die Welt zu mir! Wovon sprach sie? von himmlischen Dingen im katolischen Leben, von grossen Bekehrungen aus Liebe zu Gott – und von deren Frucht: Liebe zu den Seelen. Lelios Mutter hatte mir einen Katechismus gegeben. Ich nahm ihn spät abends zur Hand – und durchwachte die Nacht mit ihm. Signor! ich habe in meinem Leben ungeheuer viel gelesen, ernste Bücher, von klugen, geistvollen, denkenden Männern geschrieben; aber etwas so Kluges, das die höchsten und zugleich die wissenswürdigsten fragen so einfach und genügend – aber auch mit jenem logischen Zusammenhang, der den Stempel unverwüstlicher Wahrheit trägt, beantwortete; so himmlische und hohe Ideen, die in dem Dogma eine so tiefsinnige Begründung und eine so himmlisch klare Lösung finden, hab' ich nie gelesen. Den Katechismus sollten die modernen Weltverbesserer studieren und danach sich selbst und die Menschheit zu bilden suchen. Lebte sie so, wie dies kleine Buch es lehrt, so wäre sie im wahren Fortschritt begriffen. Aber die Seelen, die Gott durch so himmlische Vorschriften, Veranstaltungen und Mittel zur Seligkeit führen will, sucht der Satan durch die Sünde zu verblenden und in seinen Abgrund zu stürzen. Nun, Signor, ich fing an, zu verstehen, was Gott von mir verlangt. Und jetzt eben komme ich von einer Frau, bei der es mir ganz klar geworden ist. Ich habe mit der Gräfin Windeck gesprochen."
"Mit Corona?" rief Hyazint froh überrascht.
"Mit ihr, Signor! aber wer sind Sie, dass Sie, Lelios Freund, die Gräfin bei ihrem Namen nennen?" fragte Judit gespannt.
"Verzeihung, Signora! ach, ich bin Orests Bruder," erwiderte Hyazint bewegt.
"O ihr Windecker!" rief sie; "auf der einen Seite stehen die Himmlischen unter euch und reichen mir die rettende Hand; auf der anderen Seite die irdischen, um mich in den Untergang zu ziehen. Jetzt verstehe ich den Weg zu beiden Schicksalen. Der meine ist gewählt: ich folge dem Kreuz, das Regina von ihrem Sterbebett mir geschickt hat."
Sie reichte ihm den Brief und den Rosenkranz. Mit tiefer Wehmut sagte Hyazint:
"Reginas Gebet hat vielleicht all' die Gnaden erwirkt, welche über Sie zusammengeströmt sind, Signora. Regina hat den Kern des Glaubenslebens gründlich erfasst: das Opfer. Dem Opfer folgen Gnaden; das ist eine so tiefe Wahrheit, eine so unleugbare Tatsache, dass die ganze vorchristliche Welt dies geheimnisvolle Gesetz einer höheren Macht anerkannte und sich davor beugte. Die Wiedergeburt der Menschheit ging aus dem Opfer hervor, das der Sohn Gottes zur ewigen Sühne darbrachte – und alles Gute, Grosse und Schöne, was seitdem auf Erden geschieht, ist eine Neugeburt dieses Opfers in dem Menschen, der es ausführt. Das Beste, Grösste und Schönste, was hienieden geschehen kann, ist die Rettung der Seelen. Darum erheischt sie die grössten Opfer. Darum muss der Hirt der Seelen, der Priester – ein Opfernder sein. Darum muss der Missionär, der Ordensmann, die Klosterfrau, die sämtlich den Beruf zur Rettung der Seelen haben und ihre Aufgabe durch äussere und innere Tat vollziehen: darum müssen sie ein Opferleben führen. Darum müssen ganze Epochen in der Weltgeschichte oder grosse Erscheinungen in der Epoche den Charakter des Opfers tragen. Das Christentum war tötlich bedroht in den ersten Jahrhunderten durch heidnische Verfolgung; die Martyrer, die nach Millionen zählen, opferten sich mit Blut und Leben: und es siegte. Es war tötlich bedroht durch die wütenden Häresien des Orients; und eine ganze Welt von Asceten erhob sich zum stillen Opfer der Irdischkeit: es war gerettet. Tötlich bedroht war es Jahrhunderte hindurch von den barbarisch vernichtenden Stürmen und Zügen der Völkerwanderung; da erschienen die grossen Glaubensboten und Ordensmänner, dreifach sich opfernd, als Apostel, Martyrer und Asceten, streuten, schützten, pflegten himmlische Saaten – und das Christentum war gerettet. Tötlich bedroht war es im Mittelalter teils durch häretische Sekten, die im Gewande falscher Heiligkeit ihr Gift verspritzten, teils durch die gewaltige Neigung der Welt zu den Lüsten der Erde und den breiten behaglichen Genüssen der sinnlichen Freuden. Ein Heer von opferfreudigen Seelen erhob sich in solcher Masse, dass der Jüngling die Braut nicht fand und die Jungfrau keinen Gatten; so waren die Herzen entbrannt in Liebe zur Armut und zur Entsagung, wie St. Franziskus, der Seraphische sie lehrte und übte. Das Christentum fand durch sie seinen Nerv und seine Kraft wieder. Und abermals war es bedroht durch den grausigen Abfall des sechzehnten Jahrhunderts, den der Welt- und Erdgeist in Verbindung mit der Häresie stifteten; und abermals wurde es gerettet durch Scharen von Heiligen, die das Kreuz ins Herz und in die Hand nahmen und mit einer alles überflügelnden Opferliebe die Tage des Apostolats und des Martertums durch sich selbst, ihre Zöglinge und geistlichen Söhne erneuerten und auf dem ganzen Erdball das Christentum teils retteten, teils verbreiteten. Auf jedem Kampfplatz erschienen sie, auf jede Bresche sprangen sie, jeden schwachen Punkt verteidigten und befestigten sie. Der grosse Erzbischof von Mailand Karl Borromäus, in dem die Seele des Johannes und des Paulus verschmilzt, beginnt die Reform der Kirche bei den geistlichen Hirten selbst, während der liebenswürdige Bischof von Genf, Franz von Sales, durch den Zauber seiner seelenvollen Beredsamkeit in Controverse und Predigt tausend Betörte von Calvins Irrlehre befreit. Loyola stiftet die glaubens- und todesmutige Schar seiner Söhne, die man St. Michaels Söhne nennen müsste – so kämpfen sie auf