wollte, klopfte an und wartete kaum Judits "Herein!" ab, um einzutreten. Sie sah befremdet über ihren Schreibtisch hinweg ihn an, schloss ruhig ihr Portefeuille, nickte ihm zu und sagte, ohne ihren Platz zu verlassen:
"Wie kommt es, Graf Orestes, dass Sie mich schon zum zweiten Male in diesem Zimmer aufsuchen, in welchem ich mich doch nur dann aufhalte, wenn ich allein sein will?"
"Da Sie in diesem Zimmer den Herren Geistlichen Audienz erteilen, so darf ich doch wohl dasselbe Recht beanspruchen," entgegnete Orest gereizt.
Auf Judit's Lippen schwebte eine stolze Antwort; allein sie bemeisterte sich und sagte sanft:
"Wenn Ihr Anliegen eine so ungestörte Besprechung mit mir erfordert, wie das meine mit dem Geistlichen, so sein Sie willkommen!"
Sie stand auf, setzte sich auf die Causeuse am Kamin und sagte, mit ihrem grossen grünen Fächer spielend, aber innerlich beklommen:
"Ich bin ganz Ohr, Graf Orestes."
Er ging im Zimmer auf und nieder, blieb plötzlich vor ihr stehen und rief:
"Judit! es ist mir ein wahrer Greuel, dass die Religion bei unserer Liebe ein Wort mitsprechen will. Könnte ich um meinen beabsichtigten Übertritt vom Katolizismus zum Protestantismus herum kommen: ich würde mein halbes Vermögen drum geben, denn ich spiele nicht gern religiöse Farcen und sehe sie auch nicht gern. Aber, Judit, es ist der Weg, der einzige, zu Ihrem Besitz. Ich gehe ihn .... und führte er durch die Hölle .... oder zu ihr. Deshalb ertrage ich nicht die Vorstellung, dass dieser religiöse Wirrwarr vergrössert werden soll, indem Du, Geliebte, gerade dem Katolizismus, den ich verlasse, Dich zuwendest. Ach Judit, es ist ja schon so vieles vorhanden, das uns trennt, – wozu denn auch noch das Glaubensbekenntnis? Ich weiss, dass wir dies früher anders besprachen; dass ich leicht meine Zustimmung gab. Doch jetzt, wo für uns Beide der Schritt nah und näher kommt, jetzt quält mich alles, was wie eine Kluft zwischen uns aussieht. Und deshalb, geliebte Judit, bitte ich auf den Knien um den geringen und einfachen Liebesbeweis, dass Du dich nach irgend einem akatolischen Ritus taufen lässt. Es gibt hier anglikanische Geistliche genug; ich selbst kenne einige von meinen Jagdpartien her – vortreffliche Schützen! Sie werden mit Freuden diesem Wunsch entgegenkommen."
Während Orest sprach, fühlte Judit, dass die Stunde ihres Bekenntnisses und die Strafe ihrer Sünden da sei. Aber sie sprach zu sich selbst: Ich werde meinen Glauben nicht verläugnen, nicht Orest vierundzwanzig Stunden täuschen! Gott will es nicht. Wär' es sein Wille, so wäre Orest nicht gerade heute mit dieser Bitte gekommen. Morgen soll ich getauft werden und heute hintergehen! ... das kann ich nicht .... breche über mich ein, was da wolle.
"Teurer Orest," entgegnete sie mit einer weichen Innigkeit, die sonst durchaus nicht in ihrem Wesen lag, "ich bin auf dem Wege des Glaubens zu nah an die ewige Wahrheit heran getreten, um jetzt wieder umkehren zu können. Ich halte die Glaubenslehre der katolischen Kirche für die einzig wahre göttliche Offenbarung. Hat man diese Überzeugung, so ist es Feigheit, sie zu verläugnen; Sünde .... sie aufzugeben."
"Also richtig! also wirklich!" ächzte Orest. "Betört, umgarnt, verloren!"
"Das alles war ich!" entgegnete Judit sanft. "Gottes Barmherzigkeit rettet mich .... und will auch Sie retten."
"Ha, Schlange!" rief Orest ausser sich. "Schlange, der ich mein Herz, mein Leben, mein Glück hinwarf! ist dieser Verrat der Lohn meiner Treue!"
"Ich verrate Sie nicht, Graf Orestes. Sie haben gewünscht – nicht ich! – dass ich die christliche Taufe empfangen möge. Wir knüpfen beide irdische Hoffnungen daran; ... ich hatte ja keine Ahnung von himmlischen! Die göttliche Liebe gewährt mir diese, indem sie jene zerstört. Ist das Verrat?"
"O Schlange, die dem Priester Gehör gibt, seiner Weisung folgt, ihm gehorcht, ihm glaubt – mir aber den kleinen armseligen Wunsch versagt, demjenigen religiösen Bekenntnis sich anzuschliessen, dem ich, aus grenzenloser Liebe zu ihr, folgen will."
"Wehe mir, wenn es dahin mit Ihnen käme, teurer Graf. Ich bin so unglücklich gewesen, Sie der heiligen Kirche zu entfremden – o lassen Sie mir die Hoffnung, Sie zurückzuführen."
"Wissen Sie denn nicht, dass wir dann auf immer getrennt sind?"
"Teurer Orest, wir sind es in jedem Fall," sagte Judit mild aber bestimmt.
Er fasste ihre beiden hände über dem Gelenk in seiner Hand wie in eiserner Klammer zusammen, riss sie von der Causeuse empor und rief mit einem so wilden Ausdruck: "Wiederhole das und ich töte Dich!" dass Judit voll Entsetzen innerlich seufzte: O Herr, erbarme dich meiner! und dann gefasst sagte:
"Wohlan, Orest, töten Sie mich! ich hab' es verdient."
Grimmig rief Orest, indem er immer ihre hände festielt und zuweilen wütend schüttelte:
"Schlange, die mich Jahrelang mit ihrem blick bezaubert, mit ihren Windungen umringelt hat .... Schlange, die klug nie Gewährung gab, nie Hoffnung