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Erziehungsplan durchkreuzt, wohl aber die Mutter selbst ihn aufgegeben, also in keiner Weise Widerspruch zu strafen hatte. Uriel bekam Windeck samt Reginen und für Hyazint war dann sehr leicht zu sorgen. So richtete Damian in Gedanken die Zukunft der Kinder so sicher im irdischen Glück und Glanz ein, wie Kunigunde darauf zu hoffen wagte, sie sämtlich zu halben Wundern der Vollkommenheit aufblühen zu sehen. – Nach einigen Jahren hatte sie ein zweites Töchterchen, das ihr Mann mit unaussprechlicher Freude empfing, denn er hatte halb und halb einen Sohn gefürchtet, dermassen hing sein Herz an Uriel. Und wieder gingen Jahre vorüber mit den Sorgen und Freuden des Familienlebens, denen sich Kunigunde mit unbegrenzter Hingebung widmete. Da wurde sie von einem Brustfieber befallen und nach einem kurzen Krankenlager schied diese schöne, zärtliche, liebevolle Seele vom irdischen Leben. Ein Schrei des Jammers folgte ihr nach. Damian war fassungslos; Levin nahe daran; sämtliche Kinder in Verzweiflung. Von einer solchen Trauer hatte kein Mensch auf Windeck je eine Ahnung gehabt. Als ihr Sarg über den Main geführt wurde nach Kloster Engelberg in die Familiengruft, standen beide Ufer gedrängt voll Menschen, die ihr nachweinten und andächtig für sie beteten. In den achtzehn Jahren, die sie auf Windeck verlebt hatte, war ihr Herz zuweilen recht kummervoll und gedrückt gewesen; aber nie hatte sie irgend jemand anders als freundlich empfangen und nie einen Unglücklichen oder Traurigen anders als getröstet entlassen. dafür wurde ihr jetzt manche Träne nachgeweint und manches Gebet nachgeschickt. Im Schloss ging das Leben mechanisch fort, wie sie es geordnet hatte; aber es hatte einen leichenhaften Anflug. Jetzt erst merkte man, wie sie es in ihrer stillen, demütigen, freundlichen Weise beseelt hatte. Als Damian seine Töchter zum erstenmal nicht weiss gekleidet, sondern im Traueranzug sah und dazu ihre kleinen, blassen, verweinten Gesichter, schloss er sie angstaft in seine arme und sagte zu Levin:

"Was soll aus ihnen werden ohne Mutter?"

Da umschlang Regina ihn zärtlich und sagte: "Gräme Dich auch nicht zu sehr, lieber Vater, denn die heilige Mutter Gottes wird jetzt unsere Mutter sein. Eine andere können wir nicht brauchen."

Er beneidete fast das Kind um diese tiefe Zuversicht und um dies Eingehen in die übernatürliche Welt. Er machte sich tausend Vorwürfe, dass er gerade auf diesem Punkt Kunigunde so oft betrübt, so häufig die zarteste Blüte ihres inneren Lebens mit dem kalten Frost seines Indifferentismus verletzt hatte. Er musste sich eingestehen, dass er das Beste, was er in sich selbst fand, Kunigunden verdankte, deren milde Liebe immer gegen seine Selbstsucht kämpfte, ohne sich durch geringe Erfolge entmutigen zu lassen. Da er ihr nicht selbst mehr danken konnte, so nahm er sich vor, in den Töchtern ihr zu vergelten und sie im Sinne der Mutter erziehen zu lassen. In Wien bei den Salesianerinnen hatten Kunigunde und Walburg ihre Erziehung empfangen, und Damian beschloss, seine Töchter ebenfalls einem klösterlichen Institute zu übergeben.

"Nach Wien bringe ich sie aber nicht," sagte er zu Levin, als er mit ihm den Plan überlegte. "Sie müssen so gütig sein, bester Onkel, und ein Institut der Dames du Sacré Coeur auskundschaften, von dem Kunigunde zuweilen redete. Gegen Wien sprechen drei Gründe."

"Und das sind?" fragte Levin voll Erwartung.

"Erstens die grosse Entfernung. Zweitens, dass die liebe Kunigunde im Französischen keinen Pariser Accent hatte. Drittens möchte ich gerne die Kinder von einer gewissen kleinen deutschen Sentimentalität fern halten, von einer gewissen Überschwänglichkeit des Gemütslebens, worin die besten und frömmsten Frauen leicht verfallen und welche sicherlich in einer deutschen klösterlichen Erziehungsanstalt ungemein floriert."

Levin liess diese letzte Annahme auf sich beruhen und erwiderte: "Alle klösterlichen Genossenschaften, die sich der Erziehung der Jugend widmen, tun es im geist des göttlichen Heilandes, der da gesagt hat: 'Lasset die Kindlein zu mir kommen,' und folglich mit der grössten Liebe, Hingebung und Opferwilligkeit, denn sie haben aus der Nachfolge Jesu im Dienste der Seelen freiwillig ihren Stand gemacht. Daher erfüllen sie ihre Pflichten in möglichster Vollkommenheit und verdienen das grösste Vertrauen. Aber, lieber Damian, wo Menschen wirken und handeln, da gibt es Schwächen, und in den Charakteren der Zöglinge gibt es Schattenseiten. Du darfst also Deine Erwartungen nicht übermässig hoch spannen und später die etwaige Unvollkommenheit der Kinder nicht auf Rechnung der klösterlichen Erziehung bringen. Versprichst Du mir das, so will ich gleich Erkundigungen einziehen, die ohne Zweifel höchst günstig lauten werden, indem ja die Dames du Sacré Coeur berühmt sind wegen ihrer brillanten Erziehung für die Welt."

"Das ist es gerade, was ich wünsche!" rief Damian. "Seien Sie unbesorgt, bester Onkel! Geraten die Kinder einigermassen in dieser Richtung, so schwärme ich für das Sacré Coeur. Aber wie einsam, wie unerträglich einsam wird es hier werden."

Das empfand Levin mit schneidendem Herzweh. Die Beschäftigung mit den Kindern war seine Wonne; aber er sagte tröstend zu Damian: "Es war ja schon festgesetzt, dass die ältesten Knaben fort sollten, und wir behalten doch vorderhand Hyazint."

"Ja, den einen, und alle anderen gehen! Mir graut vor der Stille, die hier eintreten wird."

An einem und demselben Tage war allgemeiner Aufbruch in Windeck. Uriel, Orest und Florentin reisten in Begleitung eines Hofmeisters ab, um Gymnasialstudien zu machen; und Damian mit seinen Töchtern zuerst nach