1860_von_Hahn_Hahn_162_24.txt

Stamberg, um sie noch einmal der Grossmama vorzustellen, und dann zu den Dames du Sacré Coeur im Elsass. Juliane musste nach ihrer Gewohnheit Einwendungen gegen diesen Erziehungsplan machen, von dem sie ahnte, dass er mittelbar von Kunigunden herrühre. Weshalb nicht die Kinder nach Mannheim bringen, in das weltberühmte Institut, dessen glänzende Resultate man kenne. Oder noch lieber nach Norddeutschland, wo man überhaupt auf einem viel höheren Stand der Bildung stehe, nach Dresden zum Beispiel; da könnten künstlerische Anlagen in ihnen entwickelt werden. Gab es aber irgend etwas, wodurch Damian in seinen Ansichten und Plänen bestärkt wurde: so war es gewiss der Widerspruch seiner Mutter. Ohnehin ging er nicht leicht von seinen Ideen ab und so hatte Julianens Missbilligung nicht die geringste wirkung auf ihn. Er war ganz gleichgiltig gegen ihre beständige Krittelei.

Der Abschied von seinen Töchtern, die Heimkehr nach Windeck, die Verödung seines Hauses stimmten den Grafen ungemein schwermütig. Er hatte an Kunigunden die treueste Freundin gehabt, deren Teilnahme zu jeder Stunde, für jede Kleinigkeit ihm gewiss war und die sorgsam alles zu entfernen oder selbst zu übernehmen wusste, was ihn belästigte oder verstimmte. Er hatte in Uriel und Orest schon Gesellschafter gehabt, die mit ihm jagten und ritten, und in den beiden fröhlichen, kleinen Mädchen eine beständige Quelle des Scherzes und der Heiterkeit. Er hatte an dem Personal, welches die Erziehung der Kinder bald für immer, bald zeitweise, ins Haus brachte, eine Unterhaltung gehabt. Hofmeister, Musiklehrer, Zeichenlehrer, Tanzlehrer, Engländerin, Französin und was sonst noch die moderne Erziehung erheischen mag, zog auch in Windeck ein und aus. zwölf Personen am Familientisch, das war die geringste Zahl; und zwischen ihnen allen war er der Herr, war er der Mittelpunkt. Ihn wollten alle unterhalten; ihmalle gefallen. Um ihn bemühte sich alles, drehte sich alles. Kunigunde gab allen die Richtung auf ihn, die sie selbst nie verlor. Jetzt hatte er niemand als den Onkel Levin, den dreizehnjährigen Hyazint und dessen Erzieher, einen jungen Geistlichen.

"Seitdem ich keine Frau mehr habe, komme ich mir gar nicht vor wie der Herr des Hauses," sagte er oft.

Levin versuchte saiten zu berühren, die in traurigen Herzen manchmal Anklang finden: Ergebung, Entsagung, Hinwendung zum höchsten Gut, das für den Verlust jedes anderen einen himmlischen Ersatz bietet. Allein dafür war der Graf taub. Er fühlte sich seiner glücklichen Existenz beraubt und fasste es nicht, wie man ohne eine solche zufrieden leben könne. Die Selbstsucht war noch immer übermächtig in ihm.

"O wie beneide ich den geistlichen Stand um seine ewige, unzerstörbare Ruhe!" äusserte er einmal in aufgeregter Traurigkeit gegen Levin. "Der Priester ist der glücklichste Mensch auf Erden. Er fühlt keinen Schmerz mehr."

"Die stille Ruhe fliegt ihm nicht an," entgegnete Levin sanft; "sie will erkämpft sein. Und der Schmerz flieht nicht von selbst vor ihm; er will bezwungen sein. Und nicht mit einem Kampf ist die Ruhe auf immer hergestellt und nicht mit einem Willensakt der Schmerz besiegt! Das dauert fortdurchs Leben. Aber wir sind freilich wie tüchtige Soldaten darauf eingeübt, uns nicht den Feind über den Kopf wachsen zu lassen, sondern uns bei zeiten durchzuschlagen."

"Was kann der Priester für Schmerzen haben?" fragte der Graf unbefangen. "Er hat nicht Weib noch Kind; er verliert sie nicht; er kennt keine sorge um sie. Gegen irdische Leidenschaftendenn es versteht sich, dass ich von einem frommen Priester redeschützen ihn Stand, Beruf und Gnade; woher soll also für ihn der Schmerz kommen?"

"Aus der Sünde, der eigenen und der fremden," entgegnete Levin und heftete sein seelenvolles Auge auf Damian. "Aus der Sünde, die den Gekreuzigten, welcher aus einem Wunder der Liebe für uns stirbt und aus einem anderen Wunder der Liebe für uns lebt, wieder und immer wieder kreuzigt und die Seelen, die er retten will, ihm entreisst und in den ewigen Tod stürzt. Der Schmerz um die verschmähte Liebe Gottes, um das Elend des Sünders, um die Leiden der Kirche, um den Abfall vom Glauben, um die Anfeindung der Religion bewegt sich in einer anderen Sphäre, als die der irdischen Verhältnisse, aber er hat auch seinen Stachel, auch seine Bitterkeit, mein lieber Damian, und wenn wir ihn nicht hinnehmen würden, als einen Dorn aus der Krone, die Christus trägt, und als einen Anteil an dem Kelch, den Christus trinkt: so würde kein Menschenherz stark genug sein, um ihn zu ertragen."

"Das ist es ja eben, lieber Onkel: Sie haben immer das Kreuz bei der Hand, an das Sie sich lehnen."

"Ergreife das Kreuz, dann hast Du es auch. Das Kreuz ist ein Gemeingut der Menschheit und hat für uns alle dieselbe Kraft. Es tut uns weh und heilt all' unser Weh."

Aber das wollte der Graf nicht verstehen! – Um sich zu zerstreuen, reiste er viel, ging in die Bäder, machte bald in Wien, bald in Paris einen Winteraufentalt und besuchte alle Jahre einmal seine Töchter, während seine Söhnewie er sie nanntein den Ferien nach Windeck kamen und munteres Leben mit sich brachten. Durch die oberflächliche und erkältende Berührung mit der Welt liess sich der Graf mehr und mehr von jeder höheren