürlich ist es ein Jesuit! hat längst seinen Plan gemacht und darauf muss sie eingehen, die Unglückliche! Dazu wird sie durch die Tortur der Beicht gezwungen."

"Mit dem Unsinn bleib' mir vom Halse!" rief Orest. "Ich gehe nicht zur Beicht, weil ich nicht will. Aber Tortur und Zwang in sie hineinzulügen ist über allemassen dumm und lächerlich. Mit solchen Behauptungen kannst Du nur im Feuilleton schlechter Zeitungen Glück machen."

"Hat Judit nicht gesagt, es sei der Wille Gottes, dass Ihr euch trenntet? – oder ähnliche Floskeln?" fragte Florentin äusserst gleichgültig gegen Orests Vorwurf, da er zu gemein geworden war, um noch Schamgefühl zu besitzen.

"Das hat sie."

"Da nun Gott unmöglich in höchsteigener person ihr diesen Willen ausgesprochen haben kann, so muss es ja der verruchte Jesuit gewesen sein; denn sonst redet ja niemand in diesem Sinn zu ihr. Und da sie entschlossen ist zu dieser Trennung, so musst Du doch einsehen, dass der Jesuit mehr Macht über sie hat, als Du, trotz Deiner langen, glühenden, treuen Liebe. Es ist entsetzlich, dies Reich der Unterwelt in das schöne frische Leben eindringen zu sehen!"

"Es ist entsetzlich!" rief Orest, in seine Verzweiflung zurückfallend; "schauderhaft und entsetzlich!"

"Ist es noch möglich, die herrliche Judit für Dich zu retten, so reisse sie um jeden Preis von jenem Jesuiten los. Schiess Dich mit ihm, schlage Dich mit ihm auf Tod und Leben ...." –

"Ah! mit Wonne!" rief Orest feurig. "Aber tut das ein Jesuit?"

"Versteht sichwenn man ihm gründlich zu leib geht."

"Ah! ich schöpfe Atem, ich lebe auf! ein Pistolenduell! der blosse Gedanke schon erfrischt mein Herz. Ja, Florentin, so soll es sein: ich rette Judit! Das war ein guter Rat, alter Freund!"

Mit traulichem Händedruck schieden sie. Orest ging ins Hotel Meloni. Florentin rief Gaetano herbei, der sich als eine Art von allgemeinem Diener aller Bewohner des Palastes in irgend einer Bodenkammer angesiedelt hatte, mit Florentin aber schon seit den Revolutionsjahren her bekannt war. Florentin legte ein Goldstück auf den Tisch und sagte:

"Gaetano! zu welcher Stunde es auch sei, dass die Sigonra den Palast verlassen sollte, Du gehst ihr nach und bringst mir dann schleunigst Nachricht. Benimmst Du Dich klug, so erhältst Du dieses Goldstück." Gaetano antwortete nur mit einem verschlagenen blick und ging auf seinen Posten. –

Judit sagte zu ihrer Kammerfrau, als sie dieselbe entliess:

"Ich muss in aller Frühe ausgehen, Fanny! Holen Sie mir den Schlüssel zur kleinen Pforte vom Portier und sagen Sie ihm zur Beruhigung, ich würde den Schlüssel nicht aus meinen Händen geben. Ich werde Sie nicht wecken, sondern mich allein ankleiden."

Fanny erfüllte ihren Auftrag, zog sich zurück und Judit war allein. Obzwar sie auch die vorige Nacht durchwacht hatte, so war sie in einer viel zu lebhaften geistigen Spannung, um körperliche Ermüdung zu empfinden. Auf der Schwelle der Wiedergeburt ihrer Seele trat sie so nahe an das übernatürliche Leben heran, dass dessen Kräfte ihr leibliches Leben überwogen. Wie eine Selige fühlt sie nicht dessen Druck. Sie versank in eine unaussprechliche Dankesfülle für die wunderbare Gnade, welche sie, die Jüdin, die Teatersängerin, das Weltkind, den zweifelnden Geistergriffen, und über eine Welt von Hemmnissen hinweg, gleichsam auf einen anderen Stern versetzt habe, auf welchem die gesetz der heiligen Liebe herrschten. Sie ruhte so innig in der Gnade, dass sie auf Orest's Bekehrung und ein still glückliches Familienleben für diese holde Corona hoffte. Als die Stunde näher kam, kleidete sie sich bräutlich und festlich in weisse Seide, und einen Schleier von schwarzen Spitzen warf sie verhüllend um Haar und Schultern. Regina's Rosenkranz schlang sie als Armband um und küsste zärtlich das kleine Kruzifix, dies Zeichen der Gnade, des Heiles, der Versöhnung, unter das sie sich flüchtete, um es dann in ihr Herz aufzunehmen. Was Hyazint von den ersten Christen gesagt hatte: "Begraben mit Christus!" das klang durch ihre Seele. Es kann nicht anders sein, sprach sie zu sich selbst; wer das Geheimnis der Erlösung erfasst hatnicht in seiner Tiefe und Grösse, denn das vermag kein geschaffener Geist! aber nach dem Mass seiner Erkenntnis; für den muss es heissen: Liebe um Liebe, Opfer um Opfer, Kreuz um Kreuz. Gegenüber einer Gottesliebe! die der menschlichen natur eine himmlische Würde und Bestimmung gibt, um durch solche Gaben ihr Herz in den Himmel zu ziehen: da kann der Mensch, dem das Licht des Glaubens in der Seele sagt, nicht in seiner Selbstsucht und in seinen Leidenschaften bleiben. Er muss sie zu überwinden suchen, sie müssen absterbenam Kreuz. So wird er mit Christus gekreuzigt und begraben, um in übernatürlicher Weise mit Christus zu leben. – –

Durch die Totenstille der ersten Frühe hörte Judit einen Wagen kommen.