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er einst um seine arme Mutter ausgestanden hatte, erneuerten sich auf eine noch unheilvollere Weise, um eine noch drohendere Gefahr. Die Verachtung der Liebe und Gnade Gottes, die vor einem halben Jahrhundert seinen jungen Augen so viel tausend Tränen gekostet hatte, drängte ihm auch jetzt wieder sein Herzblut in bitteren Zähren aus den Augen. Und hätte er noch ein halbes oder ganzes Jahrhundert gelebt, und noch eines, und abermal eines, und so fort bis zum jüngsten Tage: so würde er fort und fort das nämliche Herzeleid zu tragen, denselben Jammer zu beweinen haben: die Beleidigung der ewigen Liebe durch die Sünde des Geschöpfes! Dann gedachte er des furchtbaren mystischen Leidens, welches der göttliche Erlöser am Ölberg ausgestanden, gerade weil er im Geist das grenzenlose Elend überschaute, das er mit seinem heiligen Blute heilen wollteund das sich dennoch, dennoch! so vielfach gegen die himmlische Arznei sträubt, dass sie ach! nicht für alle ihre wirkung tun, nicht allen die Genesung der Seele bringen kann. Ja! seufzte Levin aus tiefster Brust, zur vollkommenen Vereinigung mit Gott gehört die willige Annahme dieses Leidens, das über alle menschliche Grenzen von Gram und Kummer hinausreicht! Dann dachte er an Regina, wie sie die Schreckensnachricht aufnehmenob sie in ihrer Gelassenheit bleiben werde. Ein grosses Verlangen, gemeinsam mit ihr die Mutter Gottes vom Karmel anzurufen, erwachte in Levin. Er hatte nie gewünscht, sie zu sehen; er wusste ja, dass er sicherer und ungestörter am Fuss des Kreuzesals im Sprachzimmer zu Himmelspforten sie finden könne. Aber jetzt war ihm zu Sinn, als ob die Hand Gottes ihn zu Regina führe. Er fuhr nach Würzburg und ging sogleich zum Kloster, wo er auf seine Frage nach ihr den Bescheid erhielt, sie sei krank und könne nicht im Sprachzimmer erscheinen. Da nannte er sich und liess die Oberin bitten, ihm nähere Auskunft zu geben. Die Oberin kam eilends und verhehlte ihm nicht, dass Regina sterbend sei. Levin faltete die hände und sagte sanft:

"Also darum hat Gott mich hergeführt."

Er begab sich zum Bischof und bat um Erlaubnis, in die Klausur eintreten zu dürfen, um die Sterbegebete über die Tochter seiner Seele zu sprechen. Der fromme Bischof gab die Erlaubnis mit gerührter Teilnahme, dass der Tod an dem fünfundsiebenzigjährigen Greise vorübergehe und die junge Lebensblüte dahinraffe. Als Levin nach Himmelspforten zurückkam, war es schon spät Abends; aber die Tür öffnete sich ihm, wie das die Regel ist, als er des Bischofs schriftliche Erlaubnis vorzeigte. Die Oberin empfing ihn und setzte ihn von Regina's Zustand in Kenntnis, während sie ihn zu der Zelle der Kranken führte. Bis zum Weihnachtsfest hatte sich Regina trotz ihrem Leiden ziemlich wohl befunden und die heilige Christnacht und die Ankunft des göttlichen Kindes in der Krippe mit frohlockender Freude gefeiert. Seitdem aber war es reissend bergab gegangen und das Fieber mit solcher Heftigkeit eingetreten, dass sie seit sechs Wochen weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe hatte und gänzlich davon aufgerieben war. Der Arzt zweifelte, dass sie den Morgen erleben werde. Die Oberin öffnete eine Tür; Levin trat in die armselige Zelle, an deren weiss getünchter, kalter Wand ein Kruzifix zwischen den Bildern der Mutter Gottes von der unbefleckten Empfängnis und der heil. Terese hing. Ein Strohstuhl und ein brauner Tisch, auf dem ihr Brevier und einige Andachtsbücher lagen, bildeten das Mobiliar dieser Zelle, die an Armut, wenn nicht mit dem Stall von Betlehem, so doch mit der Hütte von Nazaret wetteiferte. Regina lag im Bett; ihr Antlitz, halb verhüllt von weissen Linnentüchern, war weisser als sie, denn das Fieber hatte ihr Lebensmark verzehrt; die krankhafte Glut war eingesunken; sie verglimmte wie eine Kohle, die sich nach und nach mit Asche bedecktmit der Asche, welche der Tod auf sie streute. Zu Häupten des Bettes brannte die Sterbekerze; zwei Karmelitessen knieten daneben und beteten abwechselnd die Gebete der Sterbenden. Als Levin eintrat, hatte Regina ihre Augen geschlossen und ihre langen dunkeln Wimpern warfen einen breiten Schatten auf die geisterbleichen Wangen. Ihre hände lagen auf der Decke und hielten ein kleines Kruzifix. Aber im Gegensatz zu dieser Ruhe flog ihre Brust kampfhaft und unregelmässig auf und ab durch die schweren, hastigen Atemzüge. Auf den ersten blick sah Levin, dass es zu Ende gehe. Mit gebrochener stimme sagte er:

"Gelobt sei Jesus Christus!"

"In Ewigkeit! in Ewigkeit! .... lieber Onkel Levin", erwiderte Regina und schlug ihre grossen müden Augen mit einem blick von rührender Freude und Dankbarkeit zu ihm auf.

"Nun bist Du bald am Ziel, geliebtes Kind! die Braut Christi eilt dem himmlischen Bräutigam zu."

"Möge er mich nur als seine ächte Braut anerkennen und nicht allzu unwürdig finden," sagte sie. "Ich habe ihm sein gebenedeites Kreuz gar schlecht nachgetragen."

"Fandest Du es schwer, geliebtes Kind, so denke, dass Dein Erlöser auch seinen Kelch bitter gefunden hat."

Das äussere Kreuz war nicht das schwerste! das innere war es. Ach, die Desolationen von Getsemane und die Finsternis von Kalvariadie wollten mir zuweilen die Seele so überfluten, dass ich vergass, wie gerade sie die Hauptpunkte sind in der Nachfolge des himmlischen Bräutigams."

"Umsomehr musst Du seiner Gnade vertrauen, die so barmherzig für uns arme Sünder ist, wenn wir nur ein wenig guten Willens waren