, trinkt die Sünde wie wasser und wünscht durchaus nicht mit ihr zu brechen und sich vom Luzifersdienst zur Anbetung Gottes hinzuwenden. Ihm ist Christus unbequem; darum nennt er ihn eine Fiktion, eine Priestererfindung, um die Gewissen zu schrecken und um in seinem Namen die Seelen zu beherrschen. Und etwas der Art ist Ihnen durchs Gedächtnis geflogen, als Sie im Ton des Vorwurfs sagten: Ihr Christus!"
"Wenn Sie sich mit mir vergleichen," fragte Judit, "halten Sie sich dann nicht für ein unsäglich bevorzugtes Wesen?"
"Was die Gnade betrifft – unsäglich bevorzugt, denn ich bin im Christentum geboren und bei meinem Eintritt ins natürliche Leben empfingen mich alle Gnaden des übernatürlichen Lebens, welche Christus, der menschgewordene, der gekreuzigte, der eucharistische – uns erworben hat, und fort und fort uns spendet. Was aber mein Verdienst betrifft – ach, Signora, da fürchte ich, dass ich, trotz so grosser Gnaden, doch keinen Vorzug vor Ihnen habe."
"Glauben Sie nicht, dass Gott mit besonderem Wohlgefallen auf Sie herabschaut?"
"Wie könnte ich das glauben, Signora! jeder blick in mein Herz zeigt mir – nach innen ein Gewimmel von bösen und sündhaften Neigungen und nach aussen – Fehler und Flecken auf all meinem Tun."
"Das alles sehen Sie in sich, Signor?" rief Judit staunend; "und ich – ich nehme nichts der Art in mir wahr!" – Sie legte ihr Gesicht in ihre hände und setzte nach einer Pause hinzu: "Das Licht der heiligmachenden Gnade, wie Sie es nennen, ist mir noch nicht aufgegangen, und ob es geschehen wird, weiss ich nicht! ich fürchte mich."
"Durch den Mund des Propheten ruft Gott auch Ihnen zu: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Ich habe dich erlöst und dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein."
"Es muss ein entsetzlicher Moment sein, zu entdekken, dass man in sich, gleichsam mit seinem Herzblut, ein Schlangengewimmel nährt, und ich begreife nicht, wie Sie davon so gelassen reden können, Signor. Ich würde darüber verzweifeln. Ich kann es nicht ertragen, den Menschen – sowohl mich selbst als andere – in solcher Erniedrigung zu sehen."
"Und zu dieser Erniedrigung des gefallenen Menschen hat sich der Erlöser herabgelassen, Signora, hat ihr ins Auge und ins Herz geschaut, hat gesehen, dass er rettungslos unheilbar sei, wenn nicht die Todeswunde des Bösen, welche die Sünde ihm schlug, geschlossen werde; hat im wunderbaren Geheimnis seiner Menschwerdung, der menschlichen natur die Vereinigung mit der göttlichen – und die Teilnahme an einem göttlichen Leben gebracht und hat der Majestät Gottes gegenüber seine heiligste Menschheit zu einem Sühn- und Schlachtopfer für den Abfall der unheiligen gemacht. Und dieser Christus steht jetzt auch vor Ihrer Tür, Signora, und klopft an und ist bereit, Ihnen die Teilnahme an seinem göttlichen Leben zu gönnen."
"Was wird aus uns, wenn wir ihn aufnehmen?"
"Der neue Mensch, Signora! Der Mensch ist jetzt nicht mehr in dem Zustand, in welchem er einst aus der Hand Gottes hervorging. Er bringt auf die Welt das Stigma des Sündenfalles mit, in welchen der Stammvater seine ganze Nachkommenschaft bis zum Ende der Zeit verwickelt hat. Das ist die Erbsünde – dies unergründliche Geheimnis, welches das Gemisch von Erhabenheit und Niedrigkeit in jedem Menschen erklärt. Er hat etwas vom Engel und etwas vom Tier: Himmelssehnsucht und gemeine Begierden, einen erhabenen und einen groben Instinkt, edle und brutale Neigungen. Er trägt das Ebenbild Gottes an der Seele – und dem leib nach, von Staub und Asche, von Fleisch und Blut, steht er in einer Reihe mit den unvernünftigen Kreaturen. Daraus entspringt eine zwiefache Sympatie, die von zwiefachem Gesetz angezogen wird; die eine – für das Schöne, das Geistige, das Ewige, das Unsterbliche; die andere – für Sinnliches und für rohen Genuss. Das göttliche Gesetz begehrt vom Menschen Gehorsam und Unterwerfung. Das Gesetz der gefallenen natur macht denselben Anspruch und die böse Begier bäumt sich gegen Gott auf. Folgt ihr der Mensch, so begeht er eine Sünde – und je mehr er ihr folgt, desto schwächer wird seine Kraft für das Gute und für den Widerstand gegen die böse Begier. Welche Kämpfe aus dieser Doppelrichtung, aus diesem Streit von zwei entgegengesetzten Elementen, welche in der menschlichen natur begründet sind – für jeden Menschen hervorgehen, welche Niederlagen er leidet, mit welchen Anstrengungen er sich aufrichtet, wie er sich verzweiflungsvoll zu einer Bahn gedrängt fühlt, die er verabscheut, wie er sehnsuchtsvoll nach lichter Schönheit verlangt, die ihm in den Höhen vorschwebt und zu der er sich nicht zu erheben vermag: das hat der Apostel Paulus in den zwei Worten ausgedrückt: Das Gute, das ich will – tue ich nicht, und das Böse, das ich nicht will – das tue ich. Unser himmlischer Instinkt ist nicht stark genug, um die Neigung der sündigen natur zu den Dingen der Erde zu besiegen; das lehrt uns jeder unbefangene blick, den wir in uns selbst werfen. Er sollte triumphieren, aber ach! er wird von ihr erstickt, wenn die Gnade ihm nicht zu Hilfe kommt und ihn in Tugend verwandelt, indem sie ihn zur Richtung des Willens auf das Gute, auf Gott, macht. Hinter der starren, rauhen Rinde eines Baumes steigt ein wunderbarer Lebenstrieb auf und ab,