, der schon zwei Stunden auf den Herrn Grafen warte.
"Wo bleibst Du denn heute!" rief ihm Florentin höchst aufgeregt entgegen; "ich habe Dir äusserst wichtige Nachrichten mitzuteilen."
"Von der Central-Venta oder aus dem Grand-Orient?" fragte Orest schneidend. "Ich habe auch Nachrichten bekommen. Onkel Levin ist tot."
"Den Verlust wirst Du doch leicht verschmerzen," erwiderte Florentin kalt. "Die religiösen Schwärmer können unmöglich Deine Freunde sein! Also ist er tot, der alte Mann! wie er sich betrogen hat im Leben durch diese schwärmerische Verschmähung alles Schönen, das es bietet!"
"Das ist noch die Frage, die wir nicht lösen können! .... Du gewiss nicht! – Auch Regina ist tot!"
"Regina!" rief Florentin erbleichend und mit versagender stimme; "o Jammer um sie!" Doch schnell gefasst setzte er hinzu: "Da siehst Du es: dem finsteren fanatischen Geist der katolischen Kirche ist sie als Opfer gefallen. Orest! Orest! rette Judit! ich sage Dir: es gibt eine Sorte von Weiberköpfen und – man muss es leider gestehen – auch von Männerköpfen, die sich, trotz einer entschiedenen Tendenz zur Unabhängigkeit und trotz einer lebhaften Neigung für Wahrheit, Schönheit und Grösse, dennoch von den Schlingen der Dunkelmänner einfangen und umspinnen lassen. Hast Du nicht bemerkt, was sie gestern Abend für katolische Ansichten aussprach?"
"Nein, gar nicht! ich hörte nicht w a s .... nur w i e sie sprach. Sie sah unbegreiflich schön aus."
Florentin schwieg eine Weile, legte dann mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns seine Hand auf Orest's Schulter und sagte:
"Vergib' mir, Orest, ich werde Dir wehe tun .. aber Du musst es wissen."
"Ha, Deine Nachrichten!" rief Orest misstrauisch.
"Sind zu beachten, lieber Freund! Judit hat geheime Zusammenkünfte. Heute morgen gegen acht Uhr kam sie ganz allein, raschen Schrittes zu haus. Ich selbst begegnete ihr im Tor. Um so früh heimzukehren .... wann muss sie ausgegangen sein .... und weshalb? Ich war dermassen überrascht, dass ich einen Facchino, der sich hier herum zu treiben pflegt, einen braven Kerl" ... –
"Späher der Venta, ohne Zweifel!" warf Orest ein, um seiner Aufregung etwas Luft zu machen.
"Ein sehr brauchbares Subjekt!" fuhr Florentin gleichgültig fort. "Ich trug ihm auf, etwas Acht zu geben, wer allenfalls zu Judit komme – und es mir mitzuteilen. Um halb zehn Uhr erschien er bei mir mit der Nachricht: so eben habe ein Priester Judit verlassen, sei durch das Zimmer ihrer Kammerfrau vorsichtig die Nebentreppe hinab und dann schnell zur kleinen Tür des Palastes hinausgegangen – ein grosser schlanker Mann, mit jugendlich leichten Bewegungen. Mehr konnte Gaëtano, der sich schlafend stellte, nicht wahrnehmen. Da er seit acht Uhr auf seinem Posten war und jenen schwarzen Jüngling nicht in den Palast kommen sah, so ist es klar, dass sich derselbe schon vor acht Uhr in ihrem Zimmer, ihrer Einsiedelei – wer weiss seit wann! befunden habe."
"Es ist nicht wahr!" rief Orest wütend.
"Diese Tatsachen verbürge ich Dir," entgegnete Florentin kalt und bestimmt. "Ob d a s nicht wahr ist, was Du denkst .... oder fürchtest – weiss ich nicht! allein ich rate Dir als treuer Freund, Judit auf die probe zu stellen, auf eine entscheidende."
"Ja!" rief Orest mit kochendem Zorn, "ich will sie fragen .... sie soll sich verteidigen" .... –
"Ah bah!" unterbrach ihn Florentin. "In der Kunst der Verteidigung sind die Weiber Meisterinnen! die ist ihnen angeboren. Stellt man sie auf d e n Punkt, so behalten sie immer Recht. Wäre der Advocatus diaboli an heiliger Rota ein Weib: so würde keine Kanonisation von sogenannten Heiligen zu stand kommen – s o geschickt würde dieser Advocatus die Sache des Teufels verteidigen."
"Ich könnte Dich erwürgen," sagte Orest dumpf.
"Ah bah!" wiederholte Florentin hämisch; "dann hättest Du deinen besten Freund verloren. Nein, folge meinem Rat und bitte Judit um einen ganz geringen Beweis ihrer Liebe."
"Und der wäre?" –
"Bitte sie, sich nach dem protestantischen Ritus taufen zu lassen. Willigt sie ein, so darfst Du ruhig sein; dann hat sie ihre geistige und sittliche Freiheit noch nicht verloren. Schlägt sie es ab – so weisst Du, wie es mit ihr steht und dass Du dich fortan nicht mehr auf sie verlassen kannst. Sie ist dann ein Werkzeug, welches den Plänen, Zwecken etc. etc. der Dunkelmänner blindlings gehorcht; ist um so gefährlicher, als sie klug und brauchbar ist – und Du hörst dann auf, ihr Herr und der Deine zu sein."
"Ja!" rief Orest, "das ist eine gute, einfache, vernünftige probe! ich danke Dir, Florentin, ich will sie sogleich anstellen." –
Judit war noch in ihrem Zimmer. Sie schrieb an ihren Banquier in Paris gewisse Bestimmungen über ihr Vermögen, das sich grösstenteils in der Londoner Bank befand. Orest schob den Diener beiseite, der ihn melden