seligen unzerstörbaren Ruhe folglich auch nicht den tausend Aspirationen des warmen und beweglichen Menschenherzens entsprechen kann! Nein, Signor! das ist zu viel begehrt. Eine aufrichtige Seele darf keine Verbindlichkeit eingehen, bei der sie die Überzeugung hat, ihre Verpflichtungen nicht erfüllen zu können."
"Das ist, vom natürlichen Standpunkt aus, eine ganz begreifliche Verzagteit;" erwiderte Hyazint. "Aber Sie vergessen, dass in Ihnen, unter all dem Schutt, der sich in Ihrem Herzen angehäuft hat, in Folge seiner abgestorbenen Wünsche, Hoffnungen und Liebe – der himmlische Mensch auferstehen soll, wie ein verschüttetes Götterbild zwischen Tempelruinen. Und dieser aus dem Blut Gottes geborene, vom Lebensatem Gottes durchseelte, in die Liebe Gottes untergetauchte Mensch – ist dem Gott nicht fremd, der sich durch seine Menschwerdung zum Bruder – durch sein Leiden und Sterben zum Opfer – durch seine eucharistische Gegenwart zum Liebhaber jeder menschlichen Seele gemacht, und ihr für niedrige Entsagung einen überaus prächtigen Ersatz, für vergängliche und dürftige Freuden eine grenzen- und endlose Wonne verheissen hat. Nicht müde werden die Propheten Ihres Volkes, diese Verheissung in immer neuen Wendungen zu wiederholen. Bald spricht der Prophet im Namen Gottes: 'Ich, ich Selbst will euch trösten!' Bald verkündet er: 'Ruhe wird dir geben der Herr auf immer und deine Seele mit Glanz erfüllen.' Oder er spricht: 'Nicht wird fortan deine Sonne untergehen und dein Mond nicht mehr abnehmen; denn der Herr wird dein ewiges Licht sein;' und weiter sagt er: 'Wie der Bräutigam sich freuet seiner Braut, so wird sich freuen dein Gott über dich.' Sind das nicht prachtvolle Verheissungen? Durchweht sie nicht die Luft von den Höhen der Ewigkeit? Breiten sie nicht einen immerblühenden Liebesfrühling vor dem liebedürstenden Auge aus? Umwogen sie nicht mit leuchtenden Wellen das Herz, das ihnen vertraut, um es durch einen Ozean der Liebe hinüber an das Gottesherz zu tragen?"
"Signor!" rief Judit und stand lebhaft auf, "ich kann das nicht ertragen! ich habe nicht gewusst, dass Gott mich so liebt. Versenke ich mich in diese Bilder, die keine bemalte Leinwand, sondern Gottesverheissungen, sondern Offenbarung göttlicher Wahrheit sind, so schreit mein Herz auf: Das ist's! das hab' ich gewollt, das hab' ich ersehnt, danach verlangt meine Seele! das ist die Liebe ohne Grenzen, ohne Wechsel, ohne Ebbe und Flut, immer gleich und doch immer neu, die das geschöpf mir nicht zu bieten vermag, weil es selbst begrenzt und wandelbar ist. Dass ich von dieser Liebe geträumt, oder sie geahnt hätte – ich kann's nicht behaupten, obwohl es gewiss ist, dass ich mich immer mit der Liebe wenigstens für eine irdische Ewigkeit einzurichten suchte, und jede andere als einen Irrtum beweinte. Aber Signor! während Sie eben von den Liebestaten und Liebesverheissungen Gottes sprachen, da war es mir, als sei das verschüttete Götterbild in meinem Herzen nichts anderes, als die im Wust der Irdischkeit begrabene Liebe der Seele zu Gott."
"Und was nun weiter, Signora?" fragte Hyazint immer in demselben Ton sanfter Milde, mit dem er das Gespräch begonnen hatte; "werden Sie dem Gott, dem König der Ewigkeit, der wie ein Bettler vor Ihrer Tür steht und um nichts bittet, als um Ihre Seele – werden Sie ihm Ihre Liebe schenken? Unsere Liebe ist unser Wesen. Unserer Liebe folgt unsere Seele, unser Herz, unser ganzer innerer Mensch nach."
"Weil das so wahr ist, Signor, so muss ich mich besinnen!" entgegnete Judit. "Ich weiss nicht, ob nicht die Liebe für das geschöpf zu kurz kommt, wenn man sich mit ganzer Seele in die göttliche Liebe versenkt. Und das darf nicht sein. Ich will auch das geschöpf lieben."
"O, Sie sollen es auch lieben!" rief Hyazint. "Auch diese Liebe soll in den Strahl der Gnadensonne hineintreten, die bereit ist, über Ihnen aufzugehen, und soll daraus eine Kraft und eine Reinheit schöpfen, die jeder natürlichen Empfindung eine höhere Weihe gibt."
"Das beruhigt mich – denn Graf Orest hat mein Wort, und ein Wort ist heilig; nicht wahr, Signor?"
"Ein Wort, das mit voller Erkenntnis und Freiheit in einer gottgefälligen Sache gegeben ist – ist heilig; von seiner Seite sowohl, als von der Ihren, Signora."
"Wohlan, dies ist gewiss eine sehr gottgefällige Sache. Eine solche Treue verdient ihren Lohn und das Wort, das ich dem Grafen seit Jahren wiederholt habe: Alles für alles! soll endlich zur Tat werden. Nur muss ich Zeit haben, mich zu besinnen, meine Gedanken zu ordnen, meine Verpflichtungen als Christin zu überlegen" .... –
"Zeit haben, um ein wenig zu beten," setzte Hyazint hinzu; "beten um den Beistand des heiligen Geistes, dass er Sie erleuchte; beten um treue Befolgung dessen, wozu die Gnade treibt; beten um grosses Verlangen, die unendliche Liebe Gottes zu erkennen."
"Ach, Signor!" unterbrach Judit ihn traurig, "ich verstehe nicht einmal, an so hohe Dinge zu denken; wie könnte ich Worte finden, um sie zu erbitten?"
"Es war einmal in den ersten Jahrhunderten des christentum eine Tochter Babylon's, die Taïs hiess, und die sich auf die dringenden