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"ich bin ja noch ganz unwissend und habe nichts, als meinen guten Willen. Vergeben Sie mir also meine Frage: Was ist die Kirche?"

"Die Kirche," entgegnete Pasqualina, "ist die Gemeinde aller Christen auf Erden, die durch das Bekenntnis desselben Glaubens und durch die Teilnahme an denselben Sakramenten vereinigt sind unter einem gemeinsamen Oberhaupt, dem Papst, als dem Nachfolger des heil. Petrus und den ihm untergeordneten Bischöfen, den Nachfolgern der übrigen Apostel."

"Und wer hat diese Kirche gestiftet und ihr diese Einrichtung gegeben?" fragte Judit weiter.

"Der Sohn Gottes, unser Erlöser, Jesus Christus, der alle Menschen bis zum Ende der Welt selig machen wollte, und deshalb diese Heilsanstalt gründete, welcher er seine Lehre, seine Gnadenmittel und seine Gewalt anvertraut, und ihr den Beistand des heiligen Geistes verliehen hat, um sie in den Stand zu setzen, den Auftrag auszuführen."

"Was würden Sie sagen, Signora, wenn ich mich einer der Sekten zuwendete, welche nicht den Papst als ihr Oberhaupt anerkennen?"

"Täten Sie das, bevor Sie mit der heiligen Kirche bekannt geworden wären: so würde ich traurig sagen, es habe Ihnen unfreiwilliger Weise die Erkenntnis der göttlichen Wahrheit gefehlt. Täten Sie es aber mit voller Erkenntnis, so hätten Sie sich freiwillig ausgeschlossen von Gottes Gnade in der Zeit und Gottes Glorie in der Ewigkeit und wären abgefallen zum Geist der Lüge. Aber ein so furchtbares Unglück widerfährt denen nicht, die, wie Sie von sich sagen, einen guten Willen haben. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hörenund wer in reiner Absicht, nicht um irdischer Vorteile willen, die Offenbarung der göttlichen Wahrheit sucht, der findet sie auch. Das hat der göttliche Erlöser uns versprochen, indem er sagte: 'Suchet, und ihr werdet finden.' Die heilige Kirche ist nicht etwas Unsichtbares, woran man vorübergehen könnte. Sie steht da, klar und einheitlich, immer dieselbe in der ganzen Welt. Welche Lehren der Liebe, welche Taten der Liebe hat sie aufzuweisen! Sie ist ein übernatürliches Spital für alle Leiden der Seele; der liebe Heiland ist der Arzt; die Sakramente, die er aus seinem Blut bereitetsind die Arzneien; die Lehre, die von seinen gebenedeiten Lippen fliesstist der Labetrunk; seine Diener und Helfer, die Priester, sind die Krankenwärter; die Krankendas sind wir alle! Einige lebensgefährlich, andere in der Agonie, andere genesend, frischer und kräftiger denn zuvor. Einige sind gesund: das sind die Heiligen! die haben des heiligsten Blutes Wunderkraft in sich wirken lassen. Ein Genesender ist mein Lelio. Sie aber, Signora, wenn Sie das Sakrament der Taufe empfangen, dann werden Sie in Christo geheiligt, zum ewigen Leben wiedergeboren und durch die heiligmachende Gnade und die göttlichen Tugenden geistiger Weise umgeschaffen, ein Kind der Kirche, eine Tochter Gottes, ein Erbe des Himmelreiches; das ist das Höchste, was der Mensch werden kann, und Dem entsagt keine gute, vernünftige Seele, um sich einer unvollkommenen sekte anzuschliessen."

"Es ist eine schwindelnde Höhe," sagte Judit und schloss unwillkürlich ihre Augen. "Kann man sich dort halten?"

"Die Heiligen konnten es! Durch das heilige Busssakrament reinigten sie fort und fort ihr Gewissen von jedem Stäubchen und wurden mehr und mehr darüber erleuchtet, wie notwendig diese unausgesetzte Reinigung sei. Und durch das Sakrament des Altars empfingen sie in ihrer gereinigten Seele wahrhaft und wesenhaft den Leib des Herrn mit seiner Gotteit und verklärten Menschheit–und der brachte ihnen dann alle Gnaden, alle Kräfte welche sie nötig hatten, um in ihren Kämvfen zu siegen. Denn kämpfen mussten sie mit den heiligen Waffen der Abtötung und des Gebetes, tüchtig kämpfen, da es in heiliger Schrift heisst: 'Nur die Gewaltigen reissen das Himmelreich an sich.' Unsereiner steht ja nun freilich ganz niedrig neben der Höhe der lieben Heiligen; allein uns stehen ganz dieselben Gnadenmittel zu Gebot, um uns nach unserem Massstab zu heiligen. Ist unsere Seele befleckt durch Sünde, so wascht der barmherzige göttliche Samaritan sie im Busssakramente wieder rein; und wird sie schwach und hinfällig in den tausend Prüfungen und Versuchungen, so speist er sie im Altarssakrament durch sein Fleisch und Blut; und dass wir alle, die Heiligen wie die armen Sünder, an diesem heiligen Gastmahle teil nehmen, wo unser Gott sich zur Speise unserer Seelen macht: das, Signora, stiftet eine so wundersame Liebesgemeinschaft zwischen ihm und seiner Kirche, dass man für ihn, den König und den Bräutigam, mit Freuden lebt und stirbt und Opfer bringt."

"Lelio hatte wohl Recht zu sagen, seine Mutter sei eine fromme, vortreffliche und kluge Frau." sagte Judit.

"Ob ich gut und fromm bin, weiss Gott allein!" erwiderte Pasqualina. "Bin ich's – so wolle Gottes Gnade mich so erhalten bis zu meinem seligen Sterbestündlein. Klug aber bin ich gar nicht, Signora! meine Klugheit steckt im Katechismus und in der Betrachtung des bitteren Leidens und Sterbens des Herrn. Im Katechismus stärke und erleuchte ich meinen Glauben und in der Betrachtung kräftige und erwärme ich meine Liebe. Das kann jeder haben!"

"Der danach verlangt!" setzte Judit hinzu. "Aber nun noch eine Frage teure Signora! Wenn ich katolisch bindarf ich dann einen Akatoliken heiraten?"

"Bei uns zu land kommt, Gott Dank