betrifft, gar kein Unterschied; und Deine Liebe bewegt sich in grösserer Freiheit, also in schönerer Entfaltung, denn sie schliesst auch mich in ihren Kreis ein."
"Und Gott aus, teurer Orest!" sagte Judit. "O begreifen Sie denn nicht, dass der Glaube seine Verpflichtungen nach sich zieht? Als Sie Soldat waren – genügte es da etwa, dass Sie sagten: Ich diene meinem Kaiser! oder: Mein Kaiser ist der grösste Kaiser der Welt! Keineswegs! Sie mussten Ihre Ergebenheit durch Gehorsam und Hingebung äussern, und Blut und Leben für Ihren Kaiser in die Schanze schlagen – und gerade da, wo Ihr Dienst es erheischte. Sie durften nicht sagen: Vor den Mauern von Wien – oder in der ungarischen Pusta will ich ihm dienen; nein! es musste geschehen in den Gefilden der Lombardei. Und dies Gesetz im natürlichen Leben: Gehorsam dem höchsten Herrn; sollte im übernatürlichen nicht gelten? Ich glaube, dass der Sohn Gottes für mich am Kreuz gestorben ist, um mich auf dem Wege seiner Nachfolge zur ewigen Seligkeit zu führen, für die er mich geschaffen hat. Glaube ich das, so muss ich mich den Lehren und Vorschriften unterwerfen, die Er zu diesem Zweck gegeben hat. Verfehle ich mich aus Schwäche oder unvollkommener Erkenntnis gegen sie: so findet die demütige, bussfertige Reue Vergebung. Widersetzt sich aber mein Wille aus böser leidenschaft seinen Lehren und Geboten: so treib' ich Spott mit meinem Gott – und zwar einen ganz anderen Spott, als wenn Sie etwa sagen würden: Ich liebe meinen Kaiser innigst, und um ihm das zu beweisen, trete ich aus seinem Dienst und gehe zum türkischen Sultan – der jetzt auch Krieg hat und schlage mich für dessen Sache; ein Spott, der Sie entweder dem Irrenhause oder der allgemeinen Verachtung überweisen würde. Nein, Orest, wir müssen Dem dienen, der unser rechtmässiger Herr ist. Da nun zu den Glaubenslehren, die unser göttlicher Herr offenbart hat, auch die von der Unauflöslichkeit der Ehe gehört: so müssen wir dieselben mit allen übrigen Offenbarungslehren – entweder annehmen oder verwerfen. Ich nehme sie als ein Ganzes an, wie das nicht anders sein kann, da sie aus Gott geboren, von Gott gegeben ist. Was Sekten annehmen oder verwerfen, betrifft mich nicht! sie sind Menschenwerk, und ich habe mit Gott zu tun. Widersprechen sie seiner Lehre, so sind sie im Irrtum: das ist sonnenklar."
"Sonnenklar ist es," rief Orest mit verzweiflungsvoller Geberde, "dass der finstere Geist des Priestertums sich mit satanischer Schlauheit Ihrer bemächtigt, Ihren Verstand umwölkt, Ihr Urteil umnebelt hat. Dem lichten Geist der letzten Jahrhunderte, mit seiner Bildung, seiner Wissenschaft, war es unmöglich, mit einer Lehre sich zu befremden, die in den dumpfen Hörsälen des Mittelalters von der scholastischen Teologie ausgebrütet ist."
"Teurer Orest," unterbrach Judit ihn lächelnd, "verlieren Sie sich nicht in Florentins Phrasen und Floskeln. Sein Ingrimm gegen die katolische Kirche hat nicht wenig dazu beigetragen, mich auf ihre Vortrefflichkeit aufmerksam zu machen; denn das können Sie mir glauben: nicht um seiner – sondern um ihrer Tugend willen hasst er die Kirche."
"Das weiss ich!" rief Orest.
"Und doch leben Sie auf vertrautem Fuss mit ihm, gönnen ihm Einfluss!" sagte Judit warnend.
"Er ist ja auch Ihr Hausgenosse!"
"Mein Gott!" erwiderte sie schmerzlich, "die jüdische Sängerin muss vorlieb nehmen! Als Lelio sich bekehrte, verliess er mich; Leute von Florentins Schlag aber drängen sich an mich! übrigens habe ich nie dem armen Florentin – und zwar zu seinem grössten Verdruss – auch nur den geringsten Einfluss zugestanden und deshalb staune ich, dass Sie mit seinen hohlen Worten reden mögen. So unbewandert in der Kulturgeschichte soll niemand sein, der auf Bildung Anspruch macht, um nicht zu wissen, dass an der Lehre der katolischen Kirche Geister sich entwickelt haben, die wie Titanen die Pygmäen der neueren Zeit überragen. Teurer Orest! die Lehre, welche dem Genie eines Dante Grundlage und Nahrung gab – welche seiner Wissenschaft von menschlichen und göttlichen Dingen nicht als Beschränkung erschien: die Lehre wird der entwicklung unserer geistigen Fähigkeiten auch keinen Schaden tun. Ich bin weder betört, noch umgarnt. Ich habe nur Das getan, was viele, viele Millionen vor mir getan haben: ich habe die frohe Botschaft des Evangeliums angenommen. Diese Botschaft auszubreiten, ist die heilige Sache des Lehramtes in der Kirche, das Christus gestiftet und ihm die Verheissung gegeben hat, bei ihm zu sein alle Tage bis an's Ende der Welt – und das jener Erzbekehrte meines Volkes, der Apostel Paulus: 'die Säule und Grundfeste der Wahrheit' nennt. Der Priester ist der gottgesandte Verkündiger des Evangeliums."
"Also ein höheres Wesen, dem man blind zu vertrauen hat, nicht wahr?" fragte Orest zitternd vor Zorn.
"In Sachen des Glaubens hat man ihm zu vertrauen – ja," entgegnete sie ruhig.
"Ist er jung oder alt .... Ihr Priester!" rief Orest, der sich um so weniger mässigen konnte, als Judit sich nicht aus ihrer Gelassenheit bringen liess.
Sie entgegnete mit der stillen Einfachheit, die eine Beleidigung gar nicht an sich heran kommen lässt:
"Der Priester ist der übernatürliche Mensch. Er hat kein Alter."
"O Schlange, die mir ausweicht!