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Ansicht und Lebensauffassung ablösen. Das Wenige, was ihm Kunigunde allmählich von ihrer Seelenwärme, von ihrem Seelenadel mitgeteilt hatte, ging wieder unter in der allgemeinen Welt-Epidemie der Selbstvergötterungund das war der Moment, in dem er seine Töchter aus dem Institut des Sacrè Coeur abholte, um sie fortan bei sich zu behalten.

Präludien

"Wie gefällt Ihnen denn eigentlich Regina. bester Onkel," sagte Damian, nachdem er jenes Gespräch mit seiner Tochter gehabt hatte. "Sie ist jetzt vierzehn Tage hier, da kann man schon ein Urteil über sie haben."

"Ich denke, ihre gute Mutter würde eine innige Freude an ihr haben," versetzte Levin.

"Und ihr guter Vater?" fragte Damian.

"Nun, ihr guter Vater hat diese Freude doppelt," entgegnete Levin lächelnd, "für sich und für die Mutter."

"Ich gestehe Ihnen, dass ich etwas ganz anderes von der Klostererziehung erwartet hatte! Regina macht mir durchaus nicht den Eindruck eines unterwürfigen Charakters, einer fügsamen Seele. Sie ist sehr schön, sie hat sehr viel Verstand, sie hat eine grosse Anmut des Benehmens; aber ihre innere Entschiedenheit missfällt mir. Ich fürchte, sie hat wenig Neigung zum Gehorsam."

"Sie sucht doch alle Deine Wünsche buchstäblich und mit grosser, zuvorkommender Bereitwilligkeit zu erfüllen."

"Das ist richtigaber! aber! sie hat einen Willen!"

"Du wirst doch nicht wünschen, dass sie ein Automat sei?"

"Unter Umständen könnte ich es wünschen! Hat sie noch nicht mit Ihnen über ihre Klosterideen gesprochen?"

"Nicht eine Silbe! und ich bitte Dich, darauf kein grosses Gewicht zu legen. Solche idee hat manches junge Mädchen, ohne dass ein wahrer Beruf ihr zu grund liegt."

"glaube' es gern! nur fürchte ich, dass äussere Einflüsse sie in ihrer verkehrten idee bestärken könnten und deshalb hab' ich beschlossen, sie mit Uriel zu verloben, sobald er kommt, und das wird ja in den nächsten Tagen geschehen."

"Bester Damian, das ist gefährlich! Uriel und Regina haben sich in fünf Jahren nicht gesehen, sind als Geschwister aufgewachsen und haben vielleicht nicht die mindeste Neigung für einander."

"O die findet sich! Ich will auch nicht mit der tür ins Haus fallen, sondern nur, wenn sie einige Wochen traulich miteinander gelebt haben, ihnen zu verstehen geben, was ich wünsche. Überdas ist Regina ein Mädchen, in das man sich leicht verlieben kann; bemerkt aber ein Mädchen, dass sie eine Neigung weckt, so erwidert sie dieselbe. Das liegt in der weiblichen natur und darauf baue ich meine Hoffnung: Uriel muss sich verlieben und die Klosterideen bekämpfen; ich werde sie unberücksichtigt lassen."

"Das ist die klügste Taktik," sagt Levin einstimmend.

"Sie wünschen also nicht, dass Regina ins Kloster gehe?" fragte der Graf etwas verwundert. "Ich dachte, Ordensleute und Priester hätten dafür eine besondere Liebhaberei."

"Hoffentlich," entgegnete Levin lächelnd, "ist ihre grösste Liebhaberei die, dass die Ehre Gottes und das Heil der Seelen in grösstmöglichster Vollkommenheit gefördert werde. Wo aber kein Beruf zum geistlichen stand ist, geschieht von beidem das Gegenteil."

"Ach, Onkel Levin! Sie sind ein prächtiger Mann!" sagte der Graf erheitert und klopfte ihm freundlich auf die Achsel; "bei Ihnen wird Regina nicht in ihren Träumereien Unterstützung finden, und wahren Beruf zum Ordensstande kann sie ja unmöglich haben. Das sind Schwärmereien junger Mädchen und es beruhigt mich sehr, dass sie gar nicht mit Ihnen darüber gesprochen hat. Gewiss scheut sie Ihren klaren blick in dergleichen Angelegenheiten."

Regina sass während dieses Gespräches in einer von dichten Schlingpflanzen umrankten Veranda am Strickrahmen und stickte zierlich auf einem schweren, weissen Seidenstoff mit Goldfäden eine Guirlande von Reben und Ähren, die sich um ein Dorngewinde schlang. Ihr Vater hatte wohl recht zu sagen, sie sei sehr schön. Ihre feinen edlen Züge waren beseelt durch einen Ausdruck von lieblicher Kindlichkeit und von hohem Ernst, wie man ihn bei den Heiligen und Engeln der alten florentinischen Maler findet. Unter ihrer zarten, durchsichtigen Stirn zogen sich ihre dunklen Augenbrauen fest und gerade mit grosser Entschiedenheit hin, während ihr klares, glänzendes, graues Auge einen ungemein seelenvollen blick hatte, wenn sie ihre langen, schwarzen Wimpern langsam aufhob. Es lag ein namenloser Friede, eine gänzliche Unberührteit von der Welt auf ihrer ganzen Erscheinung. Sie stickte emsig und summte dabei, wie junge Mädchen zu tun pflegen, eine Melodie vor sich hin, die sehr fröhlich klang. Zuweilen stützte sie aber den Arm auf den Stickrahmen und den Kopf auf die Hand, blickte hinüber nach Kloster Engelberg und ging aus dem leisen Summen in ein helles, wunderliebliches Singen der zwei Worte "Venite, adoremus!" über. Es lag in der Melodie ein Frohlocken, das kein Ende der Freude kennt und in welches Regina's ganze Seele einstimmte. Dann arbeitete sie weiter. Als sie Männerschritte auf dem Kieswege hörte, der zur Veranda führte, verstummte sie. Levin war nachdenkend über sein Gespräch mit dem Grafen in den Garten gegangen. Auch er hatte sich von jeher mit dem Gedanken vertraut gemacht, Uriel und Regina würden ein Paar werden. Die Äusserungen des Grafen über Regina beunruhigten ihn, obwohl er, Damian gegenüber, die Sache unwichtig genommen hatte, um ihn nicht aufzuregen. Hatte Regina wirklich