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Judit; "aber Sie dürfen nicht vorfahren, sondern lassen den Wagen in einiger Entfernung auf dem Corso halten und kommen dann zu Fuss an die kleine Pforte, wo ich auf Sie warte."

"Diese Heimlichkeit hat ja in der Tat etwas Ähnlichkeit mit jener Zeit, wo die heidnische Verfolgung wütete und wo die Christen sich zur Feier des heiligsten Messopfers und zum Empfang der Sakramente bei nächtlicher Weile in den Katakomben versammelten, ja sogar zeitweise in ihnen lebten. Die Verfolger kannten weder die Ein- und Ausgänge dieses unterirdischen Labyrintes, noch die Wege und Stege innerhalb desselben; und so wurden die Grabkammern der Toten zugleich die Wohnstätte der Lebenden. Mancher, der in den Katakomben das Bad der Wiedergeburt im Blut Jesu empfangen hatte, verliess sie nur, um in der Arena sein Blut für das Bekenntnis eines Glaubens zu verspritzen, dessen höchste Gnade, Vergebung der Sünden und Teilnahme am eucharistischen Opfer, ihm soeben geworden war."

Sie durchwandelten die Katakomben, die sich unterhalb der Kirche von St. Sebastian befindendiese dunkeln, kellerhaften, unregelmässigen Gänge, die zuweilen eng und niedrig, zuweilen breit und hoch fortlaufen, und in deren Wände sich die zugemauerten Grabnischen der Christen befinden, welche diese unzugängliche Stätte zu ihrem Dom und zu ihrem Gottesacker machen mussten, weil die heidnische Welt sie nicht auf der Erde dulden wollte.

"Wie ist es möglich, an der göttlichen Stiftung der Kirche zu zweifeln, wenn man die Geschicke der ersten Jahrhunderte erwägt!" rief Judit, nachdem Lelio ihr Einzelheiten über die Grausamkeit der Verfolgung und die Standhaftigkeit der Martyrer mitgeteilt hatte. Was nur irgend zerstörend und auflösend wirkt: die Macht des Trones, der Hass des Unglaubens, der Druck der Masse, die Verachtung der sogenannten Gebildetenalles wälzt sich auf sie und zwar mit den gewalttätigsten und giftigsten Mitteln. Aber sie wich keiner Gewalt und jedes Gift schied sie ausund mit demselben Glauben, mit dem sie in die Katakomben hineingegangen war, ging sie nach drei Jahrhunderten aus ihnen hervor. So etwas ist ohne die Leitung des heiligen Geistes und ohne die Gründung auf eine übernatürliche Basis ganz unmöglich. Mir däucht, es müsste sich jeder, der guten Willens ist und diese Geschicke bedenkt, zu ihr bekehren; denn nur in ihr ist er auch objektiv sicher, die Lehre zu besitzen, welche die ersten Christen geglaubt haben, weil ein Lehrgebäude, das auf übernatürlichem Felsen ruht und vom heiligen Geist in Unantastbarkeit erhalten wird, notwendig ein unfehlbares sein mussund das Unfehlbare ist ewig unveränderlich; während es doch ganz unmöglich ist, von einem menschlichen Lehrsystem so etwas zu glauben oder zu behaupten. Ich finde diese Unveränderlichkeit der Lehre in einer veränderlichen Welt, deren Strömungen ja auch auf die menschlich-schwachen Glieder der sichtbaren Kirche nicht ohne Einfluss sindetwas so Göttliches, ein solches Wunder über alle Wunder, eine solche Beglaubigung als himmlische Stiftung, dass ich eher Florentins rohe Negation aller göttlichen Offenbarung begreife, als Orests Vorschlag, eine Offenbarung ausserhalb der katolischen Kirche anzunehmen. Jener sagt: es gibt keine objektive ewige Wahrheit, denn meine Sinne empfinden sie nicht, und mein Verstand verwirft sie. Gut! das ist der Ausdruck der gefallenen natur in höchster Potenz, auf der äussersten Stufe der Brutalität. Aber Orest! welche Verwirrung des Verstandes und Verirrung der Vernunft, um die ewige Wahrheit irgendwo anders zu suchen oder zu glauben, als dort, wo der Welteiland sie niedergelegt hat. Ach, Lelio! was wird aus Orest werden!"

"Gram um unsere irrenden Brüderdas ist katolisch, teure Judit," entgegnete Lelio. "Den werden Sie nicht los bis zu Ihrem letzten Atemzug und umso weniger, je mehr Sie die Kirche als Wunder aller Wunder Gottes erkennen und in dem eucharistischen Christus, den sie liebend und anbetend im süssen hochheiligen Opfer auf ihren Altären hegt, die Besiegelung dieses Wunders umfassen. Die Kirche, die den eucharistischen Christus besitztist die ewig lebende Stiftung der göttlichen Liebe, denn ihr Mittelpunkt ist sein ewig lebendiges, wahrhaft und wesenhaft gegenwärtiges Herz. Und weil sie das ist und das hat, so ist sieund nur sie! für alle zeiten der Welt ihrer Fortdauer gewiss und ihrnur ihr! gehört die Zukunft an. Das wussten die alten todesfreudigen Martyrer. Der eucharistische Christus war der Nerv ihres Lebens, ihres Todes. Sie starben mit ihm für uns. Sie glaubten nicht im stand zu sein, die namenlosen Schrecknisse der vervielfältigten Folterqualen aushalten zu können, wenn sie nicht zuvor mit ihm durch die heilige Kommunion sich vereinigt hatten. Daher wendeten die Anverwandten und die Priester alle Mittel an, die grössten Geldsummen auf, um in den Kerkern, wo die Verurteilten schmachteten, das heilige Messopfer zu feiern und ihnen den Leib des Herrn zu spenden. Und wir, Judit, wir ihre Nachfolger in der grausigen Arena der Welt, wie Sie sagen, wir sollen ja auch Martyrer am Herzen werden, indem wir ihm durch die Flammen der heiligen Liebe alles Ungöttliche und Irdische langsam, langsam, lebenslang ausbrennen lassen. Wir sind ja auch Gefangene im Kerker des Leibes, Verurteilte zum tod, Verurteilte, die zuvor Meere von Trübsal und Drangsal durchschwimmen müssen und immer Kopf und Herz höher behalten müssen, als ihre Wellen und Fluten. Was gibt uns dazu den Nerv und den langen Atemzug? der eucharistische Christus! Er bevölkerte die alte Welt mit Martyrern und die späteren Tage mit Martyrernimmer mit d e r