, auf sie hören und ihr folgen wollen; und bei solchen Seelen ist das Amt des stellvertretenden guten Hirten, des Priesters, nicht schwer. Mit einem Wink seines Hirtenstabes, mit einem Zuruf aus seinem mund sammelt er sie gleich wieder auf den immergrünen Auen und an den silberklaren Wassern des christlichen Lebens, wenn sie zu einer dürren Weide abgeirrt sein sollten; und sein einziger Kummer ist der, dass ihr Fortschritt auf dem Wege der Vollkommenheit noch viel grösser sein könnte, als er bereits ist. Wohl ist es ein Kummer, neben der unbegrenzten Gnade Gottes immer die unvollständige Mitwirkung des Menschen, auch des edelsten, gewahr zu werden; aber wie anders, wie bitter und nagend ist der Kummer, welchen die Schäflein hervorrufen, die den guten Hirten nicht kennen wollen und sich von ihm abwenden. Da muss er durch Wüsten von Traurigkeit und über Dornen von Ängsten im Gebet den Verirrten nacheilen und nachweinen, nie die Hoffnung auf deren Rettung aufgeben, von keiner Enttäuschung sich entmutigen lassen und ach! oftmals erst dann sie erreichen, wenn sie vom Wolf zerfleischt ihr Leben aushauchen, von Dornen umstrickt sich verbluten oder gar in den Abgrund stürzen, welcher der ewige Tod, der Untergang der Seele heisst.
Je näher sich Levin dem Ende seiner Tage fühlte, um desto sorgenvoller sah er auf die kleine Herde, für welche er in besonders inniger Weise ein guter Hirt hatte sein sollen; und zogen auch die einen mit fliegenden Fahnen zur Eroberung des Himmelreiches aus – und folgten auch die anderen gemässigteren Schrittes nach: so waren doch Orest und Florentin entflohen der schirmenden Hürde und in eine Wildnis geraten, die ihnen den Untergang nahe legte. Ein Brief von Corona versetzte ihn in den tiefsten Schmerz. Sie teilte ihm den Inhalt ihres letzten Gespräches mit Orest mit. "Die Gefahr ist so gross, so dringend, dass ich die himmlische Hilfe des heiligen Gebetes in Anspruch nehmen muss," schrieb sie; "wenn das nicht wäre, so würde ich schweigen, wie ich bisher geschwiegen habe, weil ich die Überzeugung hege, dass alles, was man an Orest sagen mag, nur dazu beitragen würde, ihn in seiner jammervollen Verblendung zu bestärken und in seiner verkehrten Liebe zu befestigen. Ich schwieg, so lange diese traurige Sache gleichsam nur die meine war; ich hatte sein Herz verloren: das betraf mich allein. Aber jetzt soll seine Seele verloren gehen durch den Abfall vom Glauben: das ist die Sache Gottes! dagegen trete ich ganz in den Hintergrund, und nicht mehr für mich, sondern für Orest allein ruf' ich um Hilfe. So lange meine Augen offen stehen, habe ich in tiefster Aufrichtigkeit meiner Seele vor Gott auf alles und jedes verzichtet, was Glück, was Freude, was Trost, was Erquickung hienieden ist – wenn nur der grässliche Abfall verhindert wird. Wir alle müssen uns mit ausgebreiteten Armen zwischen ihn und die Hölle werfen, der er im Wahnwitz der leidenschaft zutaumelt." – –
Nachdem Levin diesen Brief gelesen hatte, faltete er die hände und rief:
"Den Kelch, o Herr, erspare mir!" Aber sogleich setzte er hinzu: "Wenn er Dir, o Herr, erspart sein soll! Wenn nicht – so gib mir die Gnade, ihn in der Vereinigung mit Dir zu leeren, diesen bittersten Myrrhentrank!"
"Ich muss nach Rom!" rief Uriel. "Der Unglückselige soll wenigstens von all den Seinen den Schrei des Entsetzens über sein Beginnen wie aus e i n e m mund hören. Corona hat Recht: wir müssen uns alle ihm in den Weg werfen. Vielleicht hemmen wir seinen Sturz."
"Geh, mein Sohn, Gott segne Dich und stehe Dir bei!" rief Levin lebhaft. "Corona schreibt, sie habe die Sache auch an Regina mitgeteilt, um sie zum Gebetseifer zu entflammen. So werden wir beide, sie und ich, denn unablässig unsere hände zum Gebet erheben, während Ihr in Rom vielleicht die Möglichkeit zu einem kräftigen Handeln findet."
Mit unsäglich schwerem Herzen entschloss sich Uriel zur Trennung von Levin. Der Greis war ganz allein, denn die Baronin Isabelle war verreist, war soeben an das Sterbebett ihrer teuersten Freundin, der einzigen Schwester ihres verstorbenen Mannes gerufen. Und nun sollte er diese qualvolle Zeit der Spannung, der Erwartung, der sorge – einsam bleiben, ohne Mitteilung, ohne Zuspruch, auf Briefe beschränkt, deren Nachrichten stets unvollkommen und folglich ungenügend sind!
"Darüber gräme Dich nicht," entgegnete Levin, als Uriel ihm seine Bekümmernis aussprach. "Es war mir bis jetzt ein grosser Trost, Dich bei mir zu haben, allein nun ist es mir ein grösserer Trost, Dich zu entbehren – zuerst, weil ich denke, dass Du in Rom mehr nötig bist, als hier; und dann, weil es mir ein Opfer ist, Dich gehen zu sehen. Dem lieben Gott in irgend einer Weise ein Opfer bringen zu dürfen, ist aber immer das glückseligste, was einem Menschen widerfahren kann. Reise getrost, mein Sohn." –
Uriel war schnell zur Abreise gerüstet und Levin blieb allein auf Windeck zurück. Ein schwererer Schlag als Orest's Abfall hätte ihn nicht treffen können! jeder andere hätte ein paar Dornen mehr auf den Erdenweg gestreut; aber über sie ging Levin hinweg, als wär' es Blütenschnee, der vor der Frühlingsluft herabrieselt. Dieser Schlag ging über die Erde hinaus. Die namenlosen Schmerzen, die