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der Welt für das Reich Gottes gegen den uralten Lügengeist. Franz Xaver gewinnt in Asien Völker und Länder für das Christentum; Franz Solano in Südamerika. Vinzenz von Paulo ruft in Paris die barmherzigen Schwestern ins Leben; Johannes von Gott in Granada die barmherzigen Brüder. Terese von Jesu führt gottliebende Seelen in die Gebetsstille des mystischen Carmels ein; Katarina Fiesco-Adorno, die Dogentochter, dient im grossen Spital zu Genuaund beide verfassen Schriften, in denen die Kirche eine himmlische Weisheit, gepaart mit himmlischer Liebe anerkennt. Alle Orden erneuern sich und treiben frische Sprossen. Neue Kongregationen erblühen, neue Genossenschaften treten zusammen. Wo eine Lücke im kirchlichen Leben ist, wo ein geistiges Bedürfnis sich kund gibtda ist auch schon eine opferwillige Seele zur Hand, die mit der Erfindungsgabe, welche der heiligen Liebe eigen ist, gerade das trifft, was eben zur Abhilfe not tut. Und wozu das alles? wozu diese grenzenlose unermüdliche, heroische, demütige Hingebung an ein langes, langes Opferleben? um Seelen für Christus zu retten, die durch Sünde, Irr- und Unglauben ihm verloren gingen! Wieder wurde das tötlich bedrohte Christentum durch das Opfer gerettet. Und jetzt? ist es denn jetzt anders? wir stehen mitten im Gewühl und im Staube des Kampfes, wo wir nur das allernächste schauen können; sind auch viel zu kurzsichtig, um unseren blick über den Tag von heute und morgen zu erheben; viel zu armselig, um Grosses von einer Zeit zu hoffen, in der die Menschheit von unserem Schlage ist; viel zu kleinmütig, um mit unwandelbar hochherzigem Vertrauen die Spuren des Lebens unter den Zuckungen des Todes zu verfolgen. Aber wir wissen seit achtzehn Jahrhunderten und durch sie: für das Christentum sind zeiten des Kreuzeszeiten der Gnade; Tage der DrangsalTage der Heiligung. Heiligen aber kann sich niemand, der nicht aus voller Seele das Opfer umfasstdas Opfer, aus dessen Flamme das Christentum fort und fort als ein unsterblicher Phönix hervorgeht. Schrecken Sie davor nicht zurück, Signora?"

Sie sah ihn fest an und sagte ruhig lächelnd:

"Nein, denn ich werde mich an das Kreuz meines Gottes schmiegen."

"Und wollen Sie das ganze Christentum umfassen mit seinen wonnevoll trostreichen Glaubenslehren und seinen unerbittlich herben Sittenlehren; mit seinen lieblichen Tugenden und seinen mühseligen Kämpfen; mit seinen himmlischen Kronen und seinem irdischen Dornenkranz?"

"Mit Kronen und Dornenkranz, Signor! Aber lassen Sie mich zum Bade der Wiedergeburt eilen! lassen Sie mich mein Opfer bringen! Jede Minute der Zögerung ist ein unermesslicher Verlust für michlassen Sie mich ein Kind Gottes werden .... und dann fliehen, mich begraben in irgend einer Einsamkeit und beten, ach beten, dass Ihres Bruders Seele gerettet werde."

"Und Ihre Mutter?"

"Gott wird sie trösten. Ich kann sie nicht in mein Geheimnis ziehen; sie begreift es nicht. Den grössten teil meines Vermögens lasse ich ihr. Nach Jahren, wenn alle Gefahr für Orest vorüber ist, wird sie mich wiederfinden."

"Also wirklichbegraben mit Christus?" fragte Hyazint gerührt.

"Ja! Leben für Leben!" sagte sie entschieden. "Ach," rief sie plötzlich mit schmerzlicher Erinnerung, "habe ich dem armen Orest nicht versprochen: Alles für alles!"

"Er darf Ihnen nicht alles bieten, nicht seine Hand, nicht sein Wort; denn beides gehört ihm nicht mehr;" erwiderte Hiazint. "Er hat es Gott verpfändet, als er das Sakrament der Ehe empfing. Sein Taufgelübde, das er bei dem Empfang der heiligen Erstkommunion wiederholte und bestätigte, war schon zuvor an Gott verpfändet für die Gnade, im katolischen Glauben leben und sterben zu dürfen. Also auch darüber darf er nicht mehr schalten und walten, und folglich hat er Ihnen nicht das 'alles' anzubieten, wofür Sie 'alles' versprochen haben. Er k a n n freilich sein zwiefaches Versprechen brechen, denn er ist keine Maschine, die von der Gnade getrieben wird, wie das Mühlrad vom Bach. Er k a n n der Gnade Widerstand leisten und sich in die ewigen Abgründe stürzen, aber nur um den Preis schwerer Beleidigung Gottes und freiwilliger Verzichtung auf das ewige Leben. Und wenn er dann wagte, Ihnen 'alles' anzubieten, ach! wie müssten Sie gerade dann erst recht ihm antworten: alles? – aber du hast ja nichts! .... denn was hat der, der Gott nicht hat! Und Sie selbst, Signora, Sie haben nicht das Recht, irgend einem geschöpf 'alles' zu versprechen. In jedem Verhältnis, in jeder Lage muss Gott zu Rate gezogen werden: dazu gab er seine Gebote, dazu erteilte er seine Ratschläge. Wenn das unmündige Kind seinem lieben Spielgefährten sagt: ich schenke dir die Güter meines Vaters; so hat ein solches Versprechen keinen Sinn. Ihr unmündiger Geist wähnte ein Recht zu haben, nach Belieben schalten und walten zu dürfen, weil er nichts Höheres kannte, als das Ich, dem er diente. Aber die Bestimmung Ihres Geistes, Ihres Herzens, Ihres ganzen Wesens ist: Gott zu dienen undin welches Verhältnis Sie eintreten mögen, Ihr höchstes Gut, welches zugleich das Gut Ihres himmlischen Vaters istIhren Willen! an Gott hinzugeben. Sie k ö n n e n ihn Gott entziehen und dem geschöpf dienstbar machen; aber um denselben Preis, wie Orest