1860_von_Hahn_Hahn_162_267.txt

" brach Orest aus.

"Genug!" rief Judit entschieden. "Lassen wir dies Gespräch fallen, teurer Orest. Es kommt nicht auf Worte an, sondern auf die Tat. Gott zeigt mir meinen Weg .... und der führt mich von Ihnen fort. Könnte ich mit meinem Blut die Judit aus Ihrer Vergangenheit verwischenso würde ich es mit Freuden vergiessen! vielleicht nimmt der barmherzige Gott statt dessen meine Tränen an. Unsere Trennung aber ist unerlässlich. Der Gatte einer anderen Frau kann nicht der meine sein. Und wenn Sie zu einer akatolischen sekte abfallen und sich nach deren Prinzipien von Ihrer Gemahlin scheiden wollten: so könnte dadurch weder die objektive Wahrheit der kirchlichen Lehre, noch meine Überzeugung die Veränderung eines Atoms erleiden. Christus lehrt die Unauflöslichkeit der Ehe, die Kirche ist nur sein Organ! In welcher zügellosen Empörung der bösesten Leidenschaften, in welcher trostlosen Verkehrteit des Verstandes und Willens muss sich ein Menschengeist befinden, um die Ehe aus der himmlischen Gnadenordnung, die Christus ihr angewiesen hat, heraus zu reissen und sie zu berauben der sakramentalischen Weihe, des edlen Purpurgewandes, das sein Blut ihr gibt. Nein, Orest, wir wollen nicht zu diesen Unseligen gehören!"

"Und Sie bilden sich wirklich ein," fragte er mit finsterem Hohn, "dass die Sache damit abgetan wäre?"

"Keineswegs! für mich beginnt die Busse."

"Welch Gaukelspiel bezeichnen Sie mit diesem Wort?"

"Die Umkehr der Seele zu Gott. Was ich verachtet habe, will ich lieben: Gott. Was ich geliebt habe, will ich verachten: mich selbst."

"Judit!" rief er, immer von Neuem unter ihren Zauber zurückfallend, "Du bist und bleibst ein göttliches geschöpf!"

"Das wird mir nicht leicht werden," fuhr sie fort, ohne seinen Ausruf zu beachten. "Ich habe mich sehr lieb gehabtund gemäss dieser Liebehatte ich mir die Zukunft ausgemalt. Das ist nun vorbei .... Sie dürfen mir glauben, meine Busse wird kein Gaukelspiel sein."

Tränen traten in ihre Augen; aber sie schüttelte sie von den Wimpern und rief: "Heil mir! ich darf das Kreuz umfangen!"

"Nein!" rief Orest, "wirf es weg! es kostet Dir Tränen!"

"Es hat meinem Erlöser sein Blut gekostet: ich behalte es ... und ich hoffe, Orest, es kommt der Tag, wo auch Sie es annehmen werden."

Er hub bitter zu lachen an. Judit machte eine Bewegung, in den Salon zu gehen. Er stürzte ihr in den Weg und rief:

"Barmherzigkeit! verlass mich nicht .... nicht so plötzlich .... nicht gleich! Versprich mir das!"

"Ich verspreche nichts, Orest, ich weiss ja selbst noch gar nicht, was aus mir wird."

"Ha!" rief er, "Du weisst es nichtaber ein anderer wird es wissen ... Dein Priester, nicht wahr? Der soll über Dich bestimmen, und Du, der Unabhängigsten eine, willst ihm folgen, wie ein unmündiges Kind! Liebst Du ihn denn so grenzenlos?"

"Man muss gewiss eine grenzenlose Liebe zu Gott haben," entgegnete sie sanft, "um auf Kundgebung des göttlichen Willens zu harren, wenn man gerne einen raschen Entschluss fassen möchte."

"Mich zu verlassenschon heutenicht wahr?" rief er in fürchterlicher Aufregung.

"Nein," sagte sie, "heute nicht .... gewiss nicht. Und jetzt begleiten Sie mich in den Salon."

Er folgte ihr. Aber er ging hindurch und zu Florentin.

Die Taufe

Judit hatte an Lelio sagen lassen, sie wünsche am Nachmittag die Katakomben von St. Sebastian in seiner Begleitung zu besuchen und sie werde ihn abholen. Um zwei Uhr empfahlen sich die Leute, die bei ihr waren, und ihr Wagen fuhr in die Einfahrt an die Treppe. Als sie mit Madame Miranes hinabgehen wollte, stürzte Orest ihr aus Florentins Zimmer leichenblass und aufgeregt entgegen und rief:

"Wohin, Judit? .... wohin?"

"Nach den Katakomben. Wollen Sie uns nicht begleiten?" erwiderte Judit.

"Nein, ich danke Ihnen! ich kann nicht! aber wann kommen Sie wieder?"

"Gegen sechs Uhr, zur Essstunde."

"Gut!" sagte er und trat in Florentins Zimmer zurück.

"Was fehlt dem Grafen Orestes? er sieht zum Erschrecken aus," sagte Madame Miranes.

"O! er ist sehr zu beklagen!" seufzte Judit.

Da Madame Miranes die unterirdischen Expeditionen, wie sie sie nannte, und den Qualm der Pechfakkeln verabscheute, so liess sie sich von ihrer Tochter zu einer Bekannten bringen, so dass Judit zu ihrer grössten Freude mit Lelio allein war und ihm ungestört alles mitteilen konnte, was seit gestern ihr begegnet war und was sie unwiderstehlich zum Entschluss drängte.

"Hab' ichs Ihnen nicht prophezeit!" rief er frohlokkend; "durch das Auge der Welt erkennen Sie die göttliche Wahrheit."

"Ja," sagte Judit mit einem Anflug von Traurigkeit, der noch der gefallenen natur angehörte; "ja, die Erkenntnis des Göttlichen erheischt Bekenntnis. Kein edles Herz verleugnet seine heiligsten Überzeugungen ... denn kein edles Herz lügt. Aber Lelio, es kostet mich