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Judit eintrat, ging sie ihr entgegen, reichte ihr die Hand und sagte mit einer bewegten sanften stimme:

"Ich danke Ihnen, Signora, dass Sie gekommen sind."

In ihrer Haltung, ihren Bewegungen, ihrem Ton lag etwas so Edles, dass Judit sich heimlich fragte: Bin ich an eine verbannte Königin geraten? Dieser Frau kann ich unmöglich Geld anbieten .... und wenn es Millionen wären!

"Und ich werde Ihnen danken, Signora," erwiderte sie, "sobald ich weiss, womit ich Ihnen dienen kann."

"Ich habe erfahren, dass Ihnen das überschwängliche Glück zu teil werden soll, das heilige Sakrament der Taufe zu empfangen. Da ich nun nicht zweifle, dass Sie in dem Augenblick, wo ein göttliches Lösegeld für die Rettung Ihrer Seele von unserem Heiland mit seinem Blut gezahlt wirderkennen werden, wie kostbar eine Seele ist: so flehe ich Sie an, Signora, die Hand zur Rettung einer armen verirrten Seele zu bieten, die in der Verblendung einer traurigen leidenschaft ihre Würde, ihre Pflicht, ihre Ehre mit Füssen tritt, ihrer Familie Schmach bereitet und der Welt ein furchtbares Ärgernis gibt."

"Aus ganzem Herzen biete ich dazu die Hand!" rief Judit. "Die Liebe zu den Seelen, zu den unbekanntesten, den fremdesten, den elendesten Seelen, ist etwas so Himmlisches, dass der Heiland sie ganz gewiss vom Himmel herab gebracht hat und durch himmlische Mittel in den christlichen Herzen entzündet; denn die Welt weiss nichts von dieser Liebe. Sie ist dem Christentum eigentümlich: so liebt der Erlöser die Seelen und so liebt sie der Erlöste. So werde auch ich lieben und dann erst wissen, was Liebe ist! .... Also, Signora, was hab' ich zu tun?"

"Darf ich fragen, ob Sie sich an einen katolischen Geistlichen gewendet haben?"

"Gewiss!" rief Judit, "an einen Priester hab' ich mich gewendet, der von der Kirche, also aus dem Herzen Gottes heraus, Weihe, Sendung und Vollmacht zum Apostolat hat."

"Gottes Gnade lenkt sichtbar Ihre Schritte," sagte die Dame gerührt. "Sie wissen also auch, dass der Sohn Gottes selbst die Kirche gestiftet hat, als er zu Petrus sprach: 'Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen!' und zu allen Aposteln sprach: 'Wer euch höret, der höret mich;' und tausend andere Verheissungen gab, welche seine Heilsanstalt zu einem göttlichen Werk machen, das unwandelbar und unerschütterlich die ewige Wahrheit offenbart."

"Ich weiss und glaube es." entgegnete Judit.

"Glaubt der Mensch überhaupt an den Erlöser, so muss er auch glauben dürfen, dass er eine untrügende Kunde über das Erlösungswerk irgendwo auf Erden finden könne. Kann niemand ohne den wahren Glauben selig werdenund ist der Zweck des Erdenlebens, nach der Seligkeit zu ringen: so wird der Gott, der aus Liebe zu den Menschen am Kreuze starb, nicht so lieblos oder so unweise gewesen sein, ihnen die ächte Glaubenskunde in einer Reihe mit menschlichen Lehren vorzuführen. Göttliche Weisheit und Liebe stiftete die Kirche auf Erden, und der Geist Gottes, der ihr blieb, als der menschgewordene Sohn Gottes von ihr schied, bewahrt die Lehre in ungetrübter Reinheit, so dass die Kirche nichts hinzutun, nichts hinwegnehmen darf. Sie verkündet die göttliche Lehre; aber sie erfindet sie nicht. Das glaube ich."

"Nun, Signora," sagte die Dame, "die arme Seele, von der ich rede, will sich von dieser göttlichen Heilsanstalt losreissen, weil der himmlische Glaube von der irdischen leidenschaft ein Opfer begehrt; will die Absicht Gottes vereiteln, seine Liebe, die ihn an's Kreuz gebracht hat, verachten; will mit dem Abfall vom Glauben den Abfall zur Sünde zudecken." .... –

"Ha, das ist's, was der Abbate sagte!" rief Judit; "Sünde ist die Verachtung der Liebe Gottes" .... und einer Liebe, die ihn gekreuzigt hat! Der Abfall vom Glauben vereitelt auf ewig die Absicht Gottes, den Menschen durch die ewige Wahrheit zur Seligkeit zu führen. Es ist ein freiwilliges Aufgeben der Gnade, ein freiwilliger Übertritt zu allem, was nicht von Gott und aus Gott ist: zur Sünde, zur Lüge, zum Untergang. O, Signora, wir müssen diese arme, arme Seele retten!"

Das Gespräch war bisher französisch geführt worden. Jetzt schlug die Dame ihren Schleier zurück und sagte in deutscher Sprache und mit zärtlicher Bitte in Ton und blick:

"Wohlan, Signora, retten Sie Orest."

Judit hatte Corona in Interlacken wohl öfters von Ferne gesehen, war auf Spaziergängen an ihr vorüber gestreift und bewahrte keine andere Erinnerung von ihr, als das Bild einer ganz jungen, wunderhübschen, unbedeutenden Frau. Es ist ja auch nicht selten, dass Personen, welche zu einer wirklichen, tiefen Seelenund Charakterbildung gelangen, in der Jugendund namentlich bei ihrem Auftreten in der Welt, zuerst den Eindruck von Unbedeutendem machen. Das Weltleben ist ihnen etwas Fremdes und Neues, das sie nicht auf der Stelle bewältigen können, weil sie sich nicht, wie die wirklich Unbedeutenden, gedankenlos von der allgemeinen Strömung ergreifen und treiben lassen, und nicht auf der allgemeinen Höhe des Stromes schwimmen. Ihr Wesen ist