1860_von_Hahn_Hahn_162_241.txt

Wangen – –

Früh um vier Uhr las er für die teuere Abgeschiedene eine Seelenmesse, diesen Balsam für die schmerzlichste Trauer. Nicht bloss den Lebenden gehört der ewigströmende Gnadenbronnen des Blutes Jesu an; nicht bloss für sie öffnet er wieder bei der Feier der heiligsten Geheimnisse seine Wunden, um ihnen alle Gnaden zuzuwenden, welche an seinen Versöhnungstod geknüpft sind. Sein göttliches Blut gehört allen Seelen an und die Abgestorbenen sind ja so rechtSeelen! arme Seelen, die durch dieses Blut reinigende und heiligende Kraft von den Makeln und Flecken befreit werden, welche langsam das Purgatorium tilgt; Makel und Flecken, welche die Seele nicht zur Seligkeit gelangen lassen, denn "nichts Unreines kann in den Himmel eingehen" – heisst es in heiliger Schrift. Wie süss ist also die Hoffnung, wie wahrhaft der Trost, welche die Leidtragenden aus der Darbringung des hochheiligen Messopfers schöpfen. Ein Tröpflein vom Blut Jesu der geliebten Seele zugewendet, vermag mit seiner unendlichen Kraft sie zu reinigen und sie zur Anschauung des höchsten Gutes zu führen! Levin gewann all' seine Fassung wieder, nachdem er sich in heiliger Kommunion mit Gott vereinigt hatte und ein namenloser Trost überströmte sein Herz bei dem Gedanken, dass Regina vor allem Wechsel und Wandel geborgen, in Sicherheit gebracht und einem Leben entronnen sei, welches dem Menschen nie die Gewissheit gibt, dass sein nächster Schritt ihn nicht bergab führe. Sie lag nun im Sarge, im braunen Habit der Karmelitessen, mit einem Kranz von weissen Rosen über dem schwarzen Schleierein unaussprechlich schönes Bild, rührend in seiner Erhabenheit. Der schwarze Schleier, der sie umrahmte, war die Folie des Kranzes, den ihr Haupt wie eine Glorie von leuchtenden Sternen trug. Ein seliger Friede lag auf ihren Zügen, ihr eigentümlich schönes Lächeln war ihnen noch eingeprägt. Sie sah aus, als sei ihre Seele frohlockend von der Erde geschieden.

"Requiescat in pace," sagte Levin, als er zum letzten Mal mit Weihwasser die schöne Hülle segnete. Dann nahm er Abschied von Himmelspforten.

"D e r Aschermittwoch," sprach er scheidend zur Oberin, "hat uns eindringlicher als das Aschenkreuz auf unserer Stirn gepredigt: Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris!" –

Von Windeck aus schrieb er an Graf Damian, dass ein Zehrfieber Regina's Leben ein Ende gemacht und Gott ihn wunderbarer Weise an ihr Sterbebett geführt habe. Ausführlich beschrieb er ihre letzten Stunden, deren Zeuge er gewesen war, und setzte viel Liebliches und Trostreiches hinzu, was ihm die Oberin, der Superior und der Beichtvater aus ihrem Ordensleben erzählt hatten. Wie früher in der Welt, so jetzt im Kloster führte sie ihren Wahlspruch "Solo Dios basta" tatsächlich durch; darum dürfe um ihre frühe Seligkeit kein trostloser Jammer ausbrechen; diese Lilie des Carmels blühe ja ihnen allen zum Troste leuchtend im ewigen Frühling fort.

Er aber sehnte sich nach diesem Frühling! Fünfundsiebzig Jahre, die der übernatürliche Mensch im Kerker des Leibes gelebt hat, sind lang, auch für die demütigste Ergebung. Aber keine Schwäche des Alters, keine Stumpfheit der Sinne, keine Abnahme des Gedächtnisses, kein Versagen der inneren oder äusseren Fähigkeiten stellte sich ein; das Unsterbliche herrschte in ihm vor. –

Ein tosender Schneesturm, wie er zuweilen im Februar, besonders wenn milde Tage vorhergehen, als Mahnung an den Winter ausbricht, umsauste eines Abends Schloss Windeck mit solcher Gewalt, dass die Fenster stossweise klirrten und die mächtigen Aeste der Linden und Kastanien auf der Terrasse erkrachten. Die Wetterfahne drehte sich angstvoll kreischend über den ungestümen Tanz, den sie mit dem Sturm machen musste, und Käuzlein und Uhu, verstört in ihrem sonst so behaglichen nächtlichen Treiben, schrieen und seufzten um die Wette und flatterten mit ungeschicktem Flügelschlag verwirrt und betäubt gegen die Fenster, hinter denen Licht schimmerte. Der Aberglaube spricht: Fliegt ein Käuzlein mit seinem scharfen Schrei: komm mit! komm mit! gegen ein Fenster, so muss in dem haus ein Mensch sterben. Im ganzen Schloss war es still und dunkel, die Mitternacht fesselte alle Bewohner im ersten Schlaf. Nur Levin wachte. Plötzlich schien ihm, dass am Gittertor des Schlosshofes die grosse Glocke heftig gezogen werde. Aber der Sturm war eben in seiner Flut und sauste betäubend. Nach einigen Minuten fiel er; Levin horchteund hörte genau hastige Glockenzüge. In solcher Nacht! ein Kranker ruft mich! das war sein erster Gedanke. Er zündete Licht an, kleidete sich schnell, wartete nicht, bis der Portier erwache und ihn rufe, warf seinen Mantel um und ging eilig hinab. Als er sein Zimmer verliess, flog ein geblendetes Käuzlein gegen sein helles Fenster und schrie: komm mit! komm mit! Unwillkürlich dachte Levin an den Volksaberglauben, aber nicht für sich besorgt, sondern für den Kranken. Vielleicht stirbt ein Mensch, ehe du zu ihm gelangst! seufzte er. Inzwischen kam ihm unten der Portier verstört entgegen mit der Meldung, des Wendels ältester Sohn sei draussen und jammere nach dem hochwürdigen Herrn, denn der Wendel selbst liege in den letzten Zügen, sei aber vollkommen klar im Kopf und begehre ihn zu sprechen.

"O du grundgütiger Gott! du lässt den Armen nicht in seinen Sünden dahinfahren!" rief Levin.

"Befehlen der hochwürdige Herr, dass die kleine Kalesche angespannt werde?"

"Ja, sie kann mich abholen," sagte er, eilte in die Kapelle, versah sich mit dem heiligen Öl und mit dem heiligen Altarssakrament