wo diese Seelen leben könnten! Nein, guter Fiorino, Ihre Lieblings- und Fachwissenschaft kann zwar Salze, Säuren und Gase zersetzen und kombinieren, aber nicht einmal den Urgrund dieser Stoffe erklären. Wollte die Vernunft von ihr die Lösung gewisser fragen begehren, welche sich auf übersinnliche Erscheinungen beziehen: so würde sie aufhören – Vernunft zu sein. Wähnen Sie aber nicht, Herr Marquis," fuhr Judit zu diesem gewendet fort, "dass Signor Fiorino allein über mein Warum? Fiasko gemacht hat! O nein! ich war einmal mit einer grossen naturforschenden Celebrität bei einem Diner; wo? das sag' ich nicht! Dieser Herr geberdete sich in seinen Reden nicht anders, als habe der Schöpfer ihn bei der Erschaffung der Welt zu Rate gezogen. Da rief ich ihm über den Tisch die Frage zu: Warum hat das adriatische Meer Ebbe und Flut etc.? Alles verstummte und sah erwartungsvoll das Orakel an. Aber siehe da! auch das Orakel verstummte."
"Entsetzliches Schicksal für eine Celebrität!" rief Marquis d'Avallon munter. "Judit fragt – die Menge harrt – und sie verstummt."
"Signora waren aber auch sehr boshaft, sich gerade diese Frage auszudenken," sagte ein guter, stiller, deutscher Baron, der selbst nicht recht wusste, wie er in diese Gesellschaft geraten war.
"Das geb' ich zu," erwiderte Judit. "Ich erzählte es aber, um Fiorino zu trösten."
"Und zwar durch eine zweite Bosheit," ergänzte der Marquis.
"kommt es häufig in der Welt vor," fragte Madame Miranes den Marquis, dass man die mosaische Religion aufgibt, um die christliche anzunehmen?"
"Es geht mir wie jener Celebrität," erwiderte er; "ich kann diese Frage nicht beantworten. Das Grossartige ist ja immer selten; also steht auch die Bekehrung des Pater Augustin ziemlich vereinzelt da. Doch hat sich gerade hier in Rom vor etwa zehn, zwölf Jahren eine andere zugetragen, von der man auch sehr viel gesprochen hat, weil sie so plötzlich und doch so gründlich war; nämlich die des Herrn Alphons Ratisbonne aus Strassburg. Er kam nach Rom, um sich zu amüsieren, keineswegs, um zu konvertieren. Er ging eines Tages mit einem Freunde nach der Kirche S. Andrea delle fratte. Während der Freund in die Sakristei geht, um mit einem Geistlichen zu sprechen, bleibt er allein in der Kapelle der Muttergottes, und als der Freund zurückkommt, erklärt er demselben, er wolle katolisch werden. Das geschah denn auch – und nach einigen Jahren stiftete Herr Ratisbonne von seinem Vermögen die Congregation von Unserer Lieben Frau zu Sion; eine weibliche Genossenschaft, welche die Bestimmung hat, durch Erziehung und Unterricht jüdische Kinder für den christlichen Glauben zu gewinnen und namentlich in Jerusalem dies fromme Werk zu betreiben. Er hat in der heiligen Stadt den Platz des alten römischen Prätoriums gekauft und zu einer Niederlassung für seine 'Töchter Sions' eingerichtet, während sie in Paris ihr Mutterhaus – und zum Generaloberen der Congregation den Abbé Teodor Ratisbonne haben, den älteren Bruder ihres Stifters, der schon früher konvertiert und sich dem geistlichen stand gewidmet hat."
"Und in der Kapelle," rief Judit, "die ein bekehrter Sohn Israels für die fernere Bekehrung des Volkes Israels gestiftet hat – habe ich in der Charwoche des vorigen Jahres das Stabat mater gesungen, um diesem Werk einige Geldmittel zuzuwenden – ich, eine Tochter dieses Volkes!"
"Die Kinder dieses Volkes müssen sich aber vor der Bekehrung zum Christentum hüten," bemerkte Florentin giftig, "denn nach allem, was wir heute hören, verfallen sie durch dieselbe in den grauenhaftesten Fanatismus. Der eine wird Mönch, der andere wird Pfaffe, der dritte verschwendet sein Vermögen, um durch bigotte Nonnen arme Judenkinder um ihren Glauben zu bringen. Wahrhaftig, ein solches Delirium des Fanatismus kann nur abstossend wirken."
"Signor Fiorino," sagte Marquis d'Avallon sehr verlegen, "vergeben Sie mir .... ich wusste nicht .... ich hätte diesen Punkt vielleicht besser unberührt gelassen ...." –
"Was wussten Sie nicht, Herr Marquis?" fragte Judit höchst verwundert über seine plötzliche Verlegenheit.
"Aus Signor Fiorinos Bedauern, dass jüdische Kinder im Christentum erzogen werden, sehe ich, dass er ein eifriger Anhänger der mosaischen Religion ist – und das wusste ich nicht."
Orest lachte hellauf und rief, immer bereit, an Florentin einen Hieb zu geben:
"Corpo di Bacco! dies ist ein höchst interessantes Quiproquo – denn es ist eine Entüllung der geheimen Verwandtschaft zwischen Jung-Israel und JungDeutschland. Hass gegen das Christentum ist das rosenfarbene Band, welches sie verbindet. Von jeher war Heide, Ketzer, Türk in d e m Punkt des Juden Bundesgenosse. Jetzt ist es der Sozialist. trösten Sie sich, guter Marquis! Signor Florentin ist gerade so gut von einem katolischen Priester getauft worden, wie Sie und ich."
"Das wäre ein Grund, um mein Bedauern auf einen anderen Grund zu richten!" rief der Marquis.
"Nein, nein! trösten Sie sich nur ganz gründlich, Herr Marquis!" rief Florentin hochfahrend. "Meine Gotteit und mein Kultus haben mit mosaischen, christlichen und islamitischen Glaubensbekenntnissen nichts zu tun; haben diese Eierschalen, welche auf eine niedrige Abkunft deuten, von ihren Flügeln geschüttelt, und sind weder in Dogmen zu beschränken,