Vorstellungen eines heiligen Greises von der Welt zu Gott bekehrte. Sie hatte ihm gesagt, sie verstehe nicht zu beten. Da riet der Greis ihr, weiter nichts zu sagen, als: 'O Herr, der du mich erschaffen hast, erbarme dich meiner!' Das tat sie mit solcher inbrünstigen, demütigen, vertrauensvollen, reuigen Gesinnung, dass sie in dem Mass, wie sie zuvor Gott verachtet hatte, nun ihn lieben lernte und unter den grossen heiligen Büssern der alten Tage ihren Platz einnimmt. Ohne Sie in irgend einer Weise, weder vor noch nach Ihrer Bekehrung mit der heil. Taïs zu vergleichen, könnten Sie doch auch beten mit wenigen Worten und mit um so grösserer Inbrunst."
Judit ging unruhig im Zimmer auf und nieder, während Hyazint sprach. Endlich blieb sie vor ihm stehen und rief:
"Sie haben grosse Dinge in der kurzen Zeit gesagt – grössere, als ich je im Leben gehört habe. In den wunderbaren Geheimnissen von der Liebe Gottes zu seinem geschöpf, die ihn antreibt, sich mit dem Menschengebilde von Staub und Asche zu vereinigen und in die Erniedrigung einzugehen, um diesem armseligen Menschengeschlecht ein etwas von seiner göttlichen natur mitzuteilen und ihm die verlorene Anwartschaft auf das ewige selige Leben zurückzubringen: darin öffnet sich mir die Perspektive in eine ganz neue Welt. Aber Signor, wer sind Sie denn, dass ich Ihnen Glauben schenke?"
"Ich bin ein ganz geringer und unbedeutender Priester, noch jung, wie Sie sehen, Signora, und ohne irgend ein Verdienst, so dass meine Persönlichkeit nicht geeignet sein kann, Ihnen das mindeste Vertrauen einzuflössen; das ist in der Ordnung. Aber als ein Priester der heiligen katolischen, von Christus Selbst auf den Felsen Petri gegründeten und von den Aposteln ausgebreiteten Kirche, habe ich, trotz meiner Unwürdigkeit, die Gnade, das Glück und die Ehre, zu den Nachfolgern und Mitarbeitern der Apostel bei der Verkündigung des Evangeliums zu gehören, denn ich habe die Weihe und die Sendung zum Priester und zum Lehramt vom rechtmässigen Oberhaupt der Kirche, auf meinen Bischof übertragen, erhalten – und bin Ihnen Bürge mit dem ganzen Priesterstande der heiligen katolischen Kirche, dass jedes meiner Worte, insofern es die Lehre des Evangeliums betrifft, Ihren vollen Glauben in Anspruch nehmen darf und muss, weil es die volle, ungefälschte, göttliche Offenbarung verkündet, an der, in ihrer ewigen, objektiven Wahrheit, kein Deuteln und kein Feilschen gestattet ist. Lassen Sie sich von zehn verschiedenen Nationen und Zungen Priester rufen, und befragen Sie dieselben über ein beliebiges Dogma: alle Zehn werden Ihnen dieselbe Antwort geben, denn alle sprechen nicht ihre Ansicht oder Meinung oder Erklärung – sondern die Lehre der Kirche aus, diese wunderbare Lehre, die der heilige Geist hoch über alle Schwankungen und Verirrungen des menschlichen Geistes, für alle zeiten der Welt in ungetrübter, göttlicher Reinheit erhält."
"O wie hat Lelio die Kirche so richtig das Auge der Welt genannt," rief Judit. "Wie von allen Gliedern des Körpers nur das Auge das Licht schaut, besitzt, umschliesst: so besitzt die Kirche ganz allein auf Erden die Fülle der göttlichen Wahrheit und teilt dies himmlische Licht allen denen mit, die sich aus ihrer Finsternis zu ihr hintappen und Erleuchtung begehren!"
"In der Religionslehre der alten Parsen kommen, wie mehr oder minder bei allen orientalischen Völkern, neben gräulichen Karikaturen ganz wunderbar schöne Anklänge einer höheren Offenbarung, wie eine halbverschollene himmlische Sage oder wie ein Bruchstück der Tradition, die aus dem Paradiese stammt, vor;" sagte Hyazint. "Sie lehrten ein Lichtreich, in dem das Gute und Schöne ein Reich der Finsternis, in dem das Böse und Hässliche heimisch sei. Jeder Sieg des einzelnen Menschen über das Böse verstärkte das Lichtreich und jede Niederlage des Guten minderte es; und je nachdem sich der Mensch zu Ormuz oder Ahriman gehalten hatte, ging er im tod mit diesem in das finstere – und mit jenem in das lichte Reich ein. Drum nannten sie das menschliche Leben: den Weg zu beiden Schicksalen. Jeder hatte die Wahl, welchem Gott und welchem Schicksal er folgen wollte. Es treten Momente ein, wo auch im christlichen Sinn für jeden von uns das Leben vor uns liegt, als der Weg zu beiden Schicksalen, und ein solcher Moment ist für Sie gekommen. Die Nacht dämmert, das Licht bricht an."
"Möge es Tag werden!" rief Judit feurig. Dann setzte sie mit ernster Fassung hinzu: "Genug für heute, Signor! ich danke Ihnen. Ich muss jetzt in die Alltagswelt hinabsteigen. Lelio wird Sie in meinem Namen bitten, Sich später wieder einmal zu mir zu bemühen." –
Auf demselben Wege, wie Hyazint zu Judit gekommen war, verliess er sie und sein nächster gang war in die nächste Kirche, um vor dem Tabernakel den verborgenen Gott anzuflehen, Sein begonnenes Werk der Gnade in Judits Seele zu vollenden. Denn eine Bekehrung ist eine geistige Schöpfung; ein geistiges Leben bricht aus dem geistigen tod hervor; der verwesende Lazarus erhebt sich lebendig aus seinem grab; das ist eine Gottestat. Und davon war Hyazint so fest durchdrungen, dass er jeden blick auf sich selbst – den verzagten sowohl als den selbstgefälligen – gänzlich aus dem Auge verlor und sich hingebend versenkte in die unendliche Liebe des Gottes, der von sich gesagt hat: Er gehe als ein guter Hirt jedem verirrten Schäflein nach. War Judit gewonnen, so konnte auch Orest gerettet werden