noch unreif, noch unentwickelt, eine grüne Knospe. Nur Geduld! sie wird sich entfalten, diese Knospe, zu einer schönen duftund farbenreichen Blume – und um so schöner, je weniger sie von Aussen dazu gedrängt wird. So war es mit Corona. Ihre Seelenbildung fand innerlich statt: der Schmerz war deren Wurzel und der Glaube ihre Sonne. Corona glich einer Passionsblume, die das Kreuz umrankt: so zart, so geistig edel war sie. Dazu ihre verweinten Augen, ihre Blässe, ihr Traueranzug – und Judit, die sich die Gräfin Windeck als eine höchst alltägliche Frau ausgemalt hatte, begriff nicht, wer vor ihr stehe.
"Orest!" sagte sie überrascht.
"Ich bin Corona Windeck," sagte Corona sanft und glitt vor Judit auf die Knie; "und um des Blutes Jesu willen bitte ich Sie, retten Sie Orest's Seele."
Mit einem Ausdruck, der an Entsetzen gränzte, schlug Judit ihre hände in einander und rief:
"Corona Windeck! .... und Sie sprechen liebevoll zu mir .... und bitten mich .... und knieen vor mir .... und flehen um Rettung einer Seele! O, was muss das sein, Liebe zu den Seelen – die eine so himmlische Demut gibt."
"Ach," sagte Corona, "denken Sie an unseren göttlichen Erlöser, der am Kreuz für seine Peiniger betete: Vergib ihnen! sie wissen nicht, was sie tun! – Auch Sie haben es bis jetzt nicht gewusst."
"Gnädige Gräfin," sagte Judit, und hob ehrerbietig Corona auf; "als mir die Ahnung dämmerte, was das Christentum sei, da sagt' ich: Christen müssen dem Herzen nach Christusträger sein. Ich sehe an Ihnen, dass ich Recht hatte. Sie hassen mich nicht, Sie verachten mich auch nicht, Sie lassen sich mild zu einer person herab, die das Glück Ihres Lebens zerstört hat und ferner es bedroht. Ach, ich weiss nicht, ob es möglich ist, in aller Stille hochherziger zu sein."
"Signora!" unterbrach Corona sie lebhaft, "es handelt sich um die Rettung einer Seele – und diese Rettung soll von Ihnen ausgehen. Dagegen verschwindet meine arme person gänzlich."
"Immer und immer diese wunderbare Liebe zu den Seelen!" entgegnete Judit sinnend. "Ach, sie ist ansteckend! Könnte ich mit meinem Blut Graf Orest vom Abfall zurückhalten – ich tät' es."
"O, es muss auch andere Wege geben!" rief Corona.
"Ja, einen weiss ich," entgegnete Judit: "ich muss für Graf Orest verschwinden. Das kann ich – und das will ich. Vorstellungen fruchten nichts bei ihm; das werden Sie so gut wissen, als ich. Er muss tatsächlich einsehen, dass die Erfüllung seiner Wünsche an der Unmöglichkeit scheitert. Ich kann nicht behaupten, dass er dann ein guter Gatte und Vater sein werde; allein er wird den grässlichen Gedanken des Abfalles aufgeben, und dadurch gewinnt hoffentlich die Gnade wieder Macht über ihn. Seien Sie getrost, gnädige Gräfin, die Judit verschwindet! Es war längst mein Wunsch, dass sie verschwinde – nur freilich in anderer Weise. Ich will nicht umsonst die Gnade empfangen, im Blut Jesu meine Sünden abzuwaschen. Ich will auch, dem Herzen nach, ein Christusträger werden. Ich will auch die Seelen lieben, wie der göttliche Erlöser meine Seele geliebt hat."
Ein milder Glanz von zerschmelzenden Tränen trat in ihr dunkles mächtiges Auge. Corona breitete die arme zu ihr aus, und überwunden von dieser Welt neuer, starker, grosser Empfindungen, sank Judit weinend an das Herz dieser Frau, der sie ein so namenloses Weh bereitet hatte. Der Engel des Lichts öffnete die Pforten des Paradieses – und die Peri trat ein.
"Und wohin wollen Sie gehen?" fragte Corona.
"Ich weiss es nicht," entgegnete Judit, und legte die Hand an ihre heisse Stirn. "Mein erster Schritt muss jetzt zum Sakrament der Taufe sein. Ich sehne mich – Christin zu werden und mit meiner Vergangenheit zu brechen."
"Sie müssen eine Taufpatin haben; darf ich es sein?" fragte Corona.
"Ein neuer Trost!" rief Judit.
"Aber Orest darf nichts von unserer Zusammenkunft ahnen; es würde ihn erbittern," sagte Corona.
"Ich nehme alles auf mich," entgegnete Judit. "Ich bin eingetreten in das wunderbare Reich, welches man das der Gnade nennt. Da begegnen uns Wunder und da geschehen Wunder an uns, die unberechenbar sind. Das hat Graf Orestes nicht bedacht. Ich aber habe es bis jetzt nicht gewusst. Man wird nicht Christin, wie man sich eine neue Rolle für die Oper einstudiert und wie ich es in meiner Unwissenheit wähnte. Graf Orest selbst hat auf meine Taufe gedrungen; er muss die Folgen hinnehmen. Heute oder morgen kommt ein Priester zu mir, mit dem ich den letzten Schritt überlegen will, und dann, gnädige Gräfin, lasse ich Ihnen Nachricht zukommen, wann und wo meine Taufe stattfinden soll."
"Ich habe Ihnen hier ein Vermächtnis zu übergeben," sagte Corona mit bebender stimme. "Gestern Abend kam die Trauerbotschaft vom tod meiner geliebten Schwester" .... –
"Der Karmelitesse! .... gestern Abend!" rief Judit. "Ach, gestern