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Abend sprach man bei mir von grossen Opfern aus Liebe zu Gottund da wurde auch sie genannt."

"Sie ist nun in der Heimat der Seelen," sagte Corona. "Als Orest mir seine schreckliche Absicht mitteilte und zugleich auch Ihr Vorhaben, teure Signora, die Taufe zu empfangen, da schrieb ich meiner lieben Schwester und bat sie um ihr Gebet, dass diese trostlose Verwirrung zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen sich lösen möge. Dieser Brief kam in Regina's letzten Tagen an, und von ihrem Sterbebett schickt sie Ihnen dies Andenken, das ich ebenfalls gestern Abend erhielt."

Judit öffnete das kleine Kästchen und nahm die Perlenschnur eines Rosenkranzes von Onyx, woran ein goldenes Kruzifix hingdann ein versiegeltes Blatt heraus. Sie erbrach es. Die Handschrift war kaum zu entziffern, so hatte Regina's Hand von Fieber und Schwäche gezittert. Judit las beklommen:

"Geliebte Seele! Auf Erden sind wir uns flüchtig begegnet, um uns nie wieder zu sehen. Aber die Gnade umfängt und trägt Sie, und dereinst, hoffe ich, begegnen wir uns vor dem Trone Gottes und singen ein endloses Alleluja dem Lamme, in dessen Blut wir das Kleid unserer Seele weiss gewaschen haben. Nicht wahr, so wird es sein? Ich kann nicht glauben, dass eine vom Strahl der Gnade berührte Seele diese Gnade benutzen könnte, um Gott zu beleidigen. Nein! sie wird ihn verherrlichen, indem sie ihr Opfer bringt und ihr Kreuz annimmt. Dazu stehe ihr bei Maria, die Königin der kreuztragenden Seelen. Der Rosenkranz aber erinnere sie an die Dornen, die der göttliche Vielgeliebte für uns getragen hat, damit aus unseren umdornten Herzen die Rose der heiligen Liebe erblühen könne. Mit dieser Liebe umfange ich Ihre Seele und sage: Auf Wiedersehen unter den Seligen. Schwester Terese vom Lamm Gottes."

"Vom Himmel und aus dem grab und wohin ich auf Erden sehe und höre, erklingt dies wunderbare Lied von der Liebe der Seelen zwischen all dem Schellengeklingel menschlicher Torheit," sagte Judit erschüttert. "Wehe mir, wenn ich es überhören wollte!" Sie kniete vor Corona nieder und sagte unter sanften Tränen:

"Ich kann nicht fort, ohne Ihre Vergebung erhalten zu haben, gnädige Gräfin, und Sie sehen so gut und liebevoll aus, dass ich wirklich zu hoffen wage, Sie werden mir von Herzen vergeben."

"Ach, ich hab' es vergessen, dass ich Ihnen etwas zu verzeihen hatte!" sagte Corona lieblich und umarmte Judit, die nun rasch ihrer wohnung zueilte, in der Hoffnung, dass der Abbate Don Cintio, wie Pasqualina ihn genannt hatte, im Laufe des Morgens zu ihr kommen werde. Als sie durch das grosse Tor in ihren Palast eintrat, kam Florentin ihr entgegen und rief im Ton höchster Überraschung:

"Ganz allein? zu so früher Stunde schon heimkehrend! Signora, woher kommen Sie?"

"Da ich nicht frage: Signor, wohin gehen Sie? so sind wir quitt!" entgegnete Judit und ging kalt an ihm vorüber die Treppe hinauf, durch die öden Gemächer, deren Luft sie frostig anwehte. In ihr Zimmer. Da stand Hyazint am Kamin.

"Das ist gut!" rief Judit, hastig Hut und Shawl abwerfend; "Signor Abbate, seitdem ich mit Ihnen gesprochen habe, dreht sich mir die Welt nach der andern Seite um. Ich will nicht mehr Gräfin Windeck werden, allein ich möchte gern eine recht gute Katolikin und lieber heute als morgen getauft werden."

Hyazint sah bleich und angegriffen aus; aber jetzt verklärte sich sein Antlitz und mit dem Freudenausruf:

"O heilige Mutter Gottes!" faltete er dankbar seine hände. Dann setzte er besonnen hinzu: "Ihr Entschluss scheint mir sehr schnell gereift zu sein. Ist er in der Tat reif, Signora?"

"fragen Sie mich nicht zu viel, Signor Abbate! ich weiss nur eines: ich will katolisch werden, weil ich zur Kirche gehören will, die der gekreuzigte Gott zur Beseligung und Heiligung der Menschheit gestiftet hat; in der er fortwirkt durch den heiligen Geist und fortlebt durch die heilige Eucharistie; und in der sein göttliches Leben in den Menschenseelen geheimnisvoll aufblüht als Liebe zu den Seelen. Dies weiss ich! alles übrige glaube ichund will es glauben; .... denn Gott selbst hat es gelehrt."

"Das genügt!" sagte Hyazint. "Das ist das Bekenntnis des Petrus: Ich glaube, dass du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! und sein Ausruf: Wohin anders könnten wir gehen? Du, Herr, hast Worte des ewigen Lebens."

"So ist es!" sagte Judit.

"Wer hat es bewirkt?" fragte Hyazint.

"Die Gnade," erwiderte sie; "und sie bediente sich dazu der verschiedensten Werkzeuge! In der allerersten Zeit war es Ernest; aber ich hörte nicht hin. Dann, im vorigen Herbst, kam Lelios Bekehrung; ich hörte nur halb hin. Vor drei Wochen kamen Sie, Signor, und da hörte ich zu viel, um es übertäubenviel weniger es vergessen zu können. Gestern kam ich statt zu Lelio, den ich aufsuchtezu seiner Mutter. Sie sagte himmlische Dinge. Aber dies Himmlische war das Eigentümliche, das Natürliche, ich möchte sagen, der gesunde Pulsschlag des katolischen Glaubens: Liebe zu den Seelen. Dann kam