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! so etwas nicht vor! Es muss ja etwas Entsetzliches sein, eine Ehe zu schliessen, in welcher der eine teil ausserhalb der Glaubens- und Liebesgemeinschaft der Kirche stände. Es scheint mir unmöglich, dass eine solche Ehe anders, als aus frevelhaftem Leichtsinn geschlossen werden könnte! Welche Gefahr für ihre Nachkommenschaft, in Gleichgültigkeit gegen den Glauben zu geraten, die Sakramente zu missachten, oder wohl gar – o seligste Jungfrau! der Gnadenmittel beraubt zu werden! Welch' katolisches Herz wäre im stand, eine Ehe zu schliessen, die arme unschuldige Kinder um die Seligkeit brächte, den Leib des Herrn zu empfangen, der unser Trost, unser Glück, unser Heil, unsere Liebe, unser ein und alles ist. O teuere Signora! der Leib des Herrn in unseren Tabernakeln, auf unseren Altärenist nicht bloss der Mittelpunkt unserer Glaubensgeheimnisse; er ist der Grund unserer Liebe zu unserem Glauben und zu Dem, der vom Himmel kam, um ihn uns zu offenbaren. Wer an das hochheilige Geheimnis der Eucharistie glaubt, fühlt ein solches Erbarmen mit denen, welche nicht daran glauben, dass er ihnen diesen Glauben mit seinem Blut erkaufen möchte; aber seinen Freund, aber seinen Gatten wählt er nicht unter ihnen sich aus, denn er weiss ja, dass sie die ewige Wahrheit, die uns zu unserem Heile und unserer Heiligung durch die Zeit in die Ewigkeit leitet, nicht besitzen. Und wer sie nicht besitztwas hat der? was weiss der? was vermag der? was liebt der?"

"Nichts!" sagte Judit. "Er hat sein Ich, er weiss von seinem Ich, er liebt sein Ichund das ist Nichts, wenn Gott selbst ihn nicht belehrt, was damit anzufangen sei! Und diese Lehrerin der Menschheit ist die Kirche; deren Mund ist der Priesterstand; er verkündet die ewige Wahrheit! O mein Gott! ich werde auch in der ewigen Wahrheit leben und gerettet werden aus meiner Existenz des Scheines, der Verblendung und des Irrtums."

"Dann werden Sie aber auch den Gedanken fahren lassen, einen Akatoliken zur Ehe zu nehmen, nicht wahr, teure Signora?" rief Pasqualina und ergriff innig Judit's Hand. "Das müssen Sie mir versprechen! Nein, nicht mir! der heiligen Mutter Gottes von den sieben Schmerzen müssen Sie es versprechen! O, welche Gnade, Signora! Sie sind eine Tochter des Volkes, aus dem Maria, 'die Gebenedeite unter den Weibern,' als eine 'Lilie zwischen Dornen' entspross! des Volkes, dem die Magdalena angehörte, die als eine grosse Sünderin dem Heiland zu Füssen fiel und als eine grosse Heilige wieder aufstand, gerechtfertigt durch ihre büssende Liebe. O, wie werden diese beiden Wunder der Gnade jetzt am Trone Gottes bitten für Sie, die Tochter Israels, die zu ihnen auf den Kalvarienberg sich flüchtet! Aber auf den Kalvarienberg zu Jesus und Maria, zu Johannes und Magdalena kommt man nur durch das Kreuzund das Kreuz ist Sinnbild jedes Opfers, welches aus heiliger Liebe gebracht wird. Also bringen Sie nur getrost Ihr kleines Opfer dem Gott, der ein so grosses für Sie am Kreuz bringt; und in dem Augenblick, wo Er Ihre Seele in seinem Blut rettet, betrüben Sie ihn nicht so sehr, um diese gerettete Seele eine Verbindung eingehen zu lassen, in welcher dies göttliche Blut verachtet und die Ehe nicht als ein Sakrament betrachtet wird. Das können Sie nicht tun! das dürfen und werden Sie nicht tun! Ach, versprechen Sie es der Mutter Gottes. Tut's Ihnen weh? Ach, es hat auch der seligsten Jungfrau wehe getan, unter dem Kreuz zu stehen und ihren liebsten Sohn der Gerechtigkeit Gottes zum Opfer zu bringen. Gibt es Ihnen einen Stich durch's Herz? Ach! ihr Schmerz war so gross, als ob ihr sieben Schwerter auf einmal das Herz durchbohrten. Das sollte so sein, damit sie Mitleid habe mit dem Jammer der ganzen Welt. Die Königin der Schmerzen musste sie sein, um die 'Trösterin der Betrübten' werden zu können. O, fürchten Sie nicht das Herzeleid eines Opfers! Maria steht Ihnen bei! Maria hält Sie und lehnt Sie sanft an das Kreuz ihres lieben Sohnes .... und das rosenfarbene Blut aus den heiligsten fünf Wunden überrieselt Sie und heilt wie Balsam alle Wunden Ihres Herzens zu."

Immer inniger und zärtlicher, und endlich unter strömenden Tränen hatte Pasqualina gesprochen und so mütterlich schaute sie mit ihrem seelenvollen Auge Judit an, dass diese ganz überwältigt von einer so neuen, so ungeahnten Liebe, ihre arme um Pasqualinas Nacken schlang und ihre Stirn auf deren Schulter lehnte und leise sagte:

"Ach, wie ist mir bei Ihnen so wohl!"

"Ich habe heute auch den Leib des Herrn empfangen," entgegnete Pasqualina freudig gerührt und demütig.

"Diese Liebe zu den Seelen, diese Teilnahme für Seelen, dies Verlangen, Seelen für Gott zu retten, öffnet mir den Einblick in eine ganz fremde Welt," sagte Judit und richtete sich nachdenkend auf.

"In die Welt der Erlösung," setzte Pasqualina hinzu, "in der man an allen Seelen das Ebenbild Gottes und das Blut Jesu gewahr wirdoder werden möchte."

"Nun muss ich fort!" sagte Judit tief erseufzend; "aber ich habe noch einige Bitten. geben Sie mir das Buch, das Sie so himmlisch klug macht."