Eivilisation ist die gute Erziehung der menschlichen Gesellschaft; folglich bedarf auch sie jenes ewigen Gesetzes und der Ausübung desselben. Da nun die Kirche, und sie allein! es aufrecht hält, so ist sie die Bannerträgerin, welcher die zivilisation folgt – wie sie das genügend bewiesen hat, seitdem sie die Katakomben verliess – und ihren Feinden bleibt nichts übrig, als sich in Taten und Worten des Hasses zu erschöpfen. Ihre Feinde sind alle, welche jenem ewigen Gesetz nicht gehorchen wollen, nicht das Leben in der Zeit als eine Erziehung für das ewige Leben betrachten wollen. Auf dem Punkt steht der arme Graf Orestes. Dass Sie, Judit, aus allen Elementen der Rebellion und der Gegnerschaft, in Ihnen und um Sie, heraustreten – und dass Sie das süsse Joch des Gehorsams aus Liebe frei annehmen, beweist einmal wieder, wie keine Seele ihr zu fern, zu fremd, zu empörerisch, zu unbändig ist, um nicht ein Reis des himmlischen Ölbaumes, Christus, auf diesen Wildling zu verpflanzen."
"So wird man ein Christusträger; nun verstehe ich es," sagte Judit.
"Wir nennen es Kreuzträger," entgegnete Lelio lächelnd. "In der Kreuztragung erscheint Christus uns am leidenvollsten und am demütigsten. Es ist billig, dass die dankbare Liebe sich ihm in dieser Gestalt verähnliche."
"Wie schön ist das Kreuz!" rief Judit; "es setzt einen Dämpfer auf das Instrument unserer Seele, damit alle Töne in Milde zusammen- und dahinfliessen."
"Ja, ja! das Kreuz ist ein vortreffliches Werkzeug der Abtötung!" rief Lelio. "Kann auch nicht anders sein, da Gott selbst es dazu erfunden hat." – –
Judit ahnte, dass das christliche Leben neue Horizonte vor ihr entrollen werde. Sie freute sich, gerade am Vorabende der hehren Feier, welche sie dem mystischen Leib Christi einverleiben sollte, in den Katakomben gewesen zu sein.
"Möchte ich hier die Liebe der Martyrer eingeatmet haben," sagte sie, als sie die erhabene Stätte verliessen.
Am Abend waren sehr viele Menschen bei ihr. Das war ihr lieb! nun brauchte sie nicht viel zu sprechen. Doch nahm sie sich zusammen, um sich nicht allzu sehr ihren Gedanken hinzugeben, denn Orest beobachtete sie scharf. Er sah finster wie die Nacht aus und fieberhafte Unruhe gab sich in seinem Äussern kund. Als man um Mitternacht auseinanderging, wollte Judit auch Orest entlassen, aber er sagte:
"Ich bitte um einen Augenblick Gehör, Judit, und um Beantwortung einiger fragen."
Sie neigte zustimmend ihr schönes Haupt.
"Werden Sie heute wieder eine nächtliche Exkursion machen?" fragte er.
"Da Sie, wie es scheint, Florentin als Spion brauchen," sagte sie kalt, eingedenk ihrer Begegnung, "so hätte er Ihnen mitteilen müssen, dass ich um sieben Uhr ausgegangen und um acht Uhr heimgekehrt bin."
Orest freute sich, trotz Florentins hämischen Warnungen, über diese Auskunft. Er konnte es nicht lassen, an Judits Aufrichtigkeit zu glauben. Er fragte weiter:
"Werden Sie meinen Bitten Gehör geben und sich nach einem akatolischen Ritus taufen lassen?"
"Nein."
"Warum nicht?"
"Weil Christus, der Erlöser, in der katolischen Kirche ist und ich ihn nicht verleugnen kann."
"Und wir sollten getrennt werden?"
"Gott will es."
"Der Priester will es!" fuhr Orest mit einem schneidenden lachen auf.
"Hat je ein Mensch meinen Willen bestimmt?" fragte sie kalt.
"Welche Pläne für die Zukunft haben Sie?"
"Gar keine."
"Und das soll man glauben?"
Judit schwieg. Orest wiederholte nach einer Pause:
"Und das soll ich glauben?"
"Das hängt von Ihnen ab. Ich sage die Wahrheit."
"Werden Sie mir zu entfliehen suchen?"
"Ich bin nicht Ihre Gefangene, dass ich wüsste! Aber es wird gut sein, dass sich ein Stückchen Land oder Meer zwischen uns lege."
"Denken Sie nur nicht an heimliche Flucht!" drohte er.
"O," seufzte sie aus tiefster Brust, "ich denke an nichts, als das Gewand der heiligmachenden Gnade in der Taufe für meine Seele zu erwerben!"
"Also Sie denken nicht daran, sich heute oder morgen auf die Flucht zu begeben?"
Judit besann sich und sagte: "Nein." Es schien ihr am geratensten, vorderhand in Trinità dei Monti zu bleiben.
"Also noch ein paar Tage der Hoffnung!" rief Orest. "Schweige!" setzte er hinzu, als sie eine verneinende Bewegung machte; "o schweige! so lange ich Dich sehe, hoffe ich." – –
Er ging zu Florentin, teilte ihm das lakonische Gespräch mit und sagte zuletzt:
"Sie hat also noch keinen Plan für die Zukunft; das tröstet mich. Vielleicht kann ich sie dennoch gewinnen."
"Du bist einzig mit Deinem hyperkindlichen Vertrauen!" rief Florentin, der ausser sich vor Erbitterung bei dem Gedanken war, dass seine zwiefachen Hoffnungen als Demokrat und freier Denker an Judits Übertritt zur katolischen Kirche scheitern sollten. "Kennst Du denn nicht die Art der Frauen? sie lügen nicht und sagen Dir doch nicht die Wahrheit, die Du wissen willst."
"Deine Erfahrungen mögen Dich zu dieser Behauptung drängen," entgegnete Orest verächtlich. "Judit ist anders."