aber das Gnadenglück, das christliche Glück – wie soll ich es nennen? im Opfer: so brauchte ich nur meine Neigung zu mir selbst zu opfern und sieh'! ich wäre glücklich, nämlich so, wie die ersten Christen es verstanden. – – Dazwischen fiel ihr ein, ob dieser junge Geistliche nicht vielleicht sehr exaltiert sei und zu hohe Forderungen an die Menschen mache; ob es nicht geraten sei, sich an einen Akatoliken zu wenden. Dann dachte sie aber an die Herren im schwarzen Frack mit weisser Kravatte, welche die arme Ester besucht hatten und welche zuweilen die Bibel und zuweilen ihre Gattinnen mitbrachten, und dann sprach sie mit energischer Entschiedenheit zu sich selbst: Nein: göttliche Offenbarung will durch geheiligte Organe verkündet werden und himmlische Wahrheit von geweihten Lippen fliessen! Ich hasste jene armen protestantischen Prädikanten, weil sie meiner geliebten Ester keinen Trost gewährten. Daran hab' ich vielleicht sehr Unrecht getan, denn niemand kann etwas anderes geben, als was er hat, und sie haben ihr Buch und ihre Frauen – aber die Weihe zum Apostolat haben sie nicht. Sie sind vielleicht sehr rechtschaffene Hausväter – aber Priester, aber Lehrer einer übernatürlichen Weltordnung können sie nicht sein! dazu gehört eine volle Hingebung an dieselbe, und sie haben ja Wurzel gefasst in der Alltagswelt. Zu Priestern braucht Gott Männer mit einem ganzen Herzen; diese – geben ein gutes Stück davon an Weib und Kind. Der Priester ist fremd, und sie sind heimisch im Irdischen. Der Priester steht über mir: sie sind meines Gleichen; er ist der geweihte Verkündiger der ewigen Wahrheit und gibt sich bedingungslos allen Anforderungen seines Berufes hin; sie sind ... ja, ich weiss nicht, ob sie ausser Familienvätern, Staatsdienern und Bürgern noch etwas sind ... noch etwas sein können. Genug, das steht fest für mich: ich will nichts zu tun haben mit einer Religionsgesellschaft, die ohne geweihten Priesterstand ist! Dem Priester glaube' ich, dem Menschen nicht! den Priester verehre ich, den Hausvater nicht. Nur der, welcher im Namen Gottes und als berufener, geweihter und gesendeter Diener Gottes zu mir spricht, flösst mir Glauben und Verehrung ein. Aber warum? .... Täusche ich mich nicht? Weil er vom Altar Gottes kommt – vom Opfer; und mich zu ihm hinführt – zum Opfer; während der Hausvater kommt – was weiss ich woher! und mich führt – zum häuslichen Herde! Mein Gott! .... und Orest will sich ihnen zuwenden um unseres häuslichen Herdes willen! Wird denn Gottes Gnade darauf liegen? – –
In heftiger Beängstigung ging sie im Zimmer umher, ratlos, gequält eilte dann zu ihrer Kammerfrau und sagte
"geben Sie mir Ihren Hut und Ihren Shawl; ich will zu armen Leuten."
"Doch nicht gehen?" fragte die erstaunte Zofe.
"Nein! ich will im Fiakre inkognito fahren."
An dergleichen Einfälle war die Kammerfrau gewöhnt. Judit entschlüpfte unbemerkt ihrer wohnung, stieg auf dem Korso in den ersten besten Fiakre, fuhr zur Kirche Maria della pace, entliess ihn dort und hielt Nachfrage nach dem haus von Lelio's Eltern. Sie fand es schnell, traf Lelio's Mutter allein und hörte voll Schreck, er sei nicht daheim. Die obligate Phrase: er werde aber gewiss bald zu haus kommen, hielt Judit fest, um so mehr als ihr einfiel, sie könne ja eben so gut der Mutter wie dem Sohne einige fragen vorlegen und vielleicht von ihr noch bestimmtere Antwort erhalten.
"Signora," hub sie an, "ich weiss durch Ihren Sohn, dass Sie eine fromme Frau und eine treue Mutter sind; da ich nun keine Mutter habe, an die ich mich mit meinen Anliegen wenden könnte, so führt mich Gott zu Ihnen. Ich bin nämlich eine Jüdin, die sich zum Christentum bekennen will."
Signora Pasqualina hatte Judit etwas kühl empfangen. Wer war diese schöne person, die so ganz ohne Umstände und ohne sich zu nennen auftrat und nach Lelio, wie nach einem guten Bekannten fragte? Kühl hatte sie den Anfang von Judit's Rede vernommen; aber bei den letzten Worten trat ein warmer Freudenausdruck in ihr ganzes Wesen. Sie hub hände und Augen zum Himmel, indem sie rief: "O welche Gnade! welche Gnade!" und als sie wieder auf Judit blickte, fielen ein paar Tränen von ihren Wimpern.
"Freuen Sie sich so sehr über meine Bekehrung?" fragte Judit überrascht und gerührt; "ich bin Ihnen ja ganz fremd."
"O, was tut das!" rief Pasqualina. "Es wird eine Seele gerettet! das Blut Jesu kommt zu Ehren an einer Seele! der süsse Name Jesu wird in Ewigkeit verherrlicht durch eine Seele! das Reich Jesu wird ausgebreitet, der Wille Jesu vollzogen auf Erden wie im Himmel, durch eine gerettete Seele! und ich sollte nicht frohlockend Gott loben und preisen für solches Glück, für solche Freude, an der die ganze streitende und triumphierende Kirche samt allen himmlischen Heerscharen teil nimmt? O, meine liebe Signora darüber können Sie sich nur deshalb wundern, weil Sie noch nicht wissen, welche Gnadenschätze Ihnen zu teil werden, und welche Liebe alle durchströmt und verbindet, die mit Ihnen diese Schätze geniessen!"
"Und wer sind die?" fragte Judit.
"Alle, die zur heiligen Kirche gehören."
"Ach," sagte Judit,