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der Tod den Leib von Staub zum Staube legt, schlagen sie ihre volle Schönheit erst recht in der Seele auf, und was die Gnade gewirkt hat, entfaltet die Glorie.

"Bleib Du in mir, auf dass ich in Dir bleibe," sprach Levin.

"Wie ist Ihnen denn zu Mut, hochwürdiger Herr?" fragte der Pater Guardian, der keinen Augenblick den gottseligen Greis verlassen wollte.

"Ich hoffe die Güter des Herrn zu schauen im land der Lebendigen," antwortete Levin mit dem Psalmenverse aus dem Officium für die Abgestorbenen.

"Das glaube' ich," erwiderte gerührt der Pater. Er liess noch zwei Kapuziner aus Englberg holen, um mit ihnen im Gebet abzuwechseln für den Fall, dass die Agonie lang sein werde.

Auch der Arzt kam und verordnete dies und das, wie jemand, der da weiss, dass die Verordnungen vergeblich sind. Auf seine Frage an den Kranken, ob er sehr leide, da seine Brustbeklemmung auf grosse Qual schliessen lasse, erwiderte Levin abermals mit einem Psalmenverse aus dem Totenofficium:

"Der Herr regiert mich, nichts mangelt mir. Auf einem Weideplatz am wasser der Erquickung hat er mich gelagert."

Er sprach nichts Irdisches mehr. Fragte man ihn, so gab er Antwort aus den heiligen Schriften. Da der Guardian sah, dass er seine Seele ganz in das erhabene Totenofficium versenkt hatte, so begann er es mit den beiden Patres zu beten, als diese aus Engelberg sich einstellten. Das machte dem Kranken eine unsägliche Freude. Manches, was ihm besonders lieb war, oder was besonders auf ihn passte, betete er mit.

"Um eines hab' ich gebeten den Herrn; dass ich weile im haus des Herrn alle Tage meines Lebens." –

"Mein Herz hat zu Dir gesagt: Es suchet Dich mein Angesicht." – –

"Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen, der Herr aber nimmt mich auf." – –

"Er zog mich aus der Grube des Elendes und er stellte auf einen Felsen meine Füsse." – –

Aber nur an der Bewegung seiner Lippen merkte man, dass er mitbete, denn sprechen konnte er zuletzt nicht mehr, so qualvoll arbeitete seine Brust. Das währte so lange, bis der Tag sich neigte. Da wurde er still und immer stiller, und als eben der Pater Guardian in der siebenten Lektion an die Worte kam: "Nach der Finsternis hoffe ich auf Licht" – machte plötzlich ein Lungenschlag sanft seinem Leben ein Ende, so sanft, dass niemand den Augenblick seines Abscheidens bemerkte. Sein ganzes Leben war ein friedliches Hinüberwallen aus der Unruhe der Zeit in den Frieden der Ewigkeit gewesen, und so war auch sein Tod. Und wie er einsam unter den Menschen gestanden und nur am Herzen Gottes Zuflucht und Trost gefunden hatte, so starb er auch einsam, ohne Freunde, ohne Verwandte, und nur die frommen Männer waren bei ihm, die sich, wie er, arm im Geist und arm im Herzen gemacht hatten, um reich in Gott zu sein. Eine hehre Stille erfüllte das Sterbezimmer und das ganze Schloss. Die Nachricht von seiner gefährlichen Erkrankung hatte sich blitzschnell in der ganzen Gegend verbreitet, und es kamen Leute stundenweit herbeigeeilt, um zu hören, wie es mit ihm stehe. Die meisten hatten sich in die Kapelle begeben und beteten; andere sassen unten in der grossen Halle und in den Zimmern der Dienerschaft und harrten. Niemand konnte sich entschliessen, fortzugehen. Da kam der Pater Guardian ernst von der Treppe herab und sagte zu den Leuten gewendet, die in der Halle versammelt waren, mit feierlichem Ton:

"Herr, gib ihm die ewige Ruhe."

"Und das ewige Licht leuchte ihm" – sprachen alle aus einem mund und fielen auf die Knie.

"Er ruhe im Frieden. Amen," sagte der Pater.

Nun wusste man, dass er am Ziele sei! In alle Augen traten stille Tränen, auf alle Lippen stille Gebete, in alle Herzen stille Wehmut! man gönnte ihm die selige Ruhe.

"Er ist sicher vom mund auf in den Himmel gegangen," sagte der Haushofmeister, der fast ebenso alt wie Levin, und aus den zeiten von dessen Eltern war.

"Kann irgend eine Seele ohne Fegfeuer durchkommen, so ist das gewiss die seine!" rief die Haushälterin.

Einer von Wendels Söhnen war von der Bäuerin ins Schloss geschickt, um Kunde über Levin zu holen, und um anzuzeigen, dass Wendel in seinem bewusstlosen Zustande ruhig verschieden sei. Der arme Bube wurde nicht freundlich von der Dienerschaft empfangen. Der Portier sagte mürrisch:

"Dein Vater hat den Tod des hochwürdigen Herrn auf seinem Gewissen."

"Ja!" rief der Kutscher in stiller Wut über seinen Unfall, umgeworfen zu haben, was ihm noch nie auf Windeck geschehen war. "Ein Unwetter, wo man keinen Hund vor die tür jagen mag, eine pechrabenschwarze Nacht, in der keine Eule Hand vor Augen sehen kann, da den hochwürdigen Herrn aus dem Bette zu holen: das nenn' ich unverschämt."

"Der Vater jammerte nach ihm," sagte der arme Bursche niedergeschlagen.

"Und wärs noch ein anderer gewesen!" rief der Portier; "aber gerade der Simpel und Taugenichts Wendel!"

"Für den musste sich der hochwürdige Herr den Tod holen!" setzte der Kutscher ergrimmt hinzu.

Der Bursche hub laut und kläglich zu weinen