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: um den Preis der Sünde. Alles für alles! dürfen Sie getrost nur zu Ihrem Herrn und Heiland sagen, denn nur Er, der das unerhörteste Liebesopfer bringt, versteht das Opfer des liebenden Herzens anzunehmen und zu vergelten. Das geschöpf versteht es nicht. Es ist etwas so Himmlisches im Menschenherzen, dass es das Gottesherz braucht, um sich daran auszuleben und auszulieben. Dann hat 'alles für alles' einen ächten Sinnund dann dürfen Sie gewiss sein, dass die Kreatur dabei nicht zu kurz kommt. Ströme von Liebe werden aus dem Liebesmeer der Gnade in ein solches Herz sich ergiessen und überfliessen .... auf Vater und Mutter, auf Gatte und Kind, auf Sünder und Heilige, auf Feind und Freund .... in Wort und Tat, in Gebet und Tränen, in unscheinbaren Werken und heroischen Handlungen. Gott ist der Ursprung dieser Liebe, Gott ist ihr letztes Ziel; in der Mitte liegt die Liebe zu den Seelen."

"Ach, gibt es denn Seelen, die sich nicht entzünden lassen von der Liebe Gottes?" rief Judit in Tränen.

Hyazint lächelte traurig und entgegnete:

"Ich dächte, Sie hätten ein lebendiges Beispiel vor Augen .... an Orest."

"Und an Florentin," setzte sie hinzu; "an Ihrem Jugendgenossen, der, vom Wahnwitz des Radikalismus ergriffen, an die Verwirklichung wilder und blutiger Teorien seine Kräfte vergeudet und in dem Schiffbruch seiner besseren Verhältnisse seit Jahren schon mein Privatsekretär ist. Da aber Lelio, der ganz auf seinem Standpunkt sich befand, sich zu Gott bekehrt hat, so kann dasselbe ja auch an Orest und Florentin geschehen"

"Werden Sie so fromm, dass der liebe Gott Ihnen nichts abschlagen kann," erwiderte Hyazint freundlich; "aber wähnen Sie nicht, dass das die Sache von ein paar Tagen oder Jahrenoder dass es überhaupt Menschensache sei. Die Bekehrung vom Irrtum zur Wahreit, von der Sünde zur Tugend ist immer eine geistige Schöpfung, also mehr als irgend etwas hieniedeneine Gottestat. Wir können nichts dabei tun, als uns Gott zum Werkzeug anbieten durch Hingebung unseres Willens. Aber wenn wir das auch in einer Vollkommenheit täten, wie wir es, ach leider! n i c h t " tun: so würden wir darum doch nicht immer den gewünschten Erfolg haben. Das Atom unserer Arbeit am Werk Gottes geht nicht verloren, wenn wir es in die unendlich wirksame Kraft des Blutes Jesu eingetaucht hatten; aber in der grossen Einheit der christlichen Kirche kann dies Atom, nach Gottes verhülltem Ratschluss, ihn mehr verherrlichen an einer Seele, die uns unbekannt ist; oder er will uns prüfen, ob wir beharrlich hoffen und glaubenauch ohne durch äussere Erfolge gestärkt zu werden, und das ist eine heilsame Prüfung, denn sie erhält uns in Demut. Und endlich gibt es ja auch Seelen, die der Gnade widerstreben wollen."

"Ach, man muss viel leiden, wenn man die Seelen liebt!" sagte Judit; "ich fange schon an, das zu begreifen. Wer sich damit abgibt, setzt das Leiden des Erlösers fort; und da diese Liebe das Merkmal und der Stempel ist, den Christus mit seinen Wunden ihr aufgeprägt hat: so zeigt sie sich gerade in diesem Leid als seine Stellvertreterin."

Judit sagte Hyazint, dass Corona ihre Taufpatin sein wolle und fragte, ob es nicht möglich sei, dass diese heilige Handlung durch Coronas Vermittlung zu Trinità dei Monti stattfinden könne; dort hätten sie ja auch ihre Zusammenkunft gehabt. Hyazint erwiderte, das sei sehr wohl möglich. Corona, in einer Anstalt des Sacre Coeur erzogen, habe hier eine der Damen wiedergefunden, welche die Lehrerin ihrer Kindheit gewesen seiund er zweifle nicht an der Bereitwilligkeit der Damen, in ihrer Kirche die heilige Feier von ihm vornehmen zu lassen und alle nötigen Vorkehrungen zu treffen.

"Nur möglichst still und schnell," bat Judit. "Es wäre mir am liebsten, morgen in aller Frühe, in den ersten Stunden des Tagesdamit Orest vorher nichts erfahre."

"Wie soll ich Ihnen eine Antwort zukommen lassen, Signora?"

"Durch Lelioer ist zuverlässig," sagte sie.

Hyazint ging auf demselben Wege zurück, auf dem er gekommen war: die kleine Treppe hinab und zur Nebentüre des Palastes, die in ein Seitengässchen führte, hinaus. Auf den untersten Stufen der Treppe lag ein Facchino und schlief. Hyazint ging vorsichtig an ihm vorüber, um ihn nicht zu stören, und eilte zu Corona. Von seinem ersten Besuch bei Judit hatte er ihr nichts gesagt, um keine voreilige Hoffnungen in ihr zu wecken und ein ähnliches Gefühl hatte auch sie geleitet, da sie ihm ihre Absicht, mit Judit eine Zusammenkunft zu haben, nicht mitteilte. Wie freute er sich jetzt auf ihre Überraschung, und wie dankte er Gott, der ihnen beiden das Vertrauen gegeben hatte, sich an Judit zu wenden, deren Seele, wie eine zusammengebogene Springfeder, geradeauf schnellte, als sie den Druck der leidenschaft, der eigenen und der fremden, von sich abschüttelte. Reginas Abscheiden warf keinen Schatten mehr in seine stille Seligkeit. Leben und Tod schienen ihm eine und dieselbe Hymne von dem Triumph des Lichtes und der Gnade über Nacht und Sünde anzustimmen.

Bei Corona waren sie alle versammelt, Graf Damian, Uriel und Orest. Mit Tränen im Auge rief Graf Damian ihm entgegen:

"Hyazint