einen Lebensplan entworfen, welcher mit dem ihres Vaters nicht übereinstimmte, welchen Stürmen ging sie dann entgegen. Und war es denn etwas Unmögliches, dass sie, die Tochter einer so frommen Mutter und ein Kind des Gebetes, andere Wege ginge, als den der Welt? Er trat in die Veranda und sagte liebreich:
"Du singst ja wie eine Lerche so fröhlich, Regina."
Sie stand schnell auf, stellte einen Gartenstuhl für ihn neben ihren Stickrahmen und sagte aus vollem Herzen: "Ich bin auch froh, lieber Onkel! Wenn die Lerche schon so fröhlich singt, weil sie zum blauen Himmel auffliegen kann, wie müssen wir dann so viel tausendmal fröhlicher sein, weil uns ein Himmel erwartet, der tausendmal schöner ist, als der Äter um unseren Erdball."
"Denkst Du, junges Kind, schon an den Tod?" fragte er.
"O nein!" sagte sie unbefangen; "nur an das ewige Leben."
Mit unsäglicher Liebe ruhte sein blick auf ihr, während er ruhig sagte: "Ich wundere mich, Regina, dass Du Dich so leicht in die Trennung von den guten Damen vom Sacré Coeur findest, bei denen Du es so gut hattest."
"Ich hab' es auch hier sehr gut, und so lieb ich die Damen habe und so innigen Dank ich ihnen schuldig bin, so weiss ich ja doch, dass es nicht meine Bestimmung ist, bei ihnen zu bleiben; das erleichtert mir die Trennung."
"Du bist ja ungemein verständig," sagte er scherzend.
"Hab' ich denn nicht meinen Vater hier?" fuhr sie fort, "und Dich hier, mein lieber Onkel? und da in Engelberg das Grab meiner Mutter, über dem die Mutter Gottes Wache hält? Tante Isabelle ist auch sehr gütig für mich und Corona ist mit ganzem Herzen hier. Wie könnte ich wohl unzufrieden sein!"
"Die Vettern kommen auch nächstens; dann wird es munter werden, und der Winter noch munterer, da Dein Vater ihn in Frankfurt zubringen will."
Es flog ein Schatten von Traurigkeit über Regina's Antlitz, als sie erwiderte: "Ich freue mich sehr, meine Vettern wieder zu sehen; aber auf einen Winter, gleichviel in welcher Stadt, freue ich mich gar nicht."
"Das kommt daher, weil Dir ein solches Leben ungewohnt ist. Bald wird es Dir gefallen."
Sie schlug ihre Augen gross zu ihm auf und fragte:
"Hat es Dir je gefallen, lieber Onkel Levin?"
"Mir, mein Kind!" rief er lächelnd. "Aber Du weisst ja, dass der Geistliche an den sogenannten Freuden der Welt nicht teil zu nehmen pflegt und dass ich seit meinem achtzehnten Jahre geistlich bin. In Worms, wo ich ein paar Jahre Domherr war, hatte ich übergenug Beschäftigung mit teologischen Studien, und als ich nach Auflösung des Stiftes hierher zu meiner armen kranken Mutter zurückkehrte, fand ich ein Sterbebett – aber keine Weltfreuden. Später, zur Zeit meines Bruders Mattias, Deines Grossvaters, ging es hier freilich ausserordentlich lustig her. Allein ich war schon bei dreissig Jahren ein solcher Brummbär geworden, dass ich gar keine Neigung für diese Art von Lustigkeit und Weltfreuden hatte!"
Regina ergriff seine Hand, küsste sie zärtlich und sagte: "Was Du geworden bist, Onkel Levin, das wissen wir besser als Du."
Die schmetternden Töne eines Postorns hatten sich schon in der Ferne hören lassen; jetzt erklangen in der Nähe die gellenden Dissonanzen. Corona flog atemlos in die Veranda und rief froh in die hände klatschend und gleich wieder davonspringend:
"Sie kommen! eben kommen die Vettern an! Papa lässt Dich rufen, Regina."
Regina bedeckte sorgfältig ihren Stickrahmen, nahm Levin unter den Arm und sagte lächelnd:
"Ich werde die Buben gar nicht mehr kennen! sie sind in den fünf Jahren ja sämtlich junge Herren geworden."
Als sie in den Saal traten, herrschte darin ein ungeheures Getümmel. Der Graf, vier junge Männer, Tante Isabelle und Corona sprachen alle auf einmal. fragen, Antworten, Begrüssungen durcheinander. Ein riesenhafter Neufundländer hatte die allgemeine Freude benutzt, um mit einzudringen in den Saal und durch leises Freudengeheul seine alten Kameraden zu begrüssen und bald an diesen, bald an jenen hinan zu springen. Hyacint hatte seinen Mops mitgebracht, der ohne Umstände im Saal erschien und höchst ungnädig von Amour empfangen wurde, welcher sich allein für salonberechtigt hielt und es in ruhigen zeiten auch war. Ihm missfiel diese revolutionäre Bewegung, die ihn vielleicht seines Polsters beraubte und er kläffte zänkisch gegen den Mops, während der Arras mit seinem betäubenden Geräusch alle anderen Stimmen von Menschen und Tieren übertäubte.
"Ah, Onkel Levin!" rief plötzlich in dem Wirrwarr eine klingende stimme und einer der Jünglinge brach sich Bahn und küsste zärtlich Levins Hand.
"Grüss Dich Gott, Uriel," sagte Levin.
"Du bist also Uriel?" fragte Regina freundlich. "Ich muss Euch sämtlich der Reihe nach wieder kennen lernen."
"Aber wir sämtlich kennen Dich, Regina," sagte Uriel.
Sie gab ihm die Hand; auch an Orestes, auch an Florentin; als sie sich aber zu Hyacint wendete, nahm sie seine Hand zwischen die ihren und drückte sie innig und sagte:
"O Hyazint, mein lieber Hyazint! Dich kenne ich am besten! wir waren ja immer zusammen bei der