lieben seligen Mutter."
Der Graf beobachtete Regina mit einer fast ängstlichen Spannung. Nichts wäre ihm erwünschter gewesen, als in Reginen "den zündenden Funken der Liebe" zu Uriel wahrzunehmen, von dem zuweilen in Romanen gesprochen wird. Das war aber unmöglich! sie hielt sich entschieden am meisten zu Hyacint, der nur ein Jahr älter als sie, und früher ihr unzertrennlicher Gefährte gewesen war. allmählich legten sich die Wogen der Aufregung, welche mit einem Wiedersehen nach langer Trennung verbunden sind, und der Graf sagte:
"Nun, meine Buben, tut und treibt, was Ihr wollt und amüsiert Euch. Den Weg zum Pferdestall kennt Ihr und zur Gewehrkammer auch. Die Hühnerjagd floriert! Bei jedem Schritte durch die Felder knattert eine Kette Rebhühner wie eine lebendige Rakete in die Höhe."
"Als ob ich's geahnt hätte!" rief Orest, ein wütender Jäger. "Vor acht Tagen erst kaufte ich einen famosen Hund, um schweres Geld freilich! aber er ist's wert, der Nimrod! dressiert wie ein preussischer Soldat! der soll uns gute Dienste tun."
"Und in acht Tagen," fuhr der Graf fort, "haben wir einen Ball. Dann ist Reginens Namens- und Geburtstag, und den wollen wir endlich einmal wieder feiern und uns freuen, dass wir beisammen sind."
"Tanzest Du gern, Regina?" fragte Uriel.
"Nein!" sagte sie sanft und fest.
"Frage sie doch nicht, Uriel," rief der Graf; "darauf kann sie Dir nicht antworten, denn sie hat ja noch nie einen Ball erlebt."
"Und im Kloster zu tanzen, das mag nicht sehr amüsant sein," bemerkte Florentin.
"Im Kloster wird überhaupt nicht getanzt, lieber Florentin," entgegnete Regina. "Im Pensionat bekommen die Zöglinge Tanzunterricht so gut wie jeden anderen."
"Nun, dass d e r himmelweit verschieden von einem Ball ist, versteht sich von selbst und folglich hat Regina kein Urteil über den Tanz," sagte der Graf entscheidend.
"Vielleicht lern' ich es noch, lieber Vater," entgegnete Regina. "Mit meinen Fortschritten im Reiten bist Du ja nicht unzufrieden."
"Bravissimo! Du reitest, Regina? – allen Respekt!" rief Orest. "Tanzen kann jede junge Dame. So gottverlassen ist keine, um nicht einigermassen gut zu tanzen; aber reiten ...."
"Reiten ist für eine junge Dame ein übernatürliches Talent," warf Florentin hin.
"Vielleicht weisst Du auch mit dem Gewehr umzugehen?" fragte Orest; "oder doch wenigstens mit Pistolen?"
"Warum nicht gar mit der Cigarre," sagte Uriel unmutig.
"Ich sehe schon, dass meine Erziehung sehr vernachlässigt ist," erwiderte Regina munter.
"Die Cigarre ist vor der Hand zu viel der Vollkommenheit," fuhr Orest fort. "Wir müssen erst sehen, ob Du im stand bist, die Allüren einer Lionne anzunehmen."
"Einer Löwin!" rief Corona entsetzt und schlug ihre hände zusammen. "Regina ... und eine Löwin!"
"Kinder, Ihr seid aber wirklich schlecht erzogen," fuhr Orest fort; "nun wisst Ihr nicht einmal, dass eine Lionne keine Löwin ist ..."
"Sondern was denn?" fragte Corona gespannt.
"Orest! besinne Dich auf die Antwort!" rief ihm Uriel zu, dem des Bruders burschikoser Ton mit den Cousinen höchst unangenehm war.
"Brauch mich gar nicht zu besinnen," erwiderte Orest, "ist weltbekannt – ausgenommen im Sacré Coeur. Der modische Kunstausdruck für eine etwas exzentrische, brillante, hyperelegante, durch allerlei liebenswürdige Torheiten berühmte Frau – ist Lionne. Verstehst Du jetzt, Corona?"
"Nein!" sagte die Kleine treuherzig.
Der Graf belustigte sich über allemassen an diesen Gesprächen. Levin legte die Hand auf Coronas lockiges Haar und sagte zu ihr:
"Wer viele Vettern hat, muss viele Neckereien aushalten, Corona. Du kannst Dich jetzt in der Geduld üben."
"Ich werde suchen, mich zu wehren, Onkel Levin," versetzte sie unverzagt.
"Brav, Corona!" rief Orest, "aus Dir kann vielleicht eine Lionne werden."
"Dann hüte Dich vor mir!" rief sie.
Seit langer Zeit war es auf Windeck nicht so lustig hergegangen, wie eben jetzt. In dem allgemeinen Rausch von Vergnügen und Wohlbehagen blieben nur Onkel Levin und Regina im gewohnten Gleichmute. Regina tat und trieb, was die übrigen taten und trieben. Man wollte spazieren reiten – sie ritt mit; auf dem wasser fahren – sie fuhr mit; Billard spielen – sie spielte mit. Sie war zu allen diesen Dingen freundlich bereit; aber sie liess sich keinen Augenblick aus ihrem inneren Gleichgewichte bringen. In der stillen Morgenfrühe, ehe irgend einer von den Dienstboten sichtbar war, stand sie schon auf und eilte in die Kapelle, die einzige Stätte des Schlosses, die einsam blieb und wo nur der Unterschied gegen sonst stattsand, dass Hyazint sehr andächtig dem Onkel Levin bei der Feier des heiligen Messopfers diente. Im Laufe des Tages wusste sie immer ein paar Stunden zu finden, um sich unbemerkt zurückzuziehen. Dann schlüpfte sie auf ihr Zimmer, las, musizierte oder nahm ihren Hut und besuchte kranke und arme Leute, wie sie das früher mit ihrer Mutter getan hatte. Ihr