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an.

"Zank im Trauerhause!" sagte die kräftige stimme des Pater Guardian, der jede Veranlassung benutzte, um den Leuten ins Gewissen zu reden, und jetzt mit ernster Miene in das Portierstübchen trat. "Was heulst Du denn wie ein altes Weib?"

"Sie sagen, mein Vater wär' ein Taugenichts gewesen und nicht wert, vom hochwürdigen Herrn versehen zu werden, und gleichsam sein Mörder," erwiderte der Bursche schluchzend.

"Was schwatzt Ihr da für Unsinn, Ihr Taugenichtse!" sagte der Guardian in der Redeweise, die ihn bei den Leuten äusserst beliebt machte, und drohte mit seinem langen hageren Finger dem Kutscher und dem Portier dicht vor den Augen. "Für wen ist der Herr Jesus vom Himmel gekommen? Gerade für die TaugenichtseEuch, mich, uns alle inbegriffen, denn wir alle taugen nichts vor Gott. Für wen hat er sein bitteres Leiden und Sterben geduldet? für die Taugenichtse! Für wen sein heiligstes Blut vergossen und die heiligen Sakramente eingesetzt? für die Taugenichtse! Für wen den Priesterstand geordnet und gesendet? für die Taugenichtse! Er will sie ja alle selig machen, alle im Himmel haben. Nun, das seht Ihr doch ein: hat Christus der Herr bereitwillig für die verkommenste Seele sterben wollen, so muss der gute Priester auch dazu bereit sein. Einen besseren Priester als unseren lieben hochwürdigen Herrn hat unser Herrgott selten gehabt. Der hatte so ganz den hochgeborenen Grafen ausgezogen, um ein Diener der Seelen zu werden, wie nicht jeder von uns den alten Adam auszieht. Der war immer bereit, dem Herrn Christus nachzufolgen, und die Fusswaschung, welche dieser an seinen Aposteln übte, geistiger Weise an allen armen Sündern zu vollziehen. Ihm war SeeleSeele! Punktum. Ihr meint, wenn ein Kaiser da im Bauerhof gelegen hätteoder zum mindesten ein König: dann wär's der Mühe wert gewesen in tiefer Mitternacht durch Sturm und Schnee hinaus zu traben und sich den bitteren Tod zu holen. Allein der Sohn Gottes war nicht Euerer Meinung, und sein frommer Priester, der liebe hochwürdige Herr auch nicht. O, Ihr Leute! seht doch ein, wie schön das ist und welchen Edelstein in seiner Krone das gibt: er hat nicht bloss für einen gewöhnlichen armen Sünder, sondern so recht, wie der liebe Heiland, sein Blut für einen Menschen hingeströmt, der ihn einst um's Leben zu bringen versuchte. Seht! solche Dinge zu üben, das bietet der liebe Gott denen an, die sich heiligen wollen, und wenn sie dieselben annehmen, so heiligen sie sich. übrigens, Ihr Taugenichtse, ob Ihr dermaleinst so bussfertig in Euerem letzten Stündlein sein werdet, wie ich höre, dass der arme Wendel gewesen ist, das wollen wir seiner Zeit erst erleben."

"Ich hoffe, der hochwürdige Herr Pater werden das nicht gerade bei mir erleben," sagte der Kutscher ehrlich, im Hinblick auf seine dreissig, und auf die sechszig Jahre des Guardians.

"Ah, ich verstehe schon!" rief der Pater, und sah ihn freundlich mit seinen guten klugen Augen an. "Ich soll Euere bussfertige Gesinnung früher kennen lernen! Recht so! das ist brav! dazu haben wir die gnadenreiche heilige Fastenzeit. Sonntag Invocavit liegt hinter uns; habt Ihr vergessen, Gott den Herrn anzurufennun wohlan! Sonntag Reminiscere ist vor der Tür! da seid eingedenk, dass nolens volens Euer letztes Stündlein über Euch kommt, mög' es auch noch hundert Jahre währen, und dass mit jedem Jahr Euere Rechnung im himmlischen Schuldbuch grösser wird. Du aber, mein Wendelbub', lass das Heulen und schreibe' Dir's hinter die Ohren, was Du eben gelernt hast: lebe so fromm und rechtschaffen, dass niemand Dir bei Deinem Absterben mit Wahrheit nachsagen dürfe, Du seiest ein Taugenichts gewesen."

Ein Postillonshorn unterbrach schmetternd den Guardian; ein Wagen rollte in den Schlosshof. Die Baronin Isabelle war es. Sie kam, um mit Levin Regina's Tod zu beweinen. Sie weinte jetzt neben seiner entseelten Hülle.

Mir ist, als wären zwei gute Sterne für Windeck untergegangen," sagte sie in Tränen zum Pater Guardian.

"Ja," sagte er, "aber um im Himmel schöner aufzugehen."

Sonnenaufgang

Auf der Grenze zwischen Frühling und Winter pflegen heftige Stürme auszubrechen, und nicht ohne starke Erschütterung geht die natur aus toter eisiger Erstarrung zum warmen blühenden Leben über. Auf dem sittlichen Gebiet finden dieselben Erscheinungen statt; das eingeeiste erfrorene Herz taut nicht vom ersten Sonnenstrahl gründlich auf. Judit konnte eine gewisse stille Angst nicht überwinden, dass ihre Bekehrung zum Christentum Opfer von ihr fordern werde, die sie nicht zu bringen geneigt war. Hatte Lelio nicht vom Augenblick seiner Bekehrung an sein ganzes Leben verändert? Hatte nicht Ernest ein Leben voll ununterbrochener Entsagung geführt? Freilich behaupteten Beide, sie wären sehr zufrieden. Aber diese Zufriedenheit, die aus einer immerwährenden Überwindung aller Neigungen hervorgeht, ist doch nicht die, welche man sich wünscht, sagte Judit zu sich selbst; oder sollte es eine wirkung der Gnade sein, welche das Christentum mitteilt, im Opfer der Neigungen ein höheres Glück zu finden, als in ihrer Befriedigung? .... Und habe ich denn so böse Neigungen zu opfern? .... Habe ich überhaupt eine andere, als diezu mir selbst? als dieglücklich sein zu wollen? Besteht